"Mit kurzfristigem Aktionismus ist es nicht getan"

Geouteter Ex-Fußballprofi Marcus Urban zu Gast in Trier

Stadt Trier. Die einstige fußballerische Nachwuchshoffnung in der DDR für Rot-Weiß-Erfurt, Marcus Urban, lässt sich nicht klischeehaft in Schubladen stecken. Der Weimarer outete sich als erster schwuler Fußballer, schrieb seine persönlichen Erfahrungen in dem Buch „Versteckspieler“ auf und wurde so zum Vorbild zum Beispiel für Thomas Hitzlsperger, es ihm 2014 gleichzutun. Als Referent, Coach und Berater ist Marcus Urban zu den Themen Integration, Gleichstellung und Vielfalt gefragt und arbeitete zwischenzeitlich auch für den Sportausschuss des Bundestages und für den DFB. Als unter Wolfgang Niersbach das Thema Homophobie auf die hinteren Ränge verschoben wurde, war auch für ihn die Arbeit beim DFB beendet.

Dauerhaft offen mit dem Thema Homosexualität und gegen Homophobie umzugehen , ist kein Selbstläufer. Marcus Urban war deshalb gerne am vergangenen Dienstag 10. November nach Trier gekommen. Mit seinem Auftritt im Balkensaal des Exzellenzhauses unterstützte er das Fanprojekt Trier und den Allgemeinen Studierendenausschuss der Uni Trier. Es soll für Fußball ohne Rassismus, Homophobie und Sexismus werben. Marcus Urban (früher Marcus Schneider, Ursprungsname der Großeltern) ist auch in Trier ein Mann der klaren Worte: Mit dem Wechsel von DFB-Präsident Theo Zwanziger zu Wolfgang Niersbach verlor das Thema Homosexualität im Fußball schnell wieder an Bedeutung.

"Menschen zerbrechen daran"

Mit einer Broschüre schien es getan zu sein, andere tagesaktuelle Themen rückten für Niersbach und den DFB in den Vordergrund. Aus eigener Betroffenheit weiß Urban: Mit kurzfristigem Aktivismus ist es nicht getan. Menschen zerbrechen daran, sich und ihre eigene Sexualität dauerhaft zu verleugnen. Sie werden depressiv, beginnen zu trinken oder stehen vor dem Selbstmord. Viel der eigenen Energie geht in die Verleugnung, statt sie auf dem Spielfeld komplett freizusetzen zugunsten von Spiel, Mitspielern und dem Verein. Ihm selbst stand eine vermeintlich strahlende Fußballkarriere als Profi bevor. Doch kurz nach der Wende kehrte die Nachwuchshoffnung dem Profifußball den Rücken, weil er mit der Verdrängung seiner eigenen Sexualität nicht klar kam, er von der Stasi bespitzelt wurde und auch die DDR Homosexualität unter Strafe stellte und ächtete. Er studierte Regional- und Stadtplanung an der Bauhaus-Universität in Triers Partnerstadt Weimar und konnte als Diplom-Ingenieur und Designer unter anderem in Mailand, Neapel und Hamburg arbeiten. Aus seiner aktiven Zeit und den Kontakten zum Fußball kennt er die Biographien von Aktiven und Profikickern nicht nur in der Bundesliga, die sich mit Scheinehen und Scheinfreundinnen tarnen und ihre Nähe nach männlicher Intimität im Verborgenen suchen, immer in der Sorge von Familie, Mitspielern und Medien entdeckt zu werden.

Ein gefragter Ratgeber

Spätestens mit seinem Buch "Versteckspieler" ist er zum gefragten Ratgeber nicht nur für Leidensgenossen beiderlei Geschlechts geworden. Das Thema bleibt ein Dauerbrenner. Outing ist zum Beispiel in Verträgen zur Weltmeisterschaft ausdrücklich geregelt und verboten. Das weiß Urban aus zuverlässiger Quelle. Eine ist Thomas Hitzlsperger. Der ehemalige Kapitän der Fußballnationalmannschaft outete sich im Januar 2014 und nach seiner aktiven Karriere, was ihm vor allem die schwule Community vorwerfe. In Trier macht Urban bei der Diskussion mit den an zwei Händen abzuzählenden Teilnehmern klar: Hitzlsperger war nicht feige und kuschte aus Angst vor der Öffentlichkeit. Er wollte sich zuerst in seiner Familie, der Verwandtschaft und in seinem engsten Freundeskreis seiner Homosexualität bekennen. Sie sollten sein Outing nicht aus der Presse erfahren. Als das familiär endlich bekannt war, war Hitzlsperger aber kein Profikicker mehr.Urbans Buch hat Hitzlsperger nachdrücklich bestärkt diesen Schritt zu wagen. Hitzlsperger hat deshalb seine langjährige Freundin eben nicht zum Schein geheiratet und eben keine Scheinehe zu führen, wie dies einige in der Bundesliga tun. Die Arbeit geht Urban so schnell nicht aus. Laut Urban ist von den rund ca. 5.500 Aktiven der gesamten Bundesligageschichte kein einziger Aktiver geoutet bzw. hat sich geoutet.Doch von Zwangsouting, wie dies einst Rosa von Praunheim etwa mit Alfred Biolek tat, hält Urban nichts. Er setzt vor allem auf ein Umdenken nachwachsender Generationen. 

Kinder und Jugendliche viel entspannter beim Thema

Denn sein Eindruck als langjähriger Coach, Berater und Workshop-Leiter ist, dass Kinder und Jugendliche mit dem Thema viel entspannter und unverkrampfter umgehen als ihre Eltern denken. Und will bei Spielern, Trainern und den Fans sensibilisieren. Natürlich wären greifbare Vorbilder als Spieler und Schiedsrichter hilfreich, doch die tun sich auch im 21. Jahrhundert immer noch schwer damit, zu ihrer eigenen Sexualität und Liebe zu stehen. Erste Ansatzpunkte sieht er darin, ein persönliches Zeichen gegen Homophobie zu setzen: In Trier stellte er aktuelle Aufkleber seines Vereins vor, die man sich am besten auf Auto oder Sporttasche kleben könnte."Stop Homophobia in Sports". Zielgruppe sind Jugendliche und Erwachsene auf den Tribünen, in den Fankurven, die Spieler auf dem Spielfeld und die Trainer Davon profitieren würden nicht nur Toleranz und Akzeptanz, sondern auch die Spieler und die Vereine. Bei Marcus Urban ging mindestens die Hälfte seiner Energie dafür drauf, sich zu verleugnen, in der Kabine und auf dem Platz den Hetero zu geben und auch den ein oder anderen schwulenfeindlichen Witz zu machen. Mit seinem Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft wirbt Urban nicht nur für Toleranz und Akzeptanz für Schwule und Lesben im Sport, sondern auch gegen Diskriminierung wegen des eigenen Geschlechts, wegen seines Alters, seinem Aussehen oder seiner Herkunft.

Virtuelles Fußballfeld

Ganz aktuell hat er auf der Homepage seines Vereins ein virtuelles Fußballfeld gesetzt. Dort will er je elf heterosexuelle und elf homosexuelle Profifußballspieler für ein Benefiz-Fußballspiel gewinnen. Urbans Ansatz: Sich gemeinsam bei einem Spiel zu outen ist leichter als ganz alleine. Ein homosexueller und ein heterosexueller Bundesligaspieler haben sich bereits gemeldet. Sind 22 Spieler gemeldet geht es los und werden die Schattenrisse auf der Homepage durch reale Bilder gefüllt. Es wird nicht Urbans erster und letzter Besuch in Trier gewesen sein, versprach er dem WOCHENSPIEGEL. Dem studierten Stadtplaner gefiel die Stadt und vor allem das Ensemble des Trierer Hauptmarktes. Und er kann sich auch vorstellen, einer der nächsten Schirmherren des Trierer Christopher-Street-Days zu werden. 2016 oder 2018 böten sich an, wenn die nächsten Europa- oder sogar Weltmeisterschaften im Fußball ausgetragen werden. Hanns-Wilhelm Grobe/ rNt

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