»EigenSinnig« erfolgreich
Klotten. Keine heile Weinwelt, keine romantische Postkartenidylle: Der gebürtige Klottener Benjamin Weinand hat ein Buch über seine Heimat geschrieben, das bewusst aneckt. In »EigenSINN an der Mosel« lässt er Menschen zu Wort kommen, die sich nicht verbiegen lassen. Und damit trifft er offenbar einen Nerv.
Von Mario Zender
Die Mosel und ihre Menschen haben so manche Eigenheiten. Hier wird gerne gefeiert, über Wein diskutiert und an Traditionen festgehalten. Der Zusammenhalt in den Dörfern ist vielerorts noch ausgeprägt. Doch wer neue Wege einschlagen oder mit alten Gewohnheiten brechen möchte, stößt nicht selten auf Skepsis. Gerade in kleinen Dorfgemeinschaften kann es schwierig sein, gegen den Strom zu schwimmen. Genau mit diesen Widersprüchen beschäftigt sich ein Buch, das derzeit an der Mosel auf Interesse stößt. Geschrieben hat es Benjamin Weinand, der in Klotten aufgewachsen ist und inzwischen in München lebt. »EigenSINN an der Mosel – Zehn Gespräche aus einer unbequemen Heimat« heißt sein 230 Seiten starkes Werk. Es ist kein klassisches Heimatbuch. Weinand verzichtet weitgehend auf die bekannten romantischen Bilder der Weinregion und richtet den Blick stattdessen auf die Menschen, die hier leben und arbeiten. Auf ihre Geschichten, ihre Überzeugungen und die Schwierigkeiten, die entstehen können, wenn jemand seinen eigenen Weg gehen möchte. »Ich wollte kein Heimatbuch schreiben, das die Mosel schöner macht, als sie ist. Sondern aufschreiben, wie es sich wirklich anfühlt, von dort zu kommen. Völlig ungefiltert«, erklärt der Autor. Für sein Buch ist Weinand entlang der Mosel gereist und hat Gespräche mit Menschen geführt, die die Region auf unterschiedliche Weise prägen. Darunter sind bekannte Namen aus der Weinwelt. Ernst Loosen und Reinhard Löwenstein etwa, zwei Winzer, die seit Jahrzehnten für ihre Überzeugungen eintreten und dabei auch unbequeme Themen ansprechen. In den Gesprächen geht es um niedrige Weinpreise, alte Strukturen und die Frage, warum sich die Mosel bei ihrer Entwicklung manchmal selbst im Weg steht. Auch die jüngere Winzergeneration kommt zu Wort. Kilian Franzen und Aline Knodt-Trossen stehen beispielhaft für junge Menschen, die das Erbe ihrer Familien übernehmen und gleichzeitig neue Vorstellungen vom Weinbau verwirklichen möchten. Ein Thema, das zahlreiche Winzerfamilien beschäftigt. Denn die wirtschaftlichen Herausforderungen im Weinbau sind erheblich. Während es früher oftmals selbstverständlich war, dass die nächste Generation den elterlichen Betrieb übernimmt, stehen heute viele Familien vor schwierigen Entscheidungen. Traditionen müssen hinterfragt, neue Vermarktungswege gefunden und Betriebe wirtschaftlich neu ausgerichtet werden. Dass Veränderungen nicht immer auf Zustimmung stoßen, gehört ebenfalls zu den Themen des Buches. Matthias Ganter und Florian Gräfen berichten über den Mut, in einer Region etwas Neues aufzubauen, in der ungewöhnliche Ideen zunächst häufig skeptisch betrachtet werden. Eine ungewöhnliche Geschichte erzählt Karl Weyers. Er kaufte eine Burg hoch über einem Moseldorf. Was nach einem romantischen Vorhaben klingt, entwickelte sich auch zu einer Auseinandersetzung mit zahlreichen behördlichen Auflagen. Daneben stehen persönliche Lebensgeschichten. Brigitte Pappe spricht über eine Lebenskrise und die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit. Materne und Janina Schmitt wiederum haben sich bewusst für einen Lebensweg in einer Region entschieden, aus der viele junge Menschen wegziehen. Der rote Faden des Buches ist der Eigensinn. Weinand versteht darunter die Bereitschaft, an eigenen Überzeugungen festzuhalten, auch wenn dies mit Widerständen verbunden ist. »Eigensinn ist kein hübsches Wort für Sturheit. Es ist die Weigerung, sich anzupassen, nur weil es einfacher wäre«, sagt der Autor. Dabei setzt er sich auch kritisch mit den Strukturen kleiner Dorfgemeinschaften auseinander. Der enge Zusammenhalt, der das Leben an der Mosel vielerorts prägt, kann nach seiner Beobachtung auch dazu führen, dass Veränderungen kritisch beäugt werden und Menschen unter einem gewissen Erwartungsdruck stehen. Weinand will damit keine pauschale Kritik an der Mosel und ihren Bewohnern üben. Vielmehr geht es ihm darum, unterschiedliche Per-spektiven sichtbar zu machen und Widersprüche nicht auszublenden. Sein Buch soll dazu beitragen, diese unterschiedlichen Sichtweisen miteinander zu verbinden. Veröffentlicht hat Benjamin Weinand das Werk im eigenen »Weinando Verlag«. Die Entscheidung für eine Veröffentlichung in Eigenregie gab ihm nach eigenen Angaben die Freiheit, auch kritische Passagen unverändert im Buch zu belassen. www.eigensinn-an-der-mosel.de