Leitwölfe: Jassman zwischen Himmel und Basketball-Parkett

Stadt Trier. Im zweiten Teil der neuen Serie "Leitwölfe" war der WochenSpiegel mit Chad Jassman, Kapitän der Goldmann Dolphins, unterwegs. Seit drei Jahren steht der kanadische Nationalspieler nun schon im Kader der Trierer Rollstuhlbasketballer. Mit dem WochenSpiegel sprach der 30-jährige Guard über die Paralympics und wie ein Unfall für immer sein Leben veränderte.

Es ist 11 Uhr. Chad Jassmann bestellt sich einen Salami-Bagle und einen Cappuccino ? sein Frühstück. Er ist eher der Langschläfer. Für das Interview ist er extra früher aufgestanden, erzählt er lachend. Die Saison ist für die Dolphins vorbei. Während die meisten seiner Teamkollegen am Wochenende wieder Richtung Heimat aufbrechen, wird Jassman noch etwas in Trier bleiben. Die kanadische Nationalmannschaft spielt im April ein Turnier in Belgien, Jassman wird seine Landsleute dort treffen. Das ist einfacher als vorher nach Kanada zu reisen, denn reisen muss Jassman über das Jahr genug: Auch während der regulären Rollstuhlbasketball-Saison ist er mit der Nationalmannschaft unterwegs. Stören tut ihn das nicht, er liebt seinen Job.

Ein Autounfall veränderte sein Leben

Mit dem kanadischen Team holte der 30-Jährige bei den Paralympics in London vor zwei Jahren Gold. Für die Weltmeisterschaft in Korea dieses Jahr hat sich das Team nicht qualifiziert. "Natürlich ist das sehr enttäuschend", sagt Jassman. Runterziehen lässt er sich davon nicht: Er hat bereits die nächsten Paralympics in Brasilien im Auge, bei denen er wieder Gold holen möchte - Jassman ist ein positiv denkender Mensch. Eigentlich wollte er Pilot werden und studierte am College Luftfahrt. Mit 20 Jahren ? Jassman hatte gerade einen Collegeabschluss und seinen Pilotenschein in der Tasche ? hatte er einen schweren Autounfall. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. "Der Unfall war ein Einschnitt in meinem Leben. Es war eine große Veränderung. Ich kannte bis dahin niemanden im Rollstuhl, ich wusste nichts darüber", erzählt er. Aus seinem sozialen Umfeld bekam er damals viel Rückhalt, das gab ihm Kraft. Mitleid möchte er keins, im Gegenteil. "Ohne den Unfall wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin. Es macht mir nichts aus im Rollstuhl zu sitzen. Ich habe ein großartiges Leben", sagt er mit einem Funkeln in den braunen Augen. "Ich kann immer noch die Sachen machen, die ich auch vor dem Unfall gemacht habe. Ich mache sie jetzt nur eben etwas anders", sagt er mit einem Lächeln: Er fährt Auto, auch eine gültige Fluglizenz hat er. Maschinen, die auf reine Handbedienung ausgelegt sind, kann er nach wie vor fliegen. Wenn er zuhause in Kanada ist, macht er es hin und wieder in seiner Freizeit. "Es ist ein unbeschreiblich tolles Gefühlt", sagt er.

Rollstuhlbasketball erinnert ihn an Hockey

Durch den Unfall kam Jassman auch zum Rollstuhlbasketball. "Ich habe es so sieben, acht Monate nach dem Unfall ausprobiert. Es hat gut geklappt und Spaß gemacht. Ich habe vorher überhaupt nichts mit Basketball zu tun gehabt. Im Gegenteil, ich war sogar extrem schlecht im Basketball spielen", sagt er lachend und erzählt, dass er während seiner Collegezeit Hockey spielte. "Rollstuhlbasketball erinnert mich ein wenig an Hockey, weil es auch etwas härter auf dem Spielfeld zugeht." 

 "Wir brauchen eigentlich keinen Kapitän"

Auf sein Amt als Kapitän in der Mannschaft ist er stolz, dennoch gibt sich der Nationalspieler bescheiden. "Wir haben viele gute und führungsstarke Spieler in der Mannschaft. Meine Funktion unterscheidet mich nicht von den anderen. Es ist eher eine Sache auf dem Papier. Wir sind ein tolles Team und brauchen eigentlich keinen Kapitän", sagt er. Auch in der nächsten Saison wird der charismatische Kanadier mit den kurzen braunen Haaren und dem Drei-Tage-Bart wieder für die Trierer Dolphins auflaufen. "Wir waren sehr erfolgreich diese Saison und haben zum ersten Mal die Play-Offs erreicht. Das möchte ich gerne ausbauen."

 

"Man muss das Leben genießen"

In der Mannschaft fühlt Jassman sich sehr wohl.  "Wir sind auch außerhalb des Spielfeldes alle miteinander befreundet. Es ist eine sehr familiäre Atmosphäre hier."  Auch Trier mag er sehr gerne. Die Moselmetropole ist zwar bedeutend kleiner als seine Heimatstadt Calgary, die weit über eine Million Einwohner hat, aber gerade das gefällt ihm. "Es ist großartig. Jedes Mal wenn ich ausgehe, treffe ich Leute, die ich kenne." Viel Freizeit hat der Guard zwar nicht, aber wenn sich die Möglichkeit ergibt, ist er gerne unterwegs.  "Man muss das Leben jeden Tag genießen, weil es immer sein kann, dass sich morgen etwas ändert und dann bekommt man diese Chance nicht mehr", sagt er. Er ist eben ein positiv denkender Mensch.

Fotos: Pees

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