Trier aus einer anderen Perspektive

Stadt Trier. Schüler der Ergotherapieklasse der Medischulen Trier haben sich im Rahmen ihrer Ausbildung mit dem Thema Barrierefreiheit im öffentlichen Raum beschäftigt. Das Projekt dient dazu, sich im therapeutischen Kontext besser in den Alltag und deren Herausforderungen eines Rollstuhlfahrers hineinversetzen zu können.

In Zusammenarbeit mit dem Sanitätshaus Kersting in Trier bekamen sie für einen Tag kostenlos Rollstühle gestellt, um die Innenstadt aus einer anderen Perspektive wahrnehmen zu können.

Festhalten im Bus

Gestartet sind die Schüler beim Sanitätshaus im Industriegebiet, dann ging es mit dem Bus in die Innenstadt. Schon hier warteten die ersten Herausforderungen: Es passen nur maximal zwei Rollstühle nebeneinander an den dafür vorgesehenen Platz im Bus, wobei selbst dann keine ausreichende Sicherheit gegeben ist. Sobald weitere Personen in den Bus einsteigen, die auch auf diesen Platz angewiesen sind (zum Beispiel Rollator, Kinderwagen), reicht dieser Platz oft nicht aus.
Während der Fahrt haben die Schüler, die in den Rollstühlen saßen, festgestellt, dass der Bus sehr rasant und rücksichtslos gefahren wurde. In den Kurven war es teilweise notwendig, sich festzuhalten, um nicht mit dem Rollstuhl umzukippen, obwohl die Bremsen festgezogen waren.
Beim Aussteigen aus dem Bus fiel auf, dass einige Leute sich vordrängelten und somit die Rollstuhlfahrer sich an die anderen Personen anpassen mussten und nicht umgekehrt. Die Rollstuhlfahrer könnten sich so schnell unter Druck gesetzt fühlen, da das Aussteigen mit einem Rollstuhl etwas länger dauert. Die Schüler waren teils entsetzt über das egoistische Verhalten der anderen Passanten im Bus. Viele waren anscheinend nicht bereit dazu, einen kurzen Moment ihrer Zeit zu opfern, um Personen mit körperlicher Einschränkung zu berücksichtigen.

In der Innenstadt hakt es

An der Porta Nigra angekommen versuchten die Schüler in der Innenstadt so viele verschiedene Eindrücke wie möglich zu gewinnen. Aufgefallen sind dabei sowohl positive als auch negative Aspekte.
Auf der einen Seite sind viele Geschäfte und Gastronomiebetreibe im Zugang barrierefrei und verfügen auch über Aufzüge, auf der anderen Seite ist die Gestaltung des Innenraums nicht unbedingt auf Rollstuhlfahrer ausgelegt. Somit ist Rollstuhlfahrern der Zugang zu vielen Geschäften nicht möglich und führt dazu, dass sie in ihrer Auswahl sehr eingeschränkt werden. Häufig stellen enge Gänge und hohe Regale oder Kassen ein Hindernis dar. Dadurch wird die Selbstständigkeit im Alltag nicht nur erschwert, sondern teilweise auch ganz verhindert. Die Betroffenen können bei zu hohen Regalen beispielsweise nicht unabhängig handeln und sind entweder auf eine helfende Person oder auf ein weiteres Hilfsmittel angewiesen. Die Erfahrung der Schüler hat gezeigt, dass es kein schönes Gefühl ist,
ständig auf Hilfe angewiesen zu sein. Dies kann schnell zu Frustration und Unzufriedenheit
führen.

Behindertentoilette als Abstellkammer genutzt

In Trier eine barrierefreie Toilette in der Innenstadt zu finden, gestaltet sich schwierig, da
insgesamt wenige vorhanden und diese zusätzlich schlecht ausgeschildert sind. Des Weiteren
werden einige dieser Toiletten auch als „Abstellkammer“ für beispielweise Putzutensilien
verwendet. Somit kann der theoretisch vorhandene Platz vom Rollstuhlfahrer nicht
vollkommen genutzt werden und erfüllt damit nicht den Zweck einer behindertengerechten
Toilette. Alleine das Betreten der Toilette gestaltet sich kompliziert, da viele Hindernisse
vorhanden sind. Sich mit dem Rollstuhl innerhalb des Raumes umzudrehen ist fast unmöglich
gewesen. Der Wenderadius eines Rollstuhls (mindestens 1,50 Meter) sollte eigentlich immer
beachtet werden. Hier könnten Rollstuhlfahrer sich unverstanden und in ihren menschlichen
Grundbedürfnissen benachteiligt fühlen. Die Betroffenen sind zudem ebenfalls wieder auf
fremde Hilfe angewiesen und können sich nicht eigenständig selbst versorgen.
Da es schon so wenige behindertengerechte Toiletten in Trier gibt, fragten die Schüler sich,
ob es tatsächlich zu viel verlangt ist, diese dann wenigstens ordnungsgemäß zu gestalten und
zu unterhalten.

Straßenpflaster als Hindernis

Weitere Barrieren in der Innenstadt stellen hohe Bordsteine, die gepflasterten Straßen und zu
schmale Bürgersteige dar. Besonders aufgefallen ist dies direkt an der Porta Nigra und auf dem
Weg zum Hauptmarkt. Auch viele Geschäfte haben in ihrem Zugang eine zu hohe Stufe, die
für Rollstuhlfahrer erneut ein Hindernis darstellen. Unebenheiten und Steigungen in der
Straße, entstanden durch Absenkungen des Asphalts, erschweren zudem das Überqueren
einer Straße, wie beispielsweise gegenüber dem Simeonstiftplatz in Richtung der Treveris-
Passage.

Beim Austesten verschiedener Alltagssituationen fiel auf, dass für viele Vorgänge Geld
benötigt wird. Im Zusammenhang damit stellten die Schüler fest, dass Bankautomaten
aus dem Rollstuhl heraus kaum erreichbar sind. Dabei konnte auch beobachtet werden, dass
nicht alle Banken in Trier einen barrierefreien Zugang besitzen. Selbst mit der Karte im
Geschäft zu bezahlen, gestaltet sich in einigen Fällen schwierig, wenn das Kartenlesegerät
nicht in Reichweite ist. Da dies eine alltägliche Handlung ist, die immer häufiger getätigt wird
und auch einen hohen Wichtigkeitsfaktor hat, war es für die Schüler sehr überraschend,
dass hierbei so viele Probleme aufgetreten sind.

Hilfsbereitschaft ist da

Trotz vieler Hürden sind doch verschiedene Situationen positiv in Erinnerung geblieben.
Besonders hervorzuheben ist die Buchhandlung „Buch & Billig“ in der Jakobstraße 21 mit ihrer
behindertengerechten Ausrichtung. Dort sind nahezu alle Bücher aus dem Rollstuhl zu
erreichen, da diese vermehrt auf Tischen, statt in hohen Regalen ausgelegt sind.
Daran sieht man, dass auch einige kleinere, lokale Geschäfte mit gutem Beispiel vorangehen.
Darüber hinaus sind gewisse Sehenswürdigkeiten, Kirchen und Museen mit dem Rollstuhl zu
besichtigen. Als Beispiel wäre hier der Triere Dom oder die Konstantin-Basilika zu nennen.
Einprägend für die Schüler waren auch die Reaktionen verschiedener Passanten auf
ihrem Weg durch die Innenstadt. Dabei wurde ihnen sowohl viel Hilfsbereitschaft
entgegengebracht als auch wertende Blicke zugeworfen. Einige Personen haben sich zum
Beispiel bereiterklärt, die Rampe zum Ein- und Aussteigen in den Bus aus- bzw. einzuklappen.
Andere Personen haben den Schüler irritierte Blicke zugeworfen und sie auffällig
gemustert, anstatt ihnen zu helfen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass in den letzten Jahren bereits einiges für die
Barrierefreiheit der Trierer Innenstadt getan wurde, jedoch noch immer genügend
Handlungsbedarf besteht, um die Lebensqualität, Selbstständigkeit und Teilhabe der
Rollstuhlfahrer in Trier zu verbessern. Rollstuhlfahrer sind immer darauf angewiesen ihre
Wege in der Stadt gut vorauszuplanen, da ihnen der Zugang oder Durchgang in einigen Wegen
häufig verwehrt ist. Der Platz reicht häufig nicht aus oder es sind zu viele Hindernisse
vorhanden.

Die Schüler konnten bei dieser Selbsterfahrung viele neue Eindrücke sammeln, die sie in
ihre zukünftige Tätigkeit als Ergotherapeuten einbringen können.

(RED)

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