Menschen mit Haut und Haaren

Mutige Schul-Projektwoche zur Wirklichkeit von Flüchtlingen
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Kinder aus 27 Nationen lernen in der Clara-Viebig-Realschule plus. Fürs Leben.  Alle miteinander. Auch die Projektwoche vom 9. bis 13. Mai zu Migration und Integration rückt das Gemeinsame in den Vordergrund: »miteinander voneinander lernen«.  

Wittlich.  Flüchtlingswelle, Flüchtlingskrise, Flüchtlingsdeal: Leicht plappern sich die Worte daher und dienen als Ausrede, wegschauen zu können von dem, was das wohlhabende Westeuropa ursächlich mit verschuldet. Die Mädchen und Jungen an der Clara-Viebig-Realschule plus (CVR) schauen nicht daran vorbei, können sie gar nicht: Junge Flüchtlinge sitzen neben ihnen in der Schulbank.

Manche sind still, manche temperamentvoll, einige lernen die neue Sprache rasch, andere brauchen länger, manche kamen mit Familie, andere allein. Ein besonders schreckliches Schicksal: Ein Junge musste zusehen, wie das Boot, dem er sich anvertraut hatte, mitsamt dem Vater und der kleinen Schwester im Mittelmeer versank. Er lebt. In Wittlich.

Intensive Beschäftigung mit Migranten

In der laufenden Woche beschäftigen sich an der CVR Schüler und Lehrer mit diesen schweren Themen. »Bei uns gibt es kaum Fremdenfeindlichkeit«, berichtet Schulleiterin Rosemarie Bölinger. Ihr Kollegium befasst sich seit der Einwanderungswelle aus dem Ostblock Anfang der 90er Jahre intensiv mit Migranten. Seit zwei Jahren ist die CVR »Förderzentrum für Deutsch als Fremdsprache«. Fünf Deutschlehrer und -lehrerinnen unterrichten auf sechs unterschiedlichen Levels 84 Kinder. Die Zahl schwankt.

Eine Projektwoche zum Thema Flucht: Wie bewerkstelligt man das, ohne in Klischées  zu verfallen? »Ein Kollege hat einen Film gedreht, mit dem wir die Woche beginnen.« Am Montag stehen drei Schulstunden zur Verfügung, in denen der Film geschaut und besprochen wird. Es ist ein schonungsloser Einstieg in Flucht, Krieg, Mord und Totschlag.

Die Fragen, die Fadwa, Shirin, Yahya, Nasi und Muhammad beantwortet haben: wer und von wo sie sind, warum sie die Heimat verlassen mussten, auf welchem Weg sie nach Deutschland kamen, wie ihre ersten Tage hier waren, was sie vermissen und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Taschentücher griffbereit

Aus seelenlosen Zahlen werden schlagartig Menschen mit Haut und Haaren. Das geht jedem nahe, der den Film sieht. »Viele fangen an zu weinen«, erzählt Bölinger, in deren Büro die Papiertaschentücher immer griffbereit stehen. Berührt waren auch die Teilnehmer der Fachtagung »Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung«, die im April an ihrer Schule stattgefunden hat.

Gekommen waren 80 Lehrer und Schulsozialarbeiter einschließlich des Wittlicher Bürgermeisters, auf dessen Unterstützung bei der Integrationsarbeit Bölinger bauen kann.

23 Projekte werden nun von den Schülern bearbeitet. Sie durften sich ihre AG´s frei wählen. »Fast alle bekommen das Thema ihrer Wahl«, freut sich die Schulleiterin.

Das Innere eines Flucht-LKW´s

Die Schwerpunkte reichen von sportlichen, religiösen, kulinarischen und musikalischen Themen bis zu Spielen und Frauenrechten aus aller Welt. Besonders gespannt darf man sein auf die Comic-AG, frei nach dem Motto: »Gelacht wird überall«. Oder auf das »Horn von Afrika«, wo Somalia und Eritrea vorgestellt werden. Oder auf die »Aktionsräume«, wo sich die Schüler an das Innere eines Flucht-LKW´s heranwagen. . .

Freitags werden die Projektergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt. Neugierige sind willkommen; eine Anmeldung erleichtert die Planung: Tel. 06571 / 973 90.   pug

KOMMENTAR

Zum Heulen

Es gibt Termine, von denen man schon vorher weiß, dass sie nicht so einfach sind. Die Projektvorstellung in der Clara-Viebig Realschule plus war so einer. Man  wappnet sich innerlich. Geheult wurde trotzdem. Die Schicksale der geflüchteten Schüler gehen an die Nieren. Zu schlimm und zu wahr sind ihre Geschichten. Zu wünschen ist all diesen jungen Flüchtlingen eine neue Heimat, in der Menschen leben, die besser fühlen und schlechter rechnen können. Und die es wagen, endlich politische Entscheidungen nach menschlichen statt nach wirtschaftlichen Kriterien zu treffen.   petrageisbuesch@tw-verlag.de

WIR FRAGTEN DIE SCHULLEITERIN

Wochenspiegel: Was treibt Sie an, so viel Kraft, Zeit und frische Ideen in die Integration von jungen Migranten zu stecken?

Rosemarie Bölinger: »Alle Kinder sind mir wichtig. Kinder mit besonderen Belastungen/Problemen bedürfen unserer besonderen Zuwendung und Unterstützung.«

Was haben Sie als den größten Erfolg in diesem Bereich erlebt?

»Wenn die Kinder und Jugendlichen Erfolg im Beruf oder weiterer schulischer Ausbildung bis hin zum Studium haben.«

Wie gehen Sie mit durch Krieg oder Bürgerkrieg traumatisierten Heranwachsenden um? »Die Schule muss für sie ein sicherer Ort sein und ihnen Orientierung und Vertrauen bieten.«

Foto: »Filmstars«: Shirin aus Syrien, Yahya aus Somalia, Nasi aus Afghanistan und Muhammad aus dem Iran umringt von Schülerinnen und Schülern der Sprachklasse 5 S.    Foto:P.Geisbüsch