Stephanie Baumann

"Wittlich war nie nur ein Arbeitsplatz, sondern auch Heimat und Lebensaufgabe"

Wittlich. Eine Personalentscheidung mit großer Tragweite für Wittlich: Bürgermeister Joachim Rodenkirch wird die Stadt verlassen und künftig als Präsident an die Spitze der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz wechseln. Die Fakten und ein Interview.

Seit 17 Jahren prägt Joachim Rodenkirch die Entwicklung der Stadt Wittlich — voraussichtlich schon im Juni wird er zur SGD Nord wechseln.

Seit 17 Jahren prägt Joachim Rodenkirch die Entwicklung der Stadt Wittlich — voraussichtlich schon im Juni wird er zur SGD Nord wechseln.

Bild: Stephanie Baumann

Die Entscheidung ist Teil des Personaltableaus der künftigen CDU/SPD-Landesregierung unter Ministerpräsident Gordon Schnieder. Für Rodenkirch bedeutet der Wechsel nach 17 Jahren im Wittlicher Rathaus den Schritt von der Kommunal- auf die Landesebene. Die SGD Nord zählt zu den einflussreichsten Landesbehörden in Rheinland-Pfalz und verantwortet u.a. Umwelt- und Naturschutz, Wasserwirtschaft, Regionalplanung, Gewerbeaufsicht sowie große Genehmigungsverfahren.


Dass Joachim Rodenkirch die Stadt vorzeitig verlässt, kommt durchaus überraschend. Erst im vergangenen Jahr war der 62-Jährige erneut zum Bürgermeister gewählt worden. Seine Amtszeit hätte regulär noch bis 2033 gedauert.

Wittlich in vielen Bereichen verändert

Seit seinem Amtsantritt 2009 hat Rodenkirch die Entwicklung der Stadt über Jahre hinweg maßgeblich geprägt. Während seiner Amtszeit wurden zahlreiche größere Projekte angestoßen und umgesetzt. Dazu zählen u.a. das Kino, das Eventum, das WILàvie, neue Plätze in der Innenstadt, Wohnbauprojekte, Kindertagesstätten sowie das neue Schwimmbad. Hinzu kamen neue Wohn- und Gewerbegebiete, Investitionen in Schulen und Kitas sowie umfangreiche Maßnahmen im Straßenbau.

"Die Stadt ist ja keine One-Man-Show"

Politisch galt Rodenkirch als sachorientierter Verwaltungschef mit engem Draht zu Wirtschaft, Vereinen und Ehrenamt. Gleichzeitig verstand er es, große Projekte konsequent voranzutreiben und politische Mehrheiten dafür zu organisieren. In einem früheren Gespräch mit unserer Zeitung hatte Rodenkirch die Bedeutung des gemeinsamen Engagements in und für Wittlich hervorgehoben: »Die Stadt ist ja keine One-Man-Show, sondern lebt vom Engagement vieler Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen.«
Nun blickt Rodenkirch mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Respekt auf den bevorstehenden Wechsel. »Das Vergangene hat mich schon sehr geprägt — aber das Neue hat natürlich auch wieder seinen Reiz«, sagte er gegenüber dem Wochenspiegel. Zugleich empfinde er es »als Ehre«, künftig eine Behörde wie die SGD Nord mit rund 500 Mitarbeitenden leiten zu dürfen.
Der überraschende Anruf von Ministerpräsident Gordon Schnieder sei erst kurz vor der Vorstellung der neuen Regierungsmannschaft gekommen. Schnieder habe ihm mitgeteilt, dass er ihn sich an der Spitze der SGD Nord gut vorstellen könne, erzählt Rodenkirch.. »Auf politische Ämter kann man sich nicht bewerben. Viele Entwicklungen sind ja von Faktoren abhängig, die sich nicht langfristig planen lassen«.

Joachim Rodenkirch wird die Stadtverwaltung mit Wirkung zum 1. Juni verlassen und seine neue Aufgabe antreten. Der Stadtrat hat als Termin für die Neuwahl den 23. August festgelegt. Die Bestätigung durch die Kommunalaufsicht steht noch aus.

Derzeit müssten »im Schnellschritt« zahlreiche organisatorische Fragen geklärt werden — von Terminabstimmungen bis hin zur Vorbereitung der Bürgermeister-Neuwahl. Bis dahin soll die Erste Beigeordnete Elfriede Meurer die Amtsgeschäfte interimsmäßig übernehmen.
Der kurzfristige Wechsel nach Koblenz sei für ihn »schon krass«, räumt Rodenkirch ein. Neben den vielen organisatorischen Fragen bedeute der Schritt von der Kommunalpolitik an die Spitze einer Landesbehörde auch einen persönlichen Paradigmenwechsel.

Kurz vor seinem Abschied haben wir Joachim Rodenkirch persönliche Fragen gestellt:

Wochenspiegel: 17 Jahre Bürgermeister hinterlassen Spuren. Was hat dieses Amt mit Ihnen  persönlich gemacht?

Joachim Rodenkirch: "17 Jahre als Bürgermeister prägen einen Menschen, beruflich wie persönlich. Dieses Amt hat mich gelehrt, Entscheidungen nicht nur sachlich, sondern immer auch mit Blick auf die Menschen dahinter zu treffen. Man entwickelt eine große Verantwortung für eine Stadt und ihre Entwicklung. Gleichzeitig lernt man Demut, weil nicht jede Entscheidung allen gerecht werden kann. Wittlich war für mich nie nur ein Arbeitsplatz, sondern immer auch ein Stück Heimat und Lebensaufgabe."

Wenn Sie heute auf Wittlich blicken: Worauf sind Sie besonders stolz — auch unabhängig von einzelnen Bauprojekten?

"Besonders stolz bin ich darauf, dass Wittlich sich in den vergangenen Jahren insgesamt positiv entwickelt hat. Die Stadt ist lebendig geblieben, wirtschaftlich stabil, familienfreundlich und kulturell aktiv. Wichtig war mir immer, dass Wittlich seinen eigenen Charakter behält, trotz vieler Veränderungen. Dass Menschen gern hier leben und sich mit ihrer Stadt identifizieren, ist für mich mindestens genauso wertvoll wie jedes einzelne Bauprojekt."

Fällt Ihnen das Loslassen schwer? Und was werden Sie aus dem Alltag in Wittlich vermutlich am meisten vermissen?

"Natürlich fällt das Loslassen nicht leicht. Nach so vielen Jahren sind die täglichen Begegnungen, Gespräche und Entscheidungen Teil des eigenen Lebens geworden. Vermissen werde ich vor allem den direkten Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern, die vielen persönlichen Gespräche und auch die besondere Dynamik des kommunalen Alltags. Keine zwei Tage waren gleich, genau das macht Kommunalpolitik aus."

Sie sind  erst vor kurzem erneut gewählt worden. Können Sie verstehen, dass manche Bürgerinnen und Bürger jetzt überrascht reagieren?

"Ja, das kann ich gut verstehen. Die erneute Wahl war ein großes Vertrauenssignal, darüber habe ich mich sehr gefreut. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass manche Menschen jetzt überrascht sind. Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht. Aber manchmal ergeben sich berufliche Möglichkeiten, bei denen man spürt, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, noch einmal eine neue Verantwortung zu übernehmen."

Welche Projekte oder Entwicklungen hätten Sie gerne noch selbst begleitet oder abgeschlossen?

"Es gibt natürlich Projekte und Entwicklungen, die ich gern noch weiter begleitet hätte. Stadtentwicklung ist nie wirklich abgeschlossen. Themen wie die weitere Entwicklung der Innenstadt, Wohnraum, Mobilität, Klimaschutz, Demografie, Digitalisierung oder auch die wirtschaftliche Zukunft beschäftigen eine Stadt dauerhaft. Gleichzeitig gehört es auch zur Verantwortung, Dinge geordnet zu übergeben und Vertrauen in die Fortführung der Arbeit zu haben."

Was reizt Sie an der neuen Aufgabe bei der SGD Nord besonders?

"Mich reizt an der Aufgabe bei der SGD Nord vor allem die Möglichkeit, auf einer anderen Ebene Verantwortung zu übernehmen und neue Perspektiven einzubringen. Die Verbindung von Verwaltung, Entwicklung und regionalen Zukunftsfragen finde ich sehr spannend. Gleichzeitig ist es für mich persönlich auch eine Chance, nach vielen Jahren in der Kommunalpolitik noch einmal neue Erfahrungen zu sammeln."

Wenn Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin nur einen Satz mitgeben könnten — welcher wäre das?

"Höre den Menschen zu, auch dann, wenn es schwierig wird, denn eine Stadt lebt vom Vertrauen zwischen Verwaltung, Politik und Bürgerschaft."