Andrea Fischer

Martina Straten und die dunkle Seite des Menschen

Region. In ihrem neuen Thriller „Böses Blut“ geht die im Hochwald lebende Autorin der Frage nach, was einen Menschen zum Täter macht.
Martina auf Kuschelkurs mit Wolfshunden, der Natur sehr nahe.

Martina auf Kuschelkurs mit Wolfshunden, der Natur sehr nahe.

Bild: Sonja Saur

Im Mittelpunkt steht Profilerin Charlotte Sandberg – eine Frau mit beruflichem Spürsinn und ganz normalen Problemen.Mord, menschliche Abgründe und Figuren, die weit mehr sind als einfach nur gut oder böse: Das sind die Stoffe, aus denen Martina Straten ihre Thriller schreibt. Jetzt ist mit „Böses Blut“ ihr neuer Roman erschienen. Darin beginnt nicht nur eine neue Reihe, sondern auch ein neues Kapitel für die Autorin: Erstmals veröffentlicht sie bei Hoffmann und Campe.

Im Mittelpunkt  steht Charlotte Sandberg, eine Profilerin Anfang 50. Geschieden, Mutter einer pubertierenden Tochter, auf der Suche nach einem neuen Partner und mit ganz normalen Problemen im Alltag. „Ich wollte eine ganz normale Frau“, erzählt Martina. Eine, die andere Menschen beruflich hervorragend lesen kann, ihr eigenes Leben aber nicht immer ganz so gut sortiert bekommt.

Was macht einen Menschen zum Täter?

Dass ausgerechnet eine Profilerin im Zentrum steht, passt zu einer Frage, die Martina seit Jahren beschäftigt: Was muss passieren, damit ein Mensch zum Täter wird? Sie versucht, die dunklen Seiten zu verstehen – ausdrücklich ohne sie zu entschuldigen. „Ich glaube nicht, dass jemand böse auf die Welt kommt“, sagt sie. Hinter einer Tat stecke meist eine Geschichte. Und wer diese verstehe, könne vielleicht auch besser verhindern, dass es überhaupt dazu kommt.

Auch in „Böses Blut“ geht es deshalb nicht nur um die Aufklärung eines Verbrechens. Gleich zu Beginn werden zwei Frauen tot aufgefunden, fast vollständig ausgeblutet und wie Kunstwerke arrangiert. Die Inspiration für die Geschichte lieferte eine alte ungarische Legende: die Blutgräfin Elisabeth Báthory, die als eine der berüchtigtsten Serienmörderinnen der Geschichte gilt. Martina faszinierte die historische Figur so sehr, dass sie sich fragte, wie sich ihre Geschichte in die Gegenwart übertragen ließe.

Brutalität um ihrer selbst willen interessiert sie dagegen nicht. „Ein Thriller muss psychologisch aufgebaut sein“, betont die Autorin. Einfaches Abschlachten sei für sie kein guter Thriller.

Ein bisschen Martina steckt in Charlotte

Ihre neue Ermittlerin ist Martina während des Schreibens immer nähergekommen. Wie alle ihre Figuren trägt Charlotte ein Stück ihrer Schöpferin in sich. Bei ihr ist es vor allem die Ungeduld. „Ich bin wirklich kein geduldiger Mensch. Frag mal meine Tochter“, verrät sie schmunzelnd. 

Auch Charlottes Lebensphase interessiert die Autorin besonders. Die Profilerin ist Anfang 50 und mitten in den Wechseljahren – ein Thema, über das ihrer Meinung nach noch immer viel zu wenig gesprochen wird. Für Martina ist diese Zeit keineswegs nur eine schwierige Phase. Frauen könnten dann sichtbarer, selbstbewusster und standfester werden.

Das Thema Schönheit spielt in „Böses Blut“ ebenfalls eine zentrale Rolle. Schönheit und Alter – für Martina ein schwieriges, aber spannendes Spannungsfeld. „Es gab eine junge Martina und es wird eine alte Martina geben“, sagt sie. Alles, was dazwischen passiert, sei ihr Leben. Und das dürfe sie auch zeichnen.

Wenn Figuren zu Menschen werden

Martina beobachtet Menschen genau. Schon als Kind habe sie stundenlang Gesichter studiert, erzählt sie. Heute fließen solche Beobachtungen in ihre Bücher ein. Manchmal sitzt sie irgendwo und schaut einfach den Menschen zu. Einzelne Eigenschaften können später in einer Figur wieder auftauchen. Eine komplette Hauptfigur an einen realen Menschen anzulehnen, komme für sie allerdings nicht infrage.

Ihre Figuren sind selten eindeutig gut oder böse. „Wenn du nur von außen auf etwas draufguckst, dann ist es leicht, über etwas zu urteilen. Wenn du näher guckst und genauer guckst, dann ist es nicht mehr so leicht.“

Wie nah die Autorin ihren Figuren kommt, hat sie beim Schreiben von „Böses Blut“ selbst überrascht. Eine Szene ging ihr so nahe, dass sie weinen musste. Sie schrieb sie am Vormittag, nachts träumte sie davon. Am nächsten Morgen wachte sie mit dem Gefühl auf, „als hätte ich einen Menschen verloren“.

Es sind solche Momente, in denen aus erfundenen Figuren beinahe echte Menschen werden. Und vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination des Schreibens: Martina kann ihre Figuren nicht einfach machen, was sie will. Irgendwann entwickeln sie sich selbst weiter.

Ein neues Kapitel

Mit „Böses Blut“ beginnt für Martina auch beruflich ein neues Kapitel. Nach Jahren im Selfpublishing veröffentlicht sie nun bei Hoffmann und Campe. Sie habe diese Zeit geliebt und bereue keine Sekunde, sagt sie. Gleichzeitig genieße sie es, wieder in einem Team zu arbeiten. Dass der Verlag gleich zwei Bücher gekauft habe, noch bevor das erste erschienen war, empfindet sie als großes Vertrauen in ihre Arbeit.

Charlotte Sandberg wird Martina ohnehin noch eine Weile begleiten. Der zweite Band ist bereits fertig und soll im März erscheinen. Wohin sich ihre Ermittlerin danach entwickelt, weiß die Autorin selbst noch nicht ganz. Aber eines ist sicher: Sie will es herausfinden.

Interview: Andrea Fischer