Warmes Nest für Eisvögel & Co.

VG Ruwer. Sommerauer Schlossberg als Leuchtpunkt der Artenvielfalt ausgezeichnet.

Als Felix von Nell das erste Mal entlang der engen Serpentinen durch den Wald ins tiefe Ruwertal fuhr und Sommerau erreichte, war es um ihn geschehen. „Das ist alles so kuschelig hier; irgendwie verwunschen“, erklärt der 20-Jährige. Und spätestens nach dem intensiveren, zweiten Blick auf Landschaft und Natur, stand für den angehenden Winzer fest: „Der Sommerauer Schlossberg ist für mich ein Leuchtpunkt der Artenvielfalt.“


Felix von Nell hatte gerade beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Mosel seine Qualifizierungskurse zum Naturerlebnisbegleiter erfolgreich absolviert und war wie seine „Kollegen“ im Kontext des DLR-Projekts „Lebendige Moselweinberge“ aufgerufen, seinen Leuchtpunkt-Favoriten zu nennen. Jedenfalls musste er nicht lange überlegen und sein Vorschlag, Sommerau auszuzeichnen, fiel beim DLR mit Sitz in Bernkastel-Kues auf fruchtbaren Boden. Es ist die Kombination in Sommerau aus Burgruine, einem der steilsten Weinberge im Ruwertal (beides in Besitz der Familie Willkomm), idyllischer Ortslage, einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt und nicht zuletzt dem besonderen Engagement der Menschen vor Ort, die einzigartig ist.

Feierliche Überreichung der Urkunde

Am 18. Mai war es dann soweit. Pünktlich zum 10. Geburtstag des Ruwer-Hochwald-Radwegs wurden in einer stimmungsvollen Feier vor dem Gut Sommerau Urkunde und Leuchtpunktschilder überreicht und die Infotafel direkt neben dem Radweg enthüllt.  

DLR-Leiter Hubert Friedrich sagte, es würden nun auf keinen Fall inflationär Leuchtpunkte ausgezeichnet. Für die gesamte Mosel samt ihrer Nebenflüsse sei die Zahl auf 16 begrenzt. „Es ist und bleibt also schon etwas Besonderes, Leuchtpunkt der Artenvielfalt zu sein“, sagte er. Bei allen Informationen über das Artensterben könne man schon depressiv werden. Im Dienstleistungszentrum habe man sich für einen anderen Ansatz entschieden: nämlich mit den Pfunden zu wuchern und Menschen den Wert der Weinkulturlandschaft näherzubringen. Wer sie schätze, schätze auch ihre Produkte. Entgegen der landläufigen Meinung seien die Leuchtpunkte keine touristische Maßnahme. „Nein, wir wollen Einheimische ansprechen, damit sie wieder lernen, die Heimat wertzuschätzen.“ Die Naturerlebnisbegleiter seien im Übrigen keine Dozenten, sie versuchten Menschen anzuleiten, selber etwas zu entdecken und in der Natur Spannendes zu erleben.

Öffentliche Ämter fest in Frauenhand

Und was bedeutet das in Bezug auf Sommerau? „Klein, aber oho“ könnte man die Ruwertalgemeinde charakterisieren. Das wurde sowohl in den Ausführungen von Stephanie Nickels, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Ruwer, als auch von Ortsbürgermeisterin Doris Scherf deutlich. Sommerau: kleinstes Dorf in der Verbandsgemeinde, 76 Einwohner, 104 Hektar Fläche, in öffentlichen Ämtern fest in Frauenhand, Burg, Wasserfall, rauschende Ruwer, einer der steilsten Weinberge an der Ruwer, aktiver Mühlenbetrieb, naturverträgliche Entscheidungen, ein Biobauer „und nun auch noch Leuchtpunkt der Artenvielfalt“.

Wenn auch die Weinlagenbezeichnung Ruwer verschwunden sei, befand Stephanie Nickels, so liege doch gerade dort „die geheime Schatzkammer der Mosel“. Sie bedankte sich bei Felix von Nell für dessen ansteckende Begeisterung für die Natur: „Er sieht das Große in den kleinen Dingen.“
Davon konnten sich bei einem Rundgang durch Sommerau dann viele überzeugen. Vorbei ging es zum Beispiel an dem steilen Weinberg, dem Schlossberg. Besitzer Michael Willkomm hatte seinem Vater versprechen müssen, „niemals Sommerau zu verkaufen“. Der steile Rollschieferberg, immer wieder erfrorene Reben wie auch aktuell: Es war nicht immer leicht, das Versprechen zu halten. Aber: „Wenn der Wein gedeiht, ist er exzellent.“ Und er ist Heimat für Fauna und Flora. „Bitte aufpassen und nicht auf die Weinbergschnecken treten“, warnte Felix von Nell. Er stammt vom Weingut von Nell im Trier-Olewiger Tiergarten, kennt aber in Sommerau jeden Stein, jedes Tier und jede Pflanze. Er zeigte auf ein „Kraut“ und ließ die Besucher kosten. Richtig: Kresse. Dann lenkte er den Blick auf den köstlichen Feldsalat, der hier wächst. Dann plötzlich mitten im Grün tauchte er auf, der Seerosenteich. Einfach nur schön. Der Experte verriet: „Schauen Sie, auf dem Teich leben zwei Arten von Seerosen.“ In friedlicher Koexistenz leuchten gelbe und weiße Teichrosen um die Wette. Eisvögel hätten ihr Herz für Sommerau erwärmt und liebten Ruwer-Fisch, europäische Wildkatzen ebenso; dort begegne die Schlingnatter der Mauereidechse. „Hier schwirren Libellen herum. Und es gibt blauflügelige Ödlandschrecken.“ Und wo sind die Orchideen? „Die zeige ich noch. Aber schreiben Sie besser nichts über den Standort. Die brauchen Schutz.“

Info
Die Leuchtpunkte sind vor Ort beschildert. Über einen QR-Code erhalten Besucher mithilfe des Mobiltelefons Informationen. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.lebendige-moselweinberge.de/leuchtpunkte.html. Bis Ende des Jahres soll auch ein Film über den „Leuchtpunkt Schlossberg Sommerau“ fertiggestellt werden. 

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