Claudia Neumann

Heizt Cattenom die Mosel auf?

Trier/Region. Umweltverbände aus Trier warnen: Während der Hitzewelle laufe das Atomkraftwerk Cattenom nur dank einer Sondergenehmigung weiter – auf Kosten des Flusses.
Moselufer in Trier

Moselufer in Trier

Bild: Claudia Neumann

Die Hitzewelle mit Spitzentemperaturen von über 41 Grad hat nach Angaben des Antiatomnetz Trier und der Umweltorganisation Maus Trier (Messen für aktiven Umweltschutz) zu einer kritischen Situation an der Obermosel geführt. Während in Frankreich bereits mehrere Atomreaktoren gedrosselt oder abgeschaltet werden mussten, laufe das grenznahe Atomkraftwerk Cattenom nach Darstellung der beiden Organisationen nur noch dank einer Sondergenehmigung weiter.

Warnstufe 3 an der Messstation Palzem

Im Bereich Cattenom habe die Mosel die Temperatur von 29 Grad überschritten, an der Messstation Palzem flussabwärts sei nach Angaben der Umweltverbände die Warnstufe 3 ausgelöst worden. Aktuelle Messdaten der Bundesanstalt für Gewässerkunde sind über die Messstation Palzem einsehbar, Wasserstandsdaten für die Region liefert die Ganglinie des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz.

Möglich sei der Weiterbetrieb laut Antiatomnetz durch ein rechtliches Schlupfloch: Weil das Kühlwasser die Kühltürme passiere und mit rund 26 Grad in die Mosel eingeleitet werde, gelte es formal als etwas kühler als der ohnehin überhitzte Fluss.

Sorge um Sauerstoffgehalt und Chemikalien

„Die Mosel droht unter unseren Augen zu ersticken“, warnt Markus Pflüger vom Antiatomnetz Trier. Bei einem zeitweise gemessenen Sauerstoffgehalt von nur 2,6 Milligramm pro Liter kämpften die Fischbestände flussabwärts bereits ums Überleben, so Pflüger.

Kritisch sehe der Verband zudem eine Entscheidung der französischen Atomaufsicht ASN, die am Montag, 15. Juni, eine zeitliche Ausweitung der chemischen Amöbenbekämpfung mit dem Biozid Monochloramin sowie erhöhte Chlorid-Einleitungen genehmigt habe. Da im sommerlichen Niedrigwasser jede Sekunde bis zu 3.000 Liter Wasser über den Kühltürmen verdampften, fehle dem Fluss nach Einschätzung des Antiatomnetz genau die Wassermasse, die zur Verdünnung dieser Stoffe nötig wäre. Ein flacherer, langsamer fließender Fluss erwärme sich durch Sonneneinstrahlung und Lufttemperatur zudem deutlich schneller, so der Verband weiter. Dass die rheinland-pfälzische Landesregierung die Belastung im Vorfeld als unbedenklich eingestuft habe, sei aus Sicht der Umweltverbände nicht nachvollziehbar.

Kritik an Atomkraft als Grundlastquelle

Die Verbände sehen in der Situation auch einen Beleg dafür, dass Atomkraftwerke im Zuge der Erderhitzung keine verlässlichen Stromlieferanten mehr seien. Cattenom laufe derzeit ohnehin nur mit halber Kraft, weil sich zwei Blöcke in planmäßiger Wartung befänden. Unter Volllast hätte die Anlage nach Einschätzung der Organisationen früher oder später gedrosselt werden müssen.

„Das Wochenende entzauberte die Erzählung von der verlässlichen Grundlast“, sagt Elisabeth Quaré von der Maus Trier. Atomkraftwerke verbrauchten gigantische Wassermengen und müssten ausgerechnet dann gedrosselt werden, wenn der Kühlbedarf in Krankenhäusern, der Lebensmittelproduktion und der Industrie steige. Das ständige Regeln der Leistung setze den knapp 40 Jahre alten Reaktoren in Cattenom stark zu: Der thermische Stress beschleunige die Materialermüdung und verschärfe das Risiko von Haarrissen in den Notkühlsystemen, die die Anlage laut Quaré bereits in der Vergangenheit für längere Zeit stillgelegt hätten. Der Betreiber EDF müsse bis 2040 rund 8,7 Milliarden Euro investieren, um alternde Meiler gegen extreme Hitze zu wappnen, so Quaré.

Forderung nach Umweltprüfung und Laufzeitende

Das Antiatomnetz Trier und die Maus Trier fordern von der Politik auf beiden Seiten der Grenze ein Umdenken. Es dürfe kein weiteres Steuergeld oder Geld aus Stromrechnungen in die „künstliche Lebensverlängerung“ von Atomanlagen wie Cattenom fließen, so Pflüger. Die Zukunft liege aus Sicht des Verbands in flexiblen Lösungen aus Netzausbau, Großspeichern sowie Wind- und Solarstrom. Deutschland sei mit rund 14 Gigawatt Batteriespeicher und 10 Gigawatt Pumpspeicher hier bereits auf einem guten Weg, heißt es vom Antiatomnetz. Für verbleibende Engpässe brauche es keine unflexiblen atomaren oder fossilen Großkraftwerke, sondern Hausdämmung, Energiesparmaßnahmen und, wenn nötig, schnell startbare Backup-Anlagen, idealerweise mit Biogas betrieben.

Pflüger appelliert an Bundes- und Landesregierung, im Rahmen der grenzüberschreitenden Kooperation auf einen Verzicht jeglicher Laufzeitverlängerungen für Cattenom zu drängen. Gefordert wird zudem eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung nach der Espoo-Konvention sowie unabhängige Studien zu den Risiken der Klimakrise für den Betrieb alternder Atomkraftwerke.

Sollte der diplomatische Weg nicht ausreichen, rufen beide Organisationen die rheinland-pfälzische Landesregierung dazu auf, alle juristischen Möglichkeiten gegen den Weiterbetrieb von Cattenom auszuschöpfen und dies bereits jetzt vorzubereiten. Kritisch äußert sich das Antiatomnetz auch zu Jodtabletten als Schutzmaßnahme: Diese seien im Ernstfall wegen zu erwartenden Verkehrschaos und einer möglichen Fluchtbewegung wirkungslos, da sie zu spät oder gar nicht bei der Bevölkerung ankämen.