Renan Demirkan: Toleranz ist Tyrannei in Häppchen

VG Saarburg. Im Rahmen des 2. Saar-Hunsrück Literatur- und Musikfestivals stellt die 1962 in Ankara geborene Autorin und Schauspielerin Renan Demirkan ihr Buch »Respekt« vor. Nach Deutschland kam sie als Siebenjährige. Nach dem Diplom 1980 an der Hochschule für Musik und Theater Hannover gelang ihr der Durchbruch im Theater und auf der Leinwand. Sie erhielt den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, den Grimme Preis, die Goldene Kamera, den Hessischen Filmpreis, den Preis der Inthega und das Bundesverdienstkreuz. Mit WochenSpiegel-Redakteurin Andrea Fischer sprach sie im Vorfeld zum 2. Saar-Hunsrück Musik- und Literaturfestival am 30./31. August auf der Saarburg über Respekt, Toleranz und die Saar-Mosel-Region.

 Sie werden aus Ihrem Buch "Respekt" lesen. Was war der Auslöser, dieses Buch zu schreiben beziehungsweise gibt es einen konkreten Hintergrund? Seit Mitte der 90er Jahre spürte ich immer mehr, dass unser Leben irgendwie fremdbestimmter wurde und dass  das »Miteinander-Verbinden« nicht nur nicht mehr gewollt war, sondern, dass das Getrenntsein zum Prinzip der virtuellen Moderne geworden war.  Nach der Finanzkrise 2007/2008 habe ich angefangen zu recherchieren.   Sie unterscheiden in Ihrem Buch deutlich zwischen Respekt, Toleranz und Akzeptanz. Toleranz ist nicht gleichzusetzen mit Respekt? Klassifiziert man Menschen mit seiner Toleranz zu zweitklassigen Menschen? Was bedeutet Respekt für Sie persönlich? Toleranz gründet auf ein Herrschaftsdenken ? es besteht auf Distanz und Unterordnung und kultureller Hierarchie. Toleranz simuliert Akzeptanz, indem es andere gewähren lässt. Allerdings immer nur soweit und nur solange, wie es die Interessen der Herrschenden nicht infrage stellt. Toleranz ist Tyrannei in Häppchen. Respekt dagegen geht von der Gleichrangigkeit aller Menschen aus - auf Augenhöhe und in einem herrschaftsfreien Raum.Sehen Sie im mangelnden Respekt auch den Grund steigender Gewalt? Wird Respekt nicht mehr gelehrt? Leben wir in einer respektlosen Gesellschaft?Ich will versuchen, die Komplexität der Antwort in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Vor allem leben wir in sich immer mehr spaltenden Gesellschaften. Die Textur der Demokratien ist so porös, wie ich sie während meiner Lebenszeit noch nie beobachtet und gespürt habe. Da hat sich zum einen der Arbeitsbegriff fundamental verändert und manifestiert die Schere zwischen arm und reich dauerhaft. Das wiederum ist pure Demütigung für die Betroffenen und nur ein Signal dieser Entwicklung. Die zunehmende Gewalt ist ein weiteres, dann kommt etwas ganz Neues hinzu, dessen sich der moderne Mensch erst einmal selbst bewusst werden muss: Das Switchen zwischen der analogen Welt und der virtuellen: Hier die wirkliche Identität, dort die inszenierte Identität. Hier begrenztes Raum-Zeit-Moral-Gefüge, dort die pure Grenzenlosigkeit und Maßlosigkeit.  Hier die Sichtbarkeit, dort die Anonymität und so weiter. Das hat fatale Konsequenzen für die Identität jedes einzelnen und auch für das gesellschaftliche Gefüge - für die Bindungsfähigkeit !! Um all das jedem einzelnen wirklich bewusst zu machen, müssen wir sowohl individuell in der Ausbildung schon sehr früh beginnen. Da brauchen wir im besonderen neue Ausbildungsinhalte - Stichworte Kreativität und handlungsorientiertes wissen - als auch auf der gesellschaftlichen Ebene aufklären. Da bauchen wir einen neuen Konsens: Unser Ziel muss sein, die ökonomischen Spaltungen zu schließen, das soziale Gefälle auszugleichen mit zum Beispiel einem bedingungsloses Grundeinkommen. Wir müssen Hierarchien abbauen und die Gleichrangigkeit aller gesellschaftlichen Arbeit anerkennen. Die Moderne schreibt einen vollkommen neuen Arbeitsbegriff vor.Ees geht nicht mehr darum, die (Erwerbs)-Arbeit zu verbessern, sondern diese mehr und mehr  abzuschaffen. Und das kriegt man nicht mehr mit einem" gutes-Benehmen-Training korrigiert" - so wie es einige Kommunikationstrainer vorgaukeln. Ihre Wurzeln liegen in der Türkei. Sie haben in einem Ihrer Bücher Ihr Leben als eine Suche nach der Identität zwischen den Kulturen beschrieben. Kann diese Suche jemals beendet werden oder wird es eine lebenslange Suche bleiben?Ich glaube, die Suche nach dem »Wer bin ich und warum« hört nie auf, egal, wo man geboren ist und wie alt man ist. Das ist das Gesetz des Lebens: Jeder Tag fängt von vorne an. Ich kann mich nur bis heute erklären, aber ich weiß nicht, was mich morgen erwartet und wie ich reagieren werde. Übrigens wird man auch nicht klüger oder weiser,  nur etwas bedachter, ein klein wenig, finde ich.Sie werden beim 2. Saar-Hunsrück Literatur- und Musikfestival auf der Saarburg sonntags lesen. Was bedeutet es Ihnen, vor einer solch beeindruckenden historischen Kulisse ein Gastspiel zu haben?Ich freue mich!  Sie haben vor nicht allzu langer Zeit in Konz in der Stadtbibliothek gelesen. Wie gefällt Ihnen die Region um Mosel und Saar? Ich war fast 15 Jahre auf Tournee und weiß: Deutschland ist voll mit wunderschönen Regionen ? und die Mosel-Saar-Region ist ganz sicher eine der schönsten.   Werden Sie sich Saarburg in seinem 1050-jährigen Festkleid anschauen können? Ich hoffe, dass mir Zeit bleibt zu schauen. Sie wechseln zwischen Ihren beiden Berufen als Schauspielerin und Autorin fließend hin und her. Was betrachten Sie als größere Herausforderung und was ist  Ihre größere Leidenschaft? Das sieht vielleicht fließend aus ? ist es aber nicht. Und die einzige und auch die größte Herausforderung ist, nicht verloren zu gehen zwischen den sehr entgegengesetzten Disziplinen und Leidenschaften und eine Balance im Energiehaushalt zu finden. Ist es wichtig für Sie, Ihren Lesern nahe zu sein? Wie unterscheidet sich eine Lesung für einen Fernsehspot von einer Lesung vor Publikum?

Für mich ist nichts befriedigender als die direkte Begegnung.

FIS/FOTO: FF

 

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