Backstube oder Abschiebung?

Andreas Neuß hat viele Hürden für seine Auszubildenden überwunden

Gut ausgebildete Flüchtlinge können den Fachkräftemangel abschwächen. Das skandieren vielfach Politik und Fachverbände und appellieren an Betriebe, diese Menschen verstärkt einzustellen. Dabei werden ihnen ständig Steine in den Weg gelegt.


Imgenbroich (Fö). »Wenn Nick und seine Familie nicht so liebenswerte Menschen wären, hätte ich die Flinte längst ins Korn geworfen.« Nervenaufreibende Zeiten hat Bäckermeister Andreas Neuß aus Imgenbroich hinter sich. Dabei wollte er dem emsigen Familienvater aus Albanien nur die Chance zu einer Bäckerlehre geben.

»Ich weiß nicht, wieviele Stunden ich mit Telefonate, Gesprächen und Schriftverkehr verbracht habe«, blickt der Chef des Familienunternehmens zurück. Den heute 36-Jährigen Mann aus Albanien hatte Andreas Neuß im Herbst 2015 als Backhelfer eingestellt. »Er war sehr fleißig und wissbegierig«, war Neuß von seinem Gehilfen angetan, der in seiner Heimat den Masterabschluss als Betriebswirt gemeistert hatte. »Sein Sohn geht hier in die dritte Klasse, Nick selbst ist Jugendbetreuer beim Fußballverein und in der Pfarrgemeinde engagiert«, sieht Neuß die Familie in Imgenbroich bestens integriert. Und entschied sich Ende des Jahres dazu, Nick Sokoli einen Ausbildungsvertrag zu geben.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

»Das Ausländeramt muss dem Vertrag zustimmen«, weiß Neuß. Also richtete man im Dezember 2015 ein Schreiben an die Behörde. Ein Gesprächstermin wurde für den April 2016 angeboten. »Die Lehre sollte aber im Januar beginnen. Also haben wir etwas Druck gemacht und es kam zur raschen Genehmigung«, erinnert sich der Chef.

Im April dann jedoch bekam Nick Sokoli den Bescheid, Deutschland verlassen zu müssen. »Dabei ist man während der Lehre plus einer Anerkennungszeit hier geduldet«, so Neuß. Der Bäckermeister schaltete Städteregionsrat Helmut Etschenberg, später dann die damaligen Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling und Axel Wirtz ein. »Bistum und FC Imgenbroich haben ans Ausländeramt geschrieben und auch die Handwerkskammer schaltete sich ein«, erinnert sich Neuß. Mit Erfolg - wenn auch spät: Denn über ein Jahr später, im März 2017 kam die schriftliche Aufenthaltserlaubnis. »Mit einer Telefonnummer für Rückfragen, die es gar nicht gibt«, kann Andreas Neuß über das Erlebte nur mit dem Kopf schütteln.

»Nicks Frau und der kleine Sohn erfahren dagegen immer nur eine dreimonatige Duldung - das ist doch eine psychologische Kriegsführung«, zeigt Neuß wenig Verständnis.

Zurück in den Bombenhagel

Entmutigen ließ sich der Bäckermeister nicht und stellte im Sommer 2017 mit Ersadulla Adukehl aus Afghanistan einen jungen, unbegleiteten Flüchtling als Auszubildenden ein. Er sprach schon nach kurzer Zeit perfekt deutsch, erwies sich als fleißig und aufgeschlossen. »Wir schlossen den Ausbildungsvertrag, das Ausländeramt stimmte zu und plötzlich kam der Abschiedebescheid«, berichtet Andreas Neuß. Dieser ging aber zunächst an eine falsche Adresse. »Deshalb sitzt Ersadulla nicht im Flugzeug zurück in die zerbombte Heimat, sondern darf die Lehre bei uns vollenden«, so Neuß.

Der 18-Jährige lebt in der Wohngemeinschaft »Courage« in Konzen, ist aber auf der Suche nach einer eigenen Wohnung.

Hintergrund

Andreas Neuß ist seit 25 Jahren im Prüfungsausschuss der Handwerkskammer Aachen. Die Bäckerei Neuß bildet seit vielen Jahr bis zu drei Auszubildende parallel aus. »Wir werden als Betrieb immer wieder angeschrieben, jungen Flüchtlingen als Ausubildende und Hilfskräfte anzustellen. Doch die Behörden machen es uns nicht leicht!"

»Schwerverbrecher werden nicht abgeschoben. Aber die, die fleißig sind und arbeiten wollen, die werden uns genommen.“ Andreas Neuß, Bäcker aus Imgenbroich

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