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Es war einmal… Das "Schwizer Dörfli“ auf dem Augustinerhof

Ein Jahr nach Kriegsende kommen die Schweizer nach Trier

Stadt Trier. Im Schatten des Hochbunkers am Augustinerhof, unweit des heutigen Humboldt-Gymnasiums, herrscht in den vorweihnachtlichen Tagen besonders hektischer Verkehr. Autos reihen sich aneinander, aufgeregt hantieren die Menschen in ihren Autos auf der Suche nach einem der begehrten Parkplätze. Vor rund 70 Jahren kam man aus anderen Gründen zu diesem Ort, als die Stadt vom Krieg gezeichnet und die Not allgegenwärtig war. Von 1946 bis 1948 betrieb die Schweizer Spende auf dem Areal zwischen Hochbunker und Stadttheater das Schweizer „Dörfli“, eine karitative Einrichtung, in der ausschließlich notleidende Kinder versorgt wurden.

Der 13. Dezember 1944 ist für die Stadt Trier ein Schicksalstag. An diesem Mittwoch im Dezember genehmigte der eidgenössische Ständerat die Gründung der Hilfsaktion Schweizer Spende, die weniger als zwei Jahre später – neben 18 anderen europäischen Ländern – auch in Deutschland tätig wurde. Als der Krieg über in Trier hinweg gezogen war, zählte die Stadt weniger als 1.000 Bewohner, in der Hauptsache Funktionspersonal wie Feuerwehrmänner oder Mitarbeiter der Stadtwerke.

Die Not herrscht in Trier

Bereits 1948 lebten wieder rund 70.000 Menschen in der Stadt. Die zurückgekehrten Familien standen dabei vor dem Nichts: Ihre Wohnungen waren entweder ausgebombt oder im besten Fall geplündert, es fehlte an Bekleidung und vor allem an Lebensmitteln. Der von den Alliierten als Bürgermeister eingesetzte Friedrich Breitbach erwarb sich in dieser Zeit zwar große Verdienste um die Reorganisation des Gemeinwesens, gleichwohl war die Verwaltung zu keiner Zeit in der Lage, die Bevölkerung ausreichend versorgen zu können. Die Folgen: Unterernährung und damit ein Anstieg der Tuberkulosegefahr, begleitet von einer sich rapide erhöhenden Säuglingssterblichkeit. Selbst anderthalb Jahre nach Kriegsende war Trier durch zerstörte Bahnanlagen von der Außenwelt abgeschnitten, was das Heranschaffen von Lebensmitteln zusätzlich einschränkte.

Die Schweizer kommen

In dieser desolaten Situation traf am 27. April 1946 die fünf Mitglieder zählende Vorhut der Schweizer Spende in der Stadt ein. Bereits im Vorfeld war Breitbach über die Ankunft und Art der Hilfe in Kenntnis gesetzt worden. Er zeigte sich äußerst erfreut über die der Stadt zuteil gewordene Unterstützung, nahm die Kinderspeisung ihm doch einen Teil der akuten Sorgen ab. Über die mittlerweile notdürftig wiederhergestellte Bahnverbindung waren wenige Tage zuvor aus Genf fünf Eisenbahnwagen mit Bauteilen für vier Militärbaracken angekommen. Der Augustinerhof war für den Aufbau des „Dörflis“ aufgrund seiner zentralen Lage und des geräumigen Hochbunkers ideal. Die Küche hingegen wurde im benachbarten Bauamt eingerichtet. Gemäß ihrer Statuten veranlasste die Schweizer Equipe die Bildung eines Hilfsausschusses, bestehend aus den örtlichen Leitern der Caritas, Arbeiterwohlfahrt, der Inneren Mission und des Roten Kreuzes. Dieser Ausschuss stand der Equipe beratend zur Seite und wählte die zur Speisung vorgesehenen Kinder aus. Darüber hinaus hatte er die laufenden Kosten zu tragen, während sich die Schweizer Spende für die allgemeine Durchführung der Aktion sowie für die Verwaltung der aus der Schweiz gesendeten Lebensmittel und Bedarfsgüter verantwortlich zeichnete.

„Die Zusammenarbeit mit dem Hilfsausschuss war während der zurückliegenden Zeit stets die beste und alle an uns herantretenden Fragen und Probleme konnten reibungslos und ohne besondere Schwierigkeiten gelöst werden“, vermerkte hierzu die Leiterin der Trierer Schweizer Spende M. Breitenmoser.

Das „Dörfli“ nimmt die Arbeit auf

 

Die vier Baracken waren im Carée aufgestellt und beherbergten in zeitlichen Abständen neben einem Speisesaal auch eine Näh-, Flick- und Strickstube, einen Kindergarten, eine Bibliothek sowie eine Schuhmacherei; in der Mitte des so umschlossenen Platzes stand unterdessen ein Fahnenmast mit der ikonischen Schweizer Nationalflagge. Die völlig verwüsteten Rathaus- sowie Gymnasialgebäude wurden dabei wohlwollend von den noch heute existierenden Bäumen verdeckt. Die Speisung begann am 27. Mai 1946. Im ersten Monat konnten täglich bereits 2.300 Kinder gespeist werden. Die Auswahl lag dabei in den Händen des mit dem Hilfsausschuss kooperierenden Trierer Gesundheitsamtes. Die Kinder wurden dabei von der Stadtärztin in die Kategorien A bis E eingeteilt, wobei die Verfassung der A-kategorisierten als besonders schlecht eingeschätzt wurde. Insgesamt seien so „sämtliche Kinder der Stadt Trier im Alter von sechs bis 14 Jahren verpflegt“ worden. Die Speisung fand in der Regel in den Trierer Schulen statt, ein kleiner Teil wurde direkt im „Dörfli“ versorgt. Ein von der Stadt gestellter Lastwagen lieferte die Mahlzeiten in den Schulen ab, insgesamt 1.000.000 Portionen – zubereitet von drei Mitarbeitern in vier jeweils 300 Liter fassenden Kochkesseln – gelangten so in den zwei Aktionsjahren an ihr Ziel. Um unrechtmäßige Speisung zu verhindern, erhielten die berechtigten Kinder eine besondere Ausweiskarte, die vor jedem Mittagessen vorgezeigt werden musste.

Hilfe für die ganz Kleinen

Nachdem so die Lebensmittelversorgung gesichert war, richteten die Mitarbeiter des „Dörflis“ einen temporären Kindergarten nebst Spielplatz ein. Der Abschlussbericht gibt hierüber Auskunft:

„Jetzt ging’s los! Ehe man sich umsah, war ein großes Quadrat zum Plantschbecken ausgeworfen. Es wurde in kürzester Zeit Dank dem Bauamt fertiggestellt. Bald stand auch die Schaukel, der Sandkasten wurde angelegt und mit rotem Sand gefüllt. Auf dem freien Rasen zimmerte unser Dörf’lischreiner aus Birken kleine Tische und Bänke; auch das Knusperhäusch’chen wurde nicht vergessen. Auf die Häus’chen kam zum guten Schluss ein schwarz-weisser-Kater, der drohend einen Buckel machte.“

In den Kindergarten aufgenommen wurden diejenigen Kinder, die vormals in den ausgebombten Kindergärten mitten in der Stadt betreut wurden sowie die aus dem nicht näher bezeichneten „Sorgenviertel“. Die ersten „Gäste“ zogen am 25. Juni 1947 ein. Mit der Ruhe war es nun vorbei:

 „Jetzt begann für die Tanten die große Arbeit und für die Kleinen ein lustiges Leben. Am 22. September 1947 hatte das Schweizer Dörf’chen seine letzten Sommergäste. Mit dem Wegbleiben der kleinen Schar aber fehlte dem Dörf’chen ein grosses Etwas“, schreibt Breitenmoser.

Die Organisation entschloss sich deshalb dazu, einen permanenten Kindergarten einzurichten, für den in Folge unentwegt Lieferungen aus der Schweiz eintrafen. Die Ausstattung besserte sich, insbesondere gelegentliche Schokoladenlieferungen sorgten bei den Kleinen für „große Äuglein“. Der Winter sorgte jedoch bei dem einen oder anderen kleinen Gast für einen ordentlichen Husten. Doch:

„Tante Lydia wusste Rat. Sie kam mit Honig und Zitronen, eben aus der Schweiz erhalten; ein Glück. Nun gab es jeden Morgen Honig mit Zitronensaft. Hei, was das für klebrige Münd’chen, strahlende Augen und rote Backen gab.“

Im Frühjahr ging es wieder nach draußen, zusammen mit dem liebgewonnenen Spielzeug, den Puppenwiegen, einem Wagen und dem alten Schaukelpferd. Jeden Morgen erhielten die Kinder Birnendicksaft, nach dem Mittagessen gab es zusätzlich Apfelmus. Mit Zufriedenheit stellten die Ärzte nach sechs Wochen eine durchschnittliche Gewichtszunahme von drei bis vier Pfund pro Kind fest. Mit dem Ende der Schweizer Spende in Trier endete die Kinderbetreuung am 25. Juni 1948.

Hilfe zur Selbsthilfe

Gemäß ihrer Statuten sollte die Schweizer Spende – neben humanitärer Hilfe – auch Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Innerhalb des „Dörflis“ arbeiteten bereits ganz selbstverständlich auch Trierer Bürger in den unterschiedlichen Funktionen mit. Ortsansässige Unternehmen halfen bei Verschönerungsarbeiten inner- und außerhalb der Baracken. Mit einer ins Leben gerufenen Bastel- und Nähstube lernten die emsigen Trierer, wie aus alten Blechdosen und Holzkisten Spielzeug und andere nützliche Gegenstände hergestellt werden konnten. In der Nähstube waren 20 Näherinnen angestellt, die bis September 1946 insgesamt 324 Sommerkleider hergestellt und bis 1948 rund 10.000 Meter Stoff verarbeitet hatten. Die „Alt-Leut“ Strickstube verbrauchte in zwei Jahren rund 380 Kilogramm Wolle und stellte daraus fast 3.500 Kleidungsstücke her. In der Flickstube standen drei reparaturbedürftige Nähmaschinen zur Verfügung. Um mit diesen Kleidung ausbessern zu können, wurden an die Trierer Wohlfahrtsverbände sogenannte „Flickbons“ ausgegeben – ein Angebot, dessen Notwendigkeit die Zahl von 1.300 Besuchern allein im März 1947 verdeutlichte. Bereits im November 1946 hatte im „Dörfli“ eine Schuhreparaturstätte den Betrieb aufgenommen. Ein Trierer Schuhmachermeister, der Maschinen aus seinem Privatbesitz mitbrachte, reparierte dort zusammen mit einem kriegsversehrten Umschüler monatlich rund 250 Paar Schuhe. Wenn es der Vorrat zuließ, gab’s bei der Schuhrückgabe ein neues Paar der äußerst begehrten Schnürsenkel kostenlos dazu. Insgesamt hatte die Werkstatt am Ende rund 2.500 Paar reparierte Schuhe sowie 36 Neuanfertigungen vorzuweisen.

Der Nikolaus kommt

Pünktlich zu Heilig Abend fand auch der Nikolaus zusammen mit den Weihnachtsengeln den Weg ins „Dörfli“. Wurden 1946 circa 11.000 Tafeln Schokolade und Bonbons verteilt, so waren es ein Jahr später schon 12.000 Tafeln sowie zusätzlich 1.000 Kilogramm Äpfel.

Am 30. Juni 1948 stellte die Schweizer Spende ihre Tätigkeit ein. Die gesamte aufgebaute Anlage am Augustinerhof wurde infolge dessen als Geschenk an die Stadt Trier übergeben.

In einem Brief an die Hilfsaktion heißt es: „Die Trierer haben aus Ihrem Wirken erkannt, dass die Liebe stärker ist als der Hass, und sie schöpfen daraus die Hoffnung, dass doch einmal die Liebe die Völker zueinander zu Glück und Wohlfahrt führen möge.“

Fotos: Stadtarchiv Trier

Wir danken dem Stadtarchiv Trier für die freundliche Bereitstellung der Archivbilder.

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Kommentar von Bernard Seibel
Ein interessanter Artikel, doch es wurde noch nicht alles dargestellt. Ich erinnere mich, dass ich als damaliger Schüler der Volksschule St. Antonius das zweite Schuljahr (1953) im "Schweizer Dörfchen" verbracht habe. In einer anderen Baracke waren auch neuapostolische Schüler untergebracht, mit denen wir als katholische Schüler nicht spielen durften. Es waren andere Zeiten!!