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Andrea Fischer

Gut Holz, lieber Marjan Leis!

Region. (VA) Marjan Leis aus Fell ist amtierender Kegel-Weltmeister und eilt von Rekord zu Rekord. Wir haben mit ihm über sein Erfolgsgeheimnis gesprochen.

Fell. Ein anderer Club sei undenkbar, wie Leis betont: »Ich habe viel Energie und Leidenschaft in den KSV Riol gesteckt. Hier gibt es gute Vereinsmitglieder und es geht sehr familiär zu, auch wenn wir unsere Rioler Brunnenschänke als geliebte Heimspielstätte aufgeben mussten.«

In der am ersten September-Samstag beginnenden Bundesligasaison tragen die KSV-Akteure ihre Heimspiele auf der Kegelbahn in Trier-Heiligkreuz aus. Hier besitzt der talentierte junge Mann einen Hallenschlüssel, aber steht nachts nicht heimlich in der Halle. Sein neues zweites Wohnzimmer sind die Kegelbahnen 5 - 8 am Karlsweg, für die er als Bahnpfleger auch mal Extra-Schichten schiebt und die Halle zuschließt.

Sein Engagement, Einsatz und Fleiß zahlen sich seit Jahren aus und der 24-jährige Finanzwirt (parallel studiert er noch Jura, kommt ins fünfte Semester und kann sich über Langeweile nicht beklagen) gehört zur nationalen und internationalen Spitze im Scherekegeln.

»Viele erwarten

Siege von mir«

Bei der vom zweiten bis achten August in Düsseldorf ausgetragenen U24-WM ging Leis in drei Disziplinen an den Start und sicherte sich im Einzel, Tandem und im Mannschaftswettbewerb sensationell jeweils die Goldmedaille. Damit setzte er sich gegen Teilnehmer aus Brasilien, Luxemburg, Belgien, Frankreich und Deutschland durch und avancierte zum besten Spieler der WM: »Besser geht es nicht, wobei die WM-Tage sehr kräftezehrend und intensiv waren. Ich hatte wenig Schlaf und war von morgens bis abends in der Halle, da die Turnier-Organisation nicht optimal war. Viele erwarten Siege von mir, weshalb die Erwartungshaltung und der Druck von außen hoch waren. Zuschauer nehme ich beim Wettkampf eher nicht wahr und habe es geschafft, mich zu fokussieren.«

Kurios: Der von Leis aufgestellte WM-Rekord (630 Holz bei 80 Würfen) wurde vom Verband nicht geehrt, da ein neues System im Einsatz gewesen sei.

Kegeln ist extremer

Präzisionssport

Ohne Fleiß keinen Preis: Der amtierende Deutsche Meister und Rekordhalter (951 Holz bei 120 Würfen / U24) hat Talent geerbt, aber arbeitet hart für den Erfolg. Mittwochs steht das Mannschaftstraining an, freitags trainiert er den Nachwuchs (aktuell vier Jugendliche) und samstags folgen Bundesliga-Begegnungen.

(Sport-)Kegeln sei ein extremer Präzisionssport, bei dem Gassenzwang herrsche und jede Bahn anders sei. Oft gehe es um Millimeter und eigenes Können, aber auch um technisches Grundverständnis für die Bahn. Zudem komme es beim Anlaufen auf jeden Schritt und die richtige Körperhaltung an – aufgrund der einseitigen Belastung sind muskuläre Beschwerden im Rücken/Oberschenkel/Hüftbereich an der Tagesordnung (hiergegen kämpft er mit bewusstem Dehnen und Krafttraining an.)

Bei der Heim-WM lief es optimal und nach der Nationalhymne folgte am Ende der Trikottausch: Ein befreundeter Brasilianer erhielt sein KSV-Riol-Shirt (weshalb die Mosel-Region in Südamerika aufgetragen wird) und Marjan freute sich über ein Sao-Paulo-Trikot: „Kegeln verbindet und knüpft über Landesgrenzen und Kontinente hinweg Kontakte und Verbindungen. Auch wenn mein Englisch verbesserungswürdig ist, kann man sich mit der Weltsprache Sport perfekt verständigen. Leider musste ich mein Deutschland-Trikot nach der WM zurückgeben und durfte bei der WM 2018 nur ein ausrangiertes Trikot behalten.“

Nach den beiden WM-Teilnahmen der Nachwuchs-Scherenkegler in 2018 (auch hier stand Leis am Ende ganz oben auf dem Treppchen) und 2023 hat Leis ein (realistisches) Ziel vor Augen: „2024 steht im Herrenbereich die WM an und es wäre schön, wenn ich erstmals im Senioren-Bereich bei einer Weltmeisterschaft an den Start gehen könnte. Jedoch hat die Bundesliga-Meisterschaft für mich einen größeren Stellenwert als die WM, da bei der DM mehr Konkurrenten dabei sind und das Wettkampfsystem härter ist.“

Auch als hochdekorierter Sportkegler kann sich Leis von seinen Erfolgen nichts kaufen und erhält keine Preisgelder. Bei der WM übernahm der Verband die Startgebühr, unterstützte bei Speis und Trank und übernahm die Hotelkosten. Für die drei WM-Titel gab es keinen dollarschweren Scheck, sondern drei Handtücher, drei Medaillen und von der Amtsleiterin des Finanzamts Trier Sonderurlaub.

Auch in Zukunft möchte Leis in (auf) der (Kegel-)Bahn bleiben und wünscht sich ganz bescheiden: „Weiterhin möchte ich erfolgreich bleiben, mit Riol den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffen und trainieren. Ich versuche, immer bestmöglich zu kegeln und mache mir selbst keinen großen Druck. Kegeln macht mir super viel Spaß, da mich die Kombination aus Kondition, Koordination und Präzision fasziniert.“

Marjans größte Erfolge sind: Deutscher Klubmeister Bundesliga (2018), Weltmeister Einzel U24 (2023), Deutscher Meister Einzel U24 (2022 + 2023), Deutscher Meister Herren Tandem (2023), Weltmeister Sprint U24 (2018), Weltmeister Tandem U24 (2023), Weltmeister Mannschaft U24 (2023).

Text: Vinzenz Anton


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