Lebensgefahr für blinde Menschen in Konz

Konz. Für viele blinde oder sehbehinderte Menschen kann der Gang vor die eigene Haustür zu einem gefährlichen Unterfangen werden. Fehlende Leitsysteme sowie nicht vorhandene haptische und akustische Signale an Ampeln schränken den Bewegungsradius von Betroffenen auch in Konz ein. Für die Verbesserung der Orientierungsmöglichkeiten engagiert sich der Verein Pro Retina.

Wolfgang Jacobs aus Konz hat die Stadt vermessen: 250 Schritte sind es bis zum Rathaus, ebenso viele zum Kaufland. Zur Tochter Julia wären es eigentlich nur 50 Schritte. Von seiner Wohnung aus müsste er lediglich über die Straße und ein kurzes Stück auf dem Bürgersteig entlang. Für Sehende überhaupt kein Problem, auch nicht der Autoverkehr in der dicht befahrenen Schillerstraße. Doch für den vollständig erblindeten Wolfgang Jacobs führt ohne Begleitung kein direkter Weg zu seiner Tochter. Wieder hilft ihm das Zählen - wie auch sonst im gewohnten Alltag, auch beim Kaffeekochen. 200 Schritte sind es bis zum Kreisel am ehemaligen Rewe-Markt, weitere 200 die Güterstraße hinunter, dann unter den Gleisen durch und weiter auf der anderen Seite. Bis zum Ziel sind es so anstatt der 50 Schritte nun um die 1200, schätzt Jacobs. Entlang des Weges orientiert sich der 75-Jährige mithilfe seines Blindenstockes an den mehr oder weniger natürlichen Hindernissen wie Bordsteinen, Grünflächen und Geländern. Immerhin kennt der gebürtige Konzer "seine" Stadt wie die eigene Westentasche - auch optisch, denn Jacobs ist ein sogenannter Späterblindeter, der mit einem angeborenen Glaukom zur Welt kam und seit 2003 über keinerlei Sehfähigkeit mehr verfügt.

Ampeln ohne taktile Elemente

Ein besonderes Hindernis für Blinde und Sehbehinderte sind die Ampelanlagen in der Granastraße, denn hier mangelt es an taktilen Elementen wie beispielsweise akustischen oder haptischen Signalen, die auf die Grün- beziehungsweise Rotphase hinweisen. Das typische monotone Klack-Geräusch an Ampeln hilft blinden Menschen normalerweise, den bekannten gelben Drücker ausfindig zu machen. Zum akustischen Hinweiston bei Grün gesellt sich eine Vibration unmittelbar am Taster, der taubstummen Menschen grünes Licht zur Überquerung der Straße gibt. Das alles fehlt hier. Wolfgang Jacobs hat an diesem Kreuzungspunkt damit keinerlei Hinweise, wann der Übergang für ihn sicher ist.

"Von der Stadt enttäuscht"

Auf WochenSpiegel-Anfrage äußert sich die Stadt Konz: "Die Verwaltung hatte vor zwei Wochen einen Termin mit dem Landesbetrieb Mobilität (LBM) in Trier. Die Stadt Konz hat sich seit langem beim LBM dafür ausgesprochen, die Anlage zu erneuern. Bis Anfang nächsten Jahres soll hier eine Änderung erfolgen. Damit einhergehend finden auch die üblicherweise in der Stadt durchgeführten Modifizierungen bei Ausbau beziehungsweise Neubau mit taktilen Elementen statt. Die Fahrbahnbeläge, als auch die notwendigen Absenkungen der Bordsteine werden ebenfalls vorgenommen." Wolfgang Jacobs wundert sich über das Statement: "Sowas empört mich!" Vor drei Jahren habe er über den damaligen Behindertenbeauftragten der Stadt Konz einen entsprechenden Antrag gestellt - ohne Rückmeldung. "Ich bin von der Stadt vollkommen enttäuscht", sagt auch Marion Palm-Stalp, Pro Retina Regionalgruppenleiterin Trier und Saarland. Anfang 2020 habe sie im Namen von Pro Retina einen gleichartigen Antrag gestellt. Auf Sachstandsanfrage im Winter 2020 erhielt sie von der Kommune die Antwort, dass sich der LBM um diese Angelegenheit kümmere und zeitnah Rückmeldung geben würde. "Jetzt sind wir ein halbes Jahr weiter ohne sichtlich vorangekommen zu sein", sagt sie. Darüber hinaus habe sie sich auch mehr vom amtierenden Behindertenbeauftragten der Stadt erhofft. "Ich habe das Gefühl, dass er noch nicht in seinem Amt angekommen ist." Es stellt sich die Frage, warum auf Seiten der Stadt eine vermeintliche Passivität in dieser Sache vorzuliegen scheint. "Das Interesse der Bürgermeister an den Bürgern lässt nach der Wahl rapide nach", beschreibt Jacobs seine Sicht auf die Dinge. Er weiß selbst, dass ein vollständig sehbehindertengerechter öffentlicher Raum zu viel verlangt ist, "aber ein Minimum an Orientierungsmöglichkeiten wäre wichtig" - auch angesichts der auch für die Kommunen geltenden Behindertenrechtskonvention.

Der Verein Pro Retina plant am 6. Juni eine Pollermützen-Aktion. Hierbei werden Pollern an Gehwegen und in Fußgängerzonen selbstgestrickte und gehäkelte Mützen aufgetzt, um diese sichtbar zu machen.

(jk)

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