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„Alle haben ihn abgeschrieben“

Nach einem schweren Verkehrsunfall bleibt Roman D. für immer ein Pflegefall. Das Schicksal des zweifachen Vaters hat auch das Leben seiner Mutter, die sich aufopferungsvoll um ihren Jungen kümmert, verändert. Doch langsam geht der 51-jährigen Antonia D. aus Kaisersesch – nach eigenen Angaben – die Kraft aus.
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Von Mario Zender

Es ist ein warmer Sommertag an jenem 7. Juni 2020. Roman D. besuchte einen Freund und ist nach Mitternacht auf der Heimfahrt, als es zu dem folgenschweren Unfall kommt. Vermutlich ist der 30-Jährige mit seinem Wagen zu schnell auf der Bundesstraße 42 von Koblenz kommend in Richtung Vallendar unterwegs.
Im Polizeibericht jener Nacht heißt es: »Am Ortseingang Mallendar hat der Fahrer den Bordstein einer dort befindlichen Verkehrsinsel touchiert und verlor daraufhin die Kontrolle über sein Fahrzeug.  Er stieß in der Folge rund 150 Meter weiter mit einem am linken Fahrbahnrand abgestellten Pkw frontal zusammen. Der Pkw des Unfallverursachers überschlug sich daraufhin und kam auf dem Dach zum Liegen.«
Die Freiwillige Feuerwehr befreit den schwerstverletzten Roman D. aus dem Fahrzeugwrack; der Rettungswagen bringt ihn ins Krankenhaus nach Neuwied. Dort kämpfen die Ärzte stundenlang um das Leben des Mannes.
Gegen 3 Uhr in der Nacht klingelt die Cochemer Polizei an der Haustür von Antonia D. in Kaisersesch. Sie ist die Mutter von Roman D.. Die Beamten überbringen ihr die Nachricht vom schweren Unfall ihres Sohnes. »Ich fuhr sofort ins Krankenhaus. Dort sagten sie mir, welche Verletzungen er hat. Ich war wie versteinert«, erinnert sich Antonia D. im Gespräch mit dem WochenSpiegel.
»Die Ärzte im Krankenhaus diagnostizieren an vier Stellen Brüche der Wirbelsäule, Brüche des Ober- und Unterkiefers, des Brustkorbs und des Oberschenkels sowie einen Riss in der Lunge und dem Herzbeutel. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt«, sagt Antonia D..
Vier Wochen lang liegt er im Koma, wird sechs Mal operiert.  Nach sechs Wochen wacht er auf. »Es war ein tolles Gefühl, als er die Augen aufmachte und mich anschaute«, so die 51-jährige Mutter.
Doch die Freude über die Blicke wird schnell getrübt. »Die Ärzte sagten mir, dass mein Sohn für immer ein Pflegefall bleiben wird. Er kann sich nicht bewegen und nicht sprechen.«
Seit rund zehn Monaten ist Roman D. nun in einer Pflegeeinrichtung in Hausen an der Wied. »Wenn ich zu ihm fahre, erkennt er mich sofort. Er kann die rechte Hand etwas bewegen und antwortet mir mit seinem Finger.«
Das Leben von Antonia D. hat sich seit jenem folgenschweren Tag im Juni vergangenen Jahres völlig geändert. Dreimal in der Woche fährt die 51-Jährige die 90 Kilometer Strecke von Kaisersesch nach Hausen an der Wied und kümmert sich liebevoll um ihren Sohn.  »Wenn ich ihn nicht in einem Spezialrollstuhl mit in den Garten nehmen würde, müsste er den ganzen Tag die Decke anstarren. Das möchte ich nicht«, so Antonia D. im Gespräch mit dem WochenSpiegel.
Hoffnung auf eine Besserung seines Zustandes machten ihr die behandelnden Ärzte nicht. »Mir ist klar, dass mein Junge nie mehr laufen wird. Aber er kann durch eine professionelle Therapie ein besseres Leben erhalten.«
In zwei Therapien setzt sie nach eigenen Angaben große Hoffnung, zum einen in eine »Delphin-Therapie« und zum anderen in eine »Botox-Therapie«. »Dadurch besteht zumindest die Hoffnung auf ein kleines Stück mehr Leben«, so Antonia D.
Die Therapien kosten viel Geld und müssen privat bezahlt werden. Geld, das die Verkäuferin nicht hat. Finanzielle Aufwendungen spielen bei der Behandlung von Roman D. in allen Bereichen eine große Rolle.
Viele der Anträge auf Behandlungen, die Antonia D. bei Kranken- oder Rentenkasse für ihren Sohn gestellt hat, wurden abgelehnt.  Antonia D. entrüstet: »Wir werden dort ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen. Wenn ich dann mit der entsprechenden Stelle telefoniere, sagen die mir immer, was ich denn wolle. Es gäbe keine Aussicht auf Besserung.«
 Dann fängt sie an zu weinen und sagt ganz leise: »Die haben meinen Jungen bereits abgeschrieben.« Das lässt Antonia D. aber nach eigenen Worten nicht zu. Alleine auch wegen der beiden Kindern von Roman, die erst drei beziehungsweise acht Jahre alt sind. »Der Jüngste geht jeden Tag mit einem Foto seines Papas in den Kindergarten und erzählt, dass der Papa krank ist, aber bald mit ihm spielen wird.« Ab und zu nimmt Antonia D. die Kinder auch mit zu ihrem Vater in die Rehaklinik. »Das sind sehr emotionale Momente«, so die 51-Jährige. Die vielen Monate, die sich die Kaisersescherin nun schon um ihren schwerkranken Sohn kümmert, haben auch bei ihr Spuren hinterlassen. »Ich kann selbst bald nicht mehr«, gesteht sie im Gespräch mit dem WochenSpiegel. Finanziell ist es ebenfalls eine Kraftanstrengung für die Verkäuferin. »Mein ganzer Lohn geht Monat für Monat für Miete und Benzinkosten drauf.« Deshalb ist ihr großer Wunsch, dass ihr Sohn Roman in einer Pflegeeinrichtung in der Nähe untergebracht wird. »Aber keine Pflegeheime oder sogar Altersheime holen so junge Leute.«
  Emotional hofft die 51-Jährige nun auf Hilfe. »Ich möchte mich gerne mit Menschen austauschen, die ähnliche Schicksale erfahren haben. Das würde mir sicher Kraft geben.« Und die braucht sie, denn der »Kampf« für ein angemessenes Leben mit Therapiemöglichkeiten ist aufwendig. Gerade hat sie erreicht, dass für den Spezialrollstuhl, mit dem sie ihren Sohn Roman in den Garten der Pflegeeinrichtung schieben kann, eine Kopfstütze angebracht werden kann. »Die hatte die Krankenkasse abgelehnt, ich musste erst dagegen Widerspruch einlegen.« Und dieser war erfolgreich, die Kopfstütze wird nun bezahlt. Ein Erfolg für Antonia D. »Ich werde weiter für meinen Jungen kämpfen. Hoffentlich habe ich noch lange die Kraft dafür.«
 Wer mit Antonia D. in Kontakt treten oder ihr helfen möchte, kann sich per E-Mail an die 51-Jährige wenden: antonia.derr@gmx.de


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