

Journalismus entsteht heute in einer zunehmend journalismusfeindlichen Welt, bedrängt von Big-Tech-Unternehmern, Lügenpresse-Rufern, Informationserschöpfung, KI-Müll. Was tun? Entwurf einer Vision der medienmündigen Gesellschaft in Zeiten des Pessimismus.
von Bernhard Pörksen
Optimismus, so hat der aphoristische Weisheiten hervorknurrende Dramatiker Heiner Müller einmal gesagt, ist ein Mangel an Information. Pessimismus, so könnte man ihm entgegnen, ist ein Mangel an Ideen. Und doch: Wenn man sich klar macht, was die laufende Medienrevolution für den unabhängigen Journalismus bedeutet, dann ist es schwer, aktuell nicht in die ohnehin verbreiteten Untergangsgesänge einzustimmen, nicht einfach nur weiterhin die Narrative des Niedergangs zu bedienen. Denn Fakt ist: Aufklärerischer Journalismus entsteht heute in einer zunehmend journalismus- und aufklärungsfeindlichen Welt.
Im Hintergrund wirken drei große Trends. Politisch erleben wir in vielen Ländern Europas und in den USA den Aufstieg von Populisten und Extremisten, die unabhängige Medien nach Kräften dämonisieren. Technologisch ist die KI-Revolution längst allgegenwärtig. Die Folge: Gerade noch funktionierende Geschäftsmodelle unabhängiger Medien kollabieren über Nacht. Und gigantische Mengen von KI-Müll in Form von Fake-Videos und Fake-Texten fluten das Netz, erschweren die Orientierung. Ökonomisch trocknen die Big-Tech-Unternehmer die Werbemärkte, einst eine zentrale Finanzquelle des Journalismus, aus.
Nur eine einzige Zahl: Im letzten Jahr haben drei Unternehmen -Google, Meta und Amazon - im digitalen Markt mehr als die Hälfte aller Werbeeinnahmen weltweit für sich verbucht. Hinzu kommt, dass viele Menschen im allgemeinen Krisentumult unter einer Überdosis Weltgeschehen leiden. Sie wenden sich ab, klinken sich aus, suchen – mal verzweifelt, mal genervt – nach Digital Detox-Rezepten und den Oasen einer nachrichtenfernen Seelenpflege. In Zeiten einer allgemeinen Zukunftsunruhe ist das absolut verständlich, aber doch fatal. Denn wie soll ein echter Skandal noch zünden, wenn vor lauter Krisenangst und Bullshit-Ekel niemand mehr hinschauen mag?
Und doch: Pessimismus ist Zeitverschwendung. Und es braucht – gerade jetzt, gerade heute – eine Vision der Medienmündigkeit, die in einem dreifachen Kraftakt besteht, so meine These. Nötig ist, erstens, eine Bildungsanstrengung auf der Höhe der digitalen Zeit. So wie in den 1970-er Jahren das Umweltbewusstsein entstanden ist, sollte sich (und das geht nur als gemeinsame Initiative von Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen etc.) heute als Reaktion auf die Vermüllung und Ausplünderung der publizistischen Außenwelt eine Art Öffentlichkeitsbewusstsein entwickeln, ein Gespür für den Wert und die Schutzbedürftigkeit von Öffentlichkeit, verstanden als geistiger Lebensraum einer liberalen Demokratie.
Unerlässlich ist, zweitens, eine entschiedene Regulierung großer Plattformen. Die verschiedenen EU-Initiativen wie z. B. der Digital Services Act, die Plattformen zu einer effektiveren Desinformationsbekämpfung drängen, gehen durchaus in die richtige Richtung. Fraglich ist nur, ob sie im Zuge der geopolitischen Verwerfungen und der Entfremdung zwischen den USA und Europa auch durchgesetzt werden können.
Schließlich und drittens sollte sich auf dem Weg in die medienmündige Gesellschaft auch der Journalismus ändern. Ich behaupte: Der aufklärerische Journalismus der Zukunft wird dialogisch und transparent sein – oder er wird nicht sein. Leserinnen und Leser sind in einer tatsächlich medienmündigen Gesellschaft noch viel stärker als bisher, Komplizen, Kritiker, Gefährten, Dialogpartner auf Augenhöhe. Sie sind Anreger in einem großen, pulsierenden, niemals endenden Gespräch zwischen der Redaktion und denjenigen, die man früher, in einer vergangenen Medienepoche, das Publikum genannt hätte. Und die heute lange schon selbst senden, posten, publizieren.
Mein Punkt ist: Es braucht – im Widerstand gegen Big Tech-Giganten, zum Schutz unabhängiger Berichterstattung, im Bemühen um Medienmündigkeit in der Breite der Gesellschaft – einen neuen Pakt zwischen der vierten Gewalt des klassischen professionellen Journalismus und der fünften Gewalt der vernetzten Vielen, dem medienmächtig gewordenen Publikum. Es braucht stabile Vertrauensbeziehungen, wechselseitige Anregung und Transparenz, auch indem Redaktionen in Berichten und Debatten, in Blogs und der direkten Begegnung noch viel stärker als bisher über ihre Arbeit aufklären. Das heißt, dass man die Kosten und Fallstricke einer Enthüllungsrecherche benennt. Es bedeutet, dass man eigene Fehler offenlegt, aber doch auch grundsätzlich verdeutlicht: Ohne einen vitalen Journalismus steigt die Korruption in einem Gemeinwesen, nimmt das zivilgesellschaftliche Engagement nachweislich ab, werden die populistischen Vereinfacher mächtiger.
Und wenn es doch schiefgeht, wenn das große Rauschen und der synthetische Lärm der KI-Videos die Vielstimmigkeit authentischer Medien und echter Menschen überdröhnt? Dann hat der Aufklärungsoptimist und Verteidiger einer demokratischen Öffentlichkeit, bis es wirklich so weit ist, immerhin das bessere Leben gehabt und das eigene Engagement zumindest nicht vorschnell im allgemeinen Pessimismus ertränkt. Und das ist doch auch ein Wert, oder?
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Hintergrund:
Gemeinsam setzen journalistische Medien vom 14. bis 19. September mit der Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ ein Zeichen für eine informierte demokratische Öffentlichkeit. Auch der Bundesverband kostenloser Wochenzeitungen (BVDA) beteiligt sich an der Aktion. Mehr Info gibt es unter: www.viele-stimmen.de



