Nikolas Leube

Die große TV-Bühne wartet nicht: Wie eine Diagnose Kevin Manthei zu "The Voice" führte

Bernkastel-Kues (leu). Kevin Manthei singt bei "The Voice of Germany" vor einem Millionenpublikum – eine Erkrankung hat seinen Blick auf das Leben verändert und ihn bestärkt, den Schritt auf die TV-Bühne zu wagen.

"Baila Baila" und "Das rote Pferd" gehören zu den musikalischen Dauerbrennern, wenn Kevin Manthei auf der Bühne steht. Der Musiker aus Bernkastel-Kues weiß, wie man ein Publikum in Feierlaune versetzt. Ob auf dem Münchner Oktoberfest, dem Dürkheimer Wurstmarkt oder bei Dorffesten in der Region – der 36-Jährige hat schon auf so mancher Bühne gestanden.

Die Musik begleitet ihn schon sein ganzes Leben. Mit sechs Jahren begann er Schlagzeug zu spielen, später stand er als DJ in Trierer Clubs und produzierte Musik. Heute ist er Frontmann der Partyband "Sturmfrei".
Dass er eines Tages vor einem Millionenpublikum bei der Casting-Show "The Voice of Germany" singen würde, habe er selbst nicht für möglich gehalten. "Ich hätte niemals gedacht, dass sie mich nehmen", erzählt Manthei beim Treffen mit dem WochenSpiegel in Bernkastel-Kues.

Selbst als er es in die Show geschafft hatte, kamen Zweifel. "Ich mit meiner Partymucke sitze jetzt hier und dann kommt jemand auf die Bühne und singt wie die Tina Turner. Da denkt man sich, was mache ich eigentlich hier?" Doch schließlich wurde Manthei wegen seiner Stimme ausgewählt – und nicht wegen des Repertoires, mit dem er sonst auf der Bühne steht.


Eine Diagnose, die alles verändert

Dass der Musiker überhaupt den Schritt auf die große Fernsehbühne gewagt hat, hat viel mit seiner Erkrankung zu tun. Der 36-Jährige lebt mit einer schweren Form der Multiplen Sklerose. "Durch meine Erkrankung ist meine Lebenszeit begrenzt und ich weiß nicht, wie lange ich noch auf der Bühne stehen kann", sagt er.

Die Diagnose kam 2019. Gesundheitliche Probleme hatte er schon vorher. "Ich habe immer schon gemerkt, irgendwas stimmt nicht." Eines Morgens kribbelte plötzlich sein ganzer Körper, er konnte Arme und Beine kaum noch bewegen und stürzte.

"Ich habe seit der Diagnose mein komplettes Leben neu strukturiert und einen kompletten Cut gemacht." Nächte als DJ und Auftritte bis in die frühen Morgenstunden gehörten fortan der Vergangenheit an. Stattdessen konzentrierte er sich stärker auf das Singen, Schreiben und Produzieren.

Auch seine Musik hat sich verändert: Sie ist persönlicher und melancholischer geworden und für Manthei heute eine Art Therapie. "Musik war ja schon immer meine Leidenschaft. Aber jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich sage: Ich will gar nichts anderes mehr machen." Und: Was er erleben möchte, schiebt er seit der Diagnose nicht mehr auf. "Für mich war klar: Das ist vielleicht die letzte Chance in meinem Leben, so etwas zu erleben."


Einmal auf die große TV-Bühne

So landet der Bernkastel-Kueser schließlich auf der Bühne im Studio Berlin-Adlershof, wo große TV-Shows produziert werden. "Ich wollte beweisen, dass es auch mit Krankheit möglich ist." Noch vor seinem Auftritt besucht ihn ein Kamera-Team zu Hause an der Mosel, filmt seinen Alltag und seine Familie, die ihn bei allem unterstützt. Auch über seine Erkrankung spricht Manthei offen. "Ich habe nur so viel preisgegeben, wie ich auch wollte", blickt er zurück. In Berlin trifft er dann auch ein bekanntes Gesicht wieder: Nico Santos, der in der aktuellen Staffel als Coach dabei ist. Manthei und Santos kennen sich bereits von gemeinsamen Clubauftritten vor mehr als zehn Jahren. Vor dem eigentlichen Auftritt kommt die Nervosität. »Ich hatte einen Blackout. Da schaut ein riesiges TV-Publikum zu – Millionen Menschen.« Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgt Mantheis Ähnlichkeit mit dem 2017 verstorbenen Linkin-Park-Sänger Chester Bennington. Darauf wird er auch abseits der Show immer wieder angesprochen. Manthei hat jahrelang Linkin Park gecovert und kommt Bennington auch gesanglich sehr nah. Nach seinem Auftritt wird die Ähnlichkeit in den sozialen Netzwerken vielfach aufgegriffen. Auch Coach Rea Garvey fällt sie auf.

Wie viel Aufmerksamkeit seine Teilnahme auslösen würde, hat Manthei unterschätzt. Noch vor der Ausstrahlung wird er in Bernkastel-Kues auf der Straße angesprochen. Es folgen Interviews im Radio und mit Zeitungen, auf seinen Social-Media-Kanälen kommen innerhalb kurzer Zeit Tausende neue Follower hinzu.

Dass sich bei den "Blind Auditions" kein Coach für ihn umdreht, nimmt Manthei gelassen. Für ihn überwiegt die Erfahrung. "Es war ein riesiges Privileg, auf dieser Bühne zu stehen, und da muss man erst einmal hinkommen. Ich war sehr glücklich."