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Stolpersteine erinnern an jüdische Bürger in Euskirchen

Kuchenheim. Gleich 18 neue „Stolpersteine“, die an die vertriebenen und zum Großteil ermordeten jüdischen Bürger Euskirchens während der Zeit des Nationalsozialismus erinnern, hat der Künstler Gunter Demnig in Kirchheim und Kuchenheim verlegt.

In Euskirchen und Flamersheim liegen bereits über 100 dieser kleinen Gedenksteine, die mit weiteren Steinen in über 1.000 deutschen Orten und in über zwanzig europäischen Ländern zu dem wohl größten dezentralen Denkmal des Holocausts gehören.

In Kirchheim wurde jetzt an Henriette und Charlotte Daniel in der Kircheimer Straße 2 sowie an Carolina, Frieda und Therese Ulmer in der Arloffer Straße 32 erinnert. Allein in Kuchenheim waren es dann noch einmal 13 Gedenktafeln, die Demnig in die Gehwege einließ. Zahlreiche Bürger, Schülerinnen und Schüler der Matthias-Hagen-Schule sowie Angehörige der Opfer aus Israel, Amsterdam und Krefeld hatten sich zu diesem Gedenken eingefunden.

Drei der Kuchenheimer „Stolpersteine“ wurden direkt vor dem Haupteingang des KSK-Beratungscenters verlegt. Damit hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. Denn hier stand einst nicht nur das Haus von Emanuel (1895 in Kuchenheim geboren) und Johanna Sommer (*1897), die dort mit ihrer Tochter Liselotte (*1927)  lebten und ein Textilwarengeschäft im Haus betrieben, sondern im Hinterhaus befand sich auch der private Betsaal der kleinen jüdischen Gemeinde in Kuchenheim. Ein Tag nach der Pogromnacht, am 10. November 1938, fielen Nationalsozialisten in das Haus ein, verursachten einen Schaden von über 500 Reichsmark und stahlen die Thora-Rolle aus dem Gebetraum, den sie vollständig zerstörten. Emanuel Sommer wurde festgenommen und dem Amtsgericht und Gefängnis in Rheinbach überstellt. Nach seiner raschen Entlassung aufgrund eines schweren Asthmaleidens floh er mit seiner Familie nach Palästina. Dies war aber nur eine der wenigen Geschichten mit einigermaßen glücklichem Ausgang, die man am Freitagmorgen zu hören bekam.

Anders erging es beispielsweise Otto Sommer und seiner Haushälterin Amalie Wolff aus Kuchenheim. Die beiden mussten 1941 nach Großbüllesheim in das so genannte „Judenhaus“ umziehen. Kurz vor der Deportation nach Theresienstadt wählte Otto Sommer den Freitod. Seine Haushälterin wurde 1943 mit 66 Jahren im KZ Theresienstadt ermordet.

Schlimm erging es auch der Familie Karl, Wilhelm (sein Bruder), Rosel und dem kleinen Arno Sommer, dessen Familie in Kuchenheim eine Metzgerei und einen Laden betrieb. Sie alle wurden 1942 in das Ghetto Minsk deportiert und später im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet. Der kleine Arno war erst im Oktober 1930 geboren worden. Die älteste Schwester der beiden Brüder, Berta Sommer, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Eine ihrer Töchter, die 1920 geborene Ilse Vyth de Haas hatte den Holocaust überlebt und war am Freitag mit ihrem Enkel Noah aus Amsterdam nach Kuchenheim gekommen.

Die Geschichte der Familie Sommer, die über 200 Jahre in Kuchenheim gelebt hatte, war von der Oberstufe der Matthias-Hagen-Schule, einer Förderschule, mit Hilfe der Stadtarchivarin Dr. Gabriele Rünger erforscht worden. An die 50 Schülerinnen und Schüler waren bei der Verlegung der Stolpersteine mit dabei.

Weitere Stolpersteine erinnern in Kuchenheim an Simon, Hermine, Hugo und Frieda Rolef, die an der heutigen Willi-Graf-Straße 6 gelebt haben. Angehörige der Familie Rolef waren aus Krefeld angereist.

„Wir haben unser Beratungscenter gern für eine kleine Ausstellung zur Verfügung gestellt, um an die Spuren jüdischen Lebens in Kirchheim und Kuchenheim zu erinnern“, berichtete Karl-Heinz Daniel vom Vorstandsstab der KSK, der auch Kassierer des Fördervereins des LVR-Industriemuseums ist, welcher wiederum die Ausstellung finanziert hat. Besonders stolz war er darauf, dass man in der KSK auch die wertvolle Thora-Rolle ausstellen darf, die nun 77 Jahre später noch einmal an den Ort zurückgekehrt ist, von dem sie einst gestohlen wurde. Normalerweise befindet sich die Gebetsrolle in der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus in der Franziskanerstraße. Bis zum 11. April kann man sie aber noch im BC Kuchenheim betrachten.

„Die kleine Ausstellung zeigt in Zeiten, wo viele Flüchtlinge vor Krieg und Verfolgung Schutz bei uns suchen, nicht zuletzt, was eine solche Verfolgung für den Einzelnen bedeuten kann“, so Daniel am Rande der Veranstaltung. Bürgermeister Dr. Uwe Friedl dankte der KSK dafür, dass sie ihre Räumlichkeiten für diese Ausstellung, die gemeinsam mit dem LVR Industriemuseum Kuchenheim und dem Stadtarchiv Euskirchen konzipiert worden war, zur Verfügung stellte, „weil gerade dieses Haus eine unmittelbare und direkte Verbindung zum jüdischen Leben in Kuchenheim hatte.“ 

Vor der Kreissparkasse wurde anschließend von einem jüdischen Geistlichen das Kaddisch, das traditionelle jüdische Heiligungsgebet gesprochen, das vor allem eine Lobpreisung Gottes beinhaltet.

Bürgermeister Dr. Friedl drückte abschließend die Hoffnung aus, dass sich Terror und Verfolgung in Deutschland auch nicht unter anderem Vorzeichen noch einmal wiederholen möchten und er mahnte, bei der derzeit wieder um sich greifenden Fremdenfeindlichkeit wachsam zu bleiben. (epa)

Bild: Michael Thalken/epa

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