

Was bedeutet dir das Schreiben persönlich? Ist es Beruf, Berufung oder Leidenschaft?
Also eher das Letzte – Leidenschaft. Ich habe schon immer gerne geschrieben, schon als Kind. Ich habe mich immer lieber schriftlich ausgedrückt als mündlich.
Du hast Geschichte und Politik studiert und lange als Journalistin gearbeitet. Wie hat dich das geprägt?
Als Journalistin guckt man ja in viele Bereiche rein. Man hat mit vielen unterschiedlichen Menschen und Geschichten zu tun. Und das motiviert natürlich, dann auch selbst Geschichten zu schreiben.
Gab es diesen einen Moment, in dem du wusstest: Diese Geschichte muss ich erzählen?
Ja, noch ganz genau. Das war nach meiner ersten Reise nach Brasilien auf dem Rückflug im Flugzeug. Da habe ich gedacht: Wenn du das jetzt nicht festhältst, ist die Geschichte wieder vergessen. Ich hatte gar nicht vor, etwas zu schreiben.
Was hat dich in Brasilien am meisten überrascht oder berührt?
Die Menschen. Ich habe nicht erwartet, dass man dort Menschen trifft, die gar nicht so verschieden sind von uns. Und man trifft dort auch Menschen, die noch unser altes Platt sprechen.
Wie hast du den Moment erlebt, als du plötzlich im moselfränkischen Dialekt angesprochen wurdest?
Das war natürlich zuerst verblüffend. Da hieß es dann: „„Seid ehr joot opkomme, seid ehr met’m Luftschiff kumme?“ Es fehlen dort viele neue Begriffe, zum Beispiel sagen sie „Luftschiff“ für Flugzeug oder „Bildermaschine“ für Fotokamera. Aber man findet das dann auch irgendwie schön.
Du hast später erfahren, dass du mit Familien in Brasilien verwandt bist – was hat das in dir ausgelöst?
Das habe ich erst später erfahren. Aber ich hatte schon in Brasilien das Gefühl, dass da eine Nähe ist. Es war keine Fremdheit dazwischen.
Hat diese Verbindung deinen Blick auf Auswanderung verändert?
Ja, auf jeden Fall. Das Thema Auswanderung war bei uns eigentlich nie wirklich ein Thema – weder in der Schule noch später. Und ich finde, das wird hier ganz schön vernachlässigt.
Was hat dich an der Geschichte der Auswanderer besonders gepackt?
Das Schicksal der Familien und diese falschen Hoffnungen. Es ist ja keine Familie in Brasilien so angekommen, wie sie hier weggegangen ist. Es gab Todesfälle, Krankheiten und ganz neue Familienkonstellationen.
Warum ist diese Geschichte so lange kaum erzählt worden?
Das habe ich mich immer gefragt. In den Familien war das teilweise noch bekannt, aber Brasilien war irgendwie nie ein Thema. Ich weiß bis heute nicht genau, warum das so war.
Gab es bei deinen Recherchen etwas, das dich besonders erschüttert hat?
Die Tragik der ganzen Geschichte hat mich schon ein wenig erschüttert. Und auch, dass die Leute hier so wenig darüber wissen.
Warum hast du dich für einen Roman entschieden und nicht für ein Sachbuch?
Ich habe mit Leuten gesprochen, auch aus dem Filmbereich. Die sagten alle: Als Sachbuch liest das keiner, als Roman hat es eher eine Chance. Außerdem kann man im Roman die Lücken füllen.
Wie gehst du mit diesen Lücken um?
Man kann sie füllen mit dem, was wahrscheinlich da reinpasst. Aber es ist natürlich keine wissenschaftliche Arbeit, weil dann muss alles belegt sein.
Warum hast du trotzdem ein Literaturverzeichnis aufgenommen?
Damit Leute, die sich wirklich interessieren, nachschauen können, woher die Informationen kommen. Und auch, um zu zeigen, dass diese Geschichten wirklich passiert sind.
Welche Rolle spielt Wilhelm Winter für dich?
Beides eigentlich – Symbolfigur und konkrete Persönlichkeit. Man muss eine Geschichte an einer Person aufhängen. Wilhelm Winter war dafür gut geeignet.
Gab es Szenen, die dich beim Schreiben besonders berührt haben?
Ja, besonders die Szenen in England, wo viele Kinder gestorben sind. Oder auch das Schiffsunglück, wo sie fast ertrunken sind. Das berührt einen schon sehr.
Was können wir heute aus dieser Auswanderungsgeschichte lernen?
Dass das Leben nie den geraden Weg geht. Und dass man die Situation der Menschen damals besser versteht, wenn man auf heute schaut. Migration hat viele Parallelen.
Was bedeutet Heimat für dich?
Ich weiß nicht, ob es immer an einen Ort gebunden ist. Heimat ist für mich der Platz, wo man sich einfach wohlfühlt und wo die Menschen sind, die einem am Herzen liegen.
Warum ist es dir wichtig, dass dein Buch auch in Brasilien gelesen wird?
Weil die Menschen dort sehr wenig über unsere Geschichte wissen. Ich möchte, dass sie verstehen, wo sie herkommen und was damals passiert ist.
Welche Rolle spielt die Moselregion für dich?
Eine ganz große. Ich betrachte sie als meine Heimat. Meine Familie hat hier seit Jahrhunderten Weinbau betrieben, das ist ein Teil von mir.
Was wünschst du dir, dass die Leser mitnehmen?
Dass sie sehen, dass das Leben früher wie heute nicht immer einfach war. Und dass Menschen sich immer Wege suchen, da herauszukommen. Eigentlich soll es ein Mutmacher sein.
Nächste Lesung: "Die Auswanderung des Wilhelm W." am Mittwoch, 15. April, von – Uhr im Probenraum im Gemeindehaus Kasel. Der Eintritt ist frei, der Verein "Unser Kasel" bittet um eine Hutspende.




