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Süchtig nach Beten mit den Füßen

Euskirchen. Irgendetwas hat jeder auf dem Kerbholz, für das er Buße tun möchte - auch Gerd Weinand. Allerdings war das nicht der Grund für seine erste Pilgerreise in 2009. »Ich bin aus reiner Dankbarkeit für meinen neuen Job den Jakobsweg gegangen«, erzählt der Euskirchener. Seitdem hat ihn die »Pilger-Sucht« gepackt.

2002 fing alles mit einem Rückschlag in Gerd Weinands Leben an: Der Euskirchener hatte seinen Job in einem großen Euskirchener Möbelhaus verloren und mit fast Mitte 50 gestaltete sich die Suche nach einer neuen Aufgabe nicht gerade leicht. Doch als wäre es ein Zeichen »von oben« gewesen, suchte die Caritas einen ehrenamtlichen Leiter für ihr Möbellager. »Aus reiner Dankbarkeit für meinen neuen Job habe ich dann beschlossen, den Jakobsweg zu gehen«, erzählt er. Und wo sonst, wenn nicht bei einer kirchlichen Hilfsorganisation, kann das Unmögliche möglich gemacht werden. Fünf Wochen Urlaub für eine Pilgerreise wurden genehmigt. »Ich wollte nicht mit allem warten, bis ich Rentner bin«, so der heute 69-Jährige. Seine Frau, erzählt er, habe seine Entscheidung von vornherein toleriert. Damals wusste sie natürlich noch nicht, dass ihn das Pilger-Fieber packen würde.

Trainingseinheiten

Zur Vorbereitung auf den 800 Kilometer langen Jakobsweg über die Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela in Spanien ist er jeden Abend mit 10 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken über Feldwege gelaufen. »Mittlerweile weiß ich, ist das zu viel Gepäck. Weder ein Messer noch eine Taschenlampe habe ich auf meinen Reisen bisher benötigt«, erzählt er. Worauf es ankomme sei vernünftiges Schuhwerk, gute Socken und Regenbekleidung.

Einsame Wege

Für die Pilgerreisen die noch folgen sollten, hatte er dann eine Packliste erstellt. 2013 folgte er dann rund 500 Kilometer lang den Spuren des heiligen Franziskus von Florenz nach Rom. »Ich war immer alleine unterwegs. Nur wenn ich auf niemanden Rücksicht nehmen muss, kann ich ganz abschalten«, so Gerd Weinand.

In 2014 zog es den Euskirchener auf den Olavsweg. Von Oslo nach Trondheim waren es rund 600 Kilometer. »Ein Ritual besagt, dass man sich im Fluss vor dem Nidarosdom am Zielort den Dreck vom Körper waschen soll und im Anschluss drei Mal singend und betend um den Dom herum geht. Das war eine einmalige Erfahrung«, erzählt Weinand.

Auf dem St. Patricksweg, dem »härtesten Pilgerweg überhaupt«, hat der Euskirchener dann das erste Mal an seiner Routenauswahl gezweifelt. »Zunächst ging es an Hauptverkehrsstraßen vorbei, was nur wenig Freude machte«, erinnert er sich. Doch aufgeben kam für ihn nie in Frage. Dann führte der Weg aber durch die raue Natur Irlands bis zum Lough Derg, dem »roten See«. »Mit einem Boot geht es über den See auf eine Insel zu St. Patrick‘s Purgatory, dem Fegefeuer des heiligen Patrick«, erzählt Weinand. Dort müssen alle Pilger drei Tage lang auf Nahrung verzichten - Wasser ausgenommen. »Ich weiß jetzt, warum dieser Ort als einer der mysteriösesten der Welt gilt«.

Ende in Sicht

Und obwohl Gerd Weinand auch nach dieser Reise wieder froh wahr, in den Armen seiner Frau zu liegen, nahm er sich im Jahr darauf den Ignatius von Loyolaweg in Spanien vor. »Als ich diese Tour in Manresa, kurz vor Barcelona, erschöpft beendete, sagte ich meiner Frau am Telefon: Das war meine letzte Pilgerreise«. Doch schon am nächsten Tag, als sich sein Körper bereits regeneriert hatte, bat er sie, alles wieder zu vergessen.

Dieses Jahr hat Weinand dann in Schottland den 160 Kilometer langen West Highland Way entdeckt. Es ist zwar kein ausgewiesener Pilgerweg, Heiligen begegnet man aber trotzdem. Weinand: »Und als ich dann ganz einsam, inmitten der wunderschönen Natur der Highlands stand, war ich mir wieder ganz sicher, dass es einen Gott gibt. Wer sonst soll das alles erschaffen haben?«.

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