

Es war eine Zahl, die mit der wohl auch die Fachleute kaum gerechnet hatten. Nicht 1.963, sondern 3.485 Stück Rotwild zählten die Drohnen, die im März auf fast 40.000 Hektar Wald über den Gemeinden Blankenheim, Nettersheim, Dahlem und Hellenthal unterwegs waren. Das Ergebnis ist eindeutig: Bisherige Methoden haben den tatsächlichen Wildbestand in der Eifel massiv unterschätzt.
Die Idee, mit moderner Drohnentechnologie eine flächendeckende Wärmebildzählung durchzuführen, ist in dieser Form bislang einmalig in Deutschland. Koordiniert wurde das Projekt von Michael Lange, Rotwild-Sachverständiger und Kenner der Materie. Er bringt das Ergebnis auf eine schlichte Formel: »Wir liegen irgendwo bei 30 bis 33 Prozent des Wildbestandes, die wir mit der Scheinwerferzählung gezählt haben.«
Mit anderen Worten: Fast zwei Drittel der Tiere blieben bei der bisher üblichen Methode unsichtbar. Rechnet man zudem einen Aufschlag von zehn Prozent für möglicherweise nicht erfasste Tiere hinzu, könnten sogar knapp 3.834 Stück Rotwild auf der Projektfläche leben.
Für die technische Umsetzung war die Firma CopterPro verantwortlich. Zehn Piloten flogen das riesige Areal in nur zwei Nächten ab – bewusst im März, kurz vor dem Laubaustrieb, damit die Wärmesignaturen der Tiere optimal vom kalten Boden abgegrenzt werden konnten. Eingesetzt wurden Drohnen vom Typ Matrice 4TD, ausgestattet mit Wärmebildkamera, Nachtsichtkamera, Zoomkamera und Laserentfernungsmesser. Selbst eine neu entwickelte Künstliche Intelligenz zur Tiererkennung kam probeweise zum Einsatz.
Alexander Mohr, Geschäftsführer von CopterPro, ist gelernter Berufshubschrauberpilot, leidenschaftlicher Jäger und überzeugt von der neuen Technik. »Wir revolutionieren das Ganze mit der modernen Drohnentechnik«, sagt er. Ein entscheidender Vorteil gegenüber herkömmlichen Zählflügen mit dem Flugzeug: Die Drohne kann stoppen. »Wir können stehen bleiben. Wir können durch das Verändern des Kamerawinkels das Wild, das teilweise verdeckt steht, ansprechen«, erklärt Mohr.
Was die Zählung ans Licht brachte, wird für die Forstwirtschaft Konsequenzen haben müssen. 15,5 Stück Rotwild pro 100 Hektar Waldfläche – Experten empfehlen lediglich drei bis fünf.
Jan Lembach, Bürgermeister der Gemeinde Dahlem, macht keinen Hehl daraus, was das bedeutet: »Die Rotwilddichte ist für den Lebensraum eigentlich zu hoch, auch zu hoch für eine fach- und sachgemäße Forstwirtschaft.« Junger Baumnachwuchs wird vom Wild verbissen, Neuanpflanzungen überleben oft nur hinter teuren Schutzzäunen. Der Wald, der klimaresistent werden soll, kommt kaum nach.
Wolfgang Schmieder, Forstamtsleiter in Nettersheim, wählt ein einprägsames Bild. »Sehen Sie doch diese Wildzählung einfach wie eine Polizeikontrolle. Das hier ist erstmal nur der Alkoholtest, um zu sagen: Liebe Leute, ihr habt Alkohol im Blut und damit fährt man nicht Auto.« Die Botschaft ist klar: Die Zählung ist ein unmissverständliches Signal.
Jennifer Meuren, Bürgermeisterin von Blankenheim: »Wir haben schon vor zwei Jahren begonnen, deutlich höhere Abschlusszahlen zu fordern. Wenn wir einen ersten Blick auf die Zahlen fürs Gemeindegebiet Blankenheim werfen, dann kann man feststellen, dass wir mit dem, was wir dieses Jahr fordern, sehr gut liegen.«
In Dahlem wurde bereits ein Berufsjäger eingestellt, um die Regulierung des Bestands zu intensivieren. Ziel ist es laut Jan Lembach, ein Gleichgewicht herzustellen: »Da geht es nicht um ‚Wald vor Wild‘, wie man so schön sagt, sondern um Wald mit Wild.«
Das Projekt »Wildzählung Eifel« hat bereits überregionales Interesse geweckt – und könnte die Art, wie Deutschland seinen Wildbestand zählt, dauerhaft verändern.



