Andrea Fischer

Zwischen Tierleid und Hoffnung: Wie die „Schattenpfoten“ im Hochwald kämpfen

Hermeskeil/Region. Sie leben im Verborgenen, werden oft erst entdeckt, wenn es zu spät ist – herrenlose Katzen gehören auch im Hochwald zum Alltag. Der junge Verein „Schattenpfoten“ stellt sich dieser stillen Not. Neben Vorstandsmitglied Lisa Kuhn berichten Pflegestellen aus Hinzert von bewegenden Einsätzen, großen Herausforderungen und kleinen Wundern.

Nicole Molitor, Sabine Engel und Lisa Kuhn (v. l.) vom Verein „Schattenpfoten“ mit drei ihrer Schützlinge – ihr Einsatz gibt herrenlosen Katzen im Hochwald eine zweite Chance.

Nicole Molitor, Sabine Engel und Lisa Kuhn (v. l.) vom Verein „Schattenpfoten“ mit drei ihrer Schützlinge – ihr Einsatz gibt herrenlosen Katzen im Hochwald eine zweite Chance.

Bild: Andrea Fischer

Wenn Lisa Kuhn über ihre Arbeit spricht, wird schnell klar: Wegsehen ist für sie keine Option. Als Vorstandsmitglied der „Schattenpfoten“ begegnet sie täglich den traurigen Geschichten hinter dem Leben vieler herrenloser Katzen – Tiere, die im Verborgenen leben, krank, verletzt oder auf sich allein gestellt sind.

Ein Problem, das viele nicht sehen
„Die Situation ist schlimmer, als viele vermuten“, sagt die Tierschützerin aus Hermeskeil. In der gesamten Verbandsgemeinde Hermeskeil stoßen die Ehrenamtlichen immer wieder auf unkastrierte Populationen, verwaiste Kitten und Tiere ohne Überlebenschance. Ohne konsequente Maßnahmen wächst das Problem stetig weiter.
Wie viele Streunerkatzen es tatsächlich gibt, kann niemand genau sagen. „Man sieht sie kaum“, berichtet Sabine Engel aus Hinzert, Pflegestelle bei den „Schattenpfoten“. „Eigentlich nur, wenn man gezielt danach sucht.“

Vom Fund im Motorraum zum Engagement im Verein
Dass aus einer einzelnen Begegnung ein dauerhaftes Engagement werden kann, zeigt die Geschichte von Sabine Engel. „Angefangen hat alles, als ich ein kleines Kitten im Motorraum gefunden habe“, erzählt sie.
Das Tier wurde aufgepäppelt und vermittelt – doch die Erfahrung ließ sie nicht mehr los. „Da wusste ich: Auch hier im Dorf gibt es viele unkastrierte Katzen – und viel Elend.“ Als die „Schattenpfoten“ gegründet wurden, war sie von Anfang an dabei. Heute kümmert sie sich neben Pflegekatzen auch um die Social-Media-Arbeit des Vereins.
Aktuell leben zwei junge Katzen bei ihr – gefunden mit wenigen Wochen, heute rund drei Monate alt. Eigentlich sollten sie bleiben, bis sie vollständig versorgt und sozialisiert sind. Und dann? „Sich zu trennen, ist schon schwierig“, sagt sie. „Aber man muss auch überlegen, ob man sich das langfristig leisten kann – gerade bei Krankheit oder im Urlaub.“
Ein kleines Happy End gibt es dennoch: Die beiden Pflegekitten, ein roter Kater und ein dreifarbiges Glückskatzenmädchen, dürfen bleiben. „Die Entscheidung ist gefallen“, sagt Sabine Engel. Doch lange bleibt es nicht ruhig – nur wenige Tage später sind bereits drei neue Pflegekitten im Alter von etwa vier bis fünf Wochen bei ihr eingezogen.

Unsichtbar – und doch überall
Ein Einsatz in Beuren zeigt, wie schnell sich eine vermeintlich kleine Meldung entwickeln kann. Aus zunächst wenigen gemeldeten Tieren wurden deutlich mehr. „Innerhalb von Minuten sind uns mehrere trächtige Katzen begegnet“, erinnert sich Sabine Engel.
Inzwischen wurden dort zahlreiche Tiere kastriert – finanziert ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Für die Ehrenamtlichen ein wichtiger Schritt, um weiteres Leid zu verhindern.

Einsätze zwischen Hoffnung und Belastung
Der Alltag der „Schattenpfoten“ ist geprägt von Rettungsaktionen, Tierarztfahrten und Vermittlungen. Wird eine Katze gemeldet, verschaffen sich die Helfer zunächst einen Überblick, sichern das Tier und kümmern sich um medizinische Versorgung sowie Kastration.
Doch nicht jede Geschichte endet glücklich. Nicole Molitor, deren Haus  auch als Pflegestelle in Hinzert dient, erinnert sich an Kater Manni: „Er wurde angefüttert und irgendwann zum Problem erklärt.“ Der Kater galt als aggressiv, die Situation eskalierte.
Als die Tierschützer ihn sichern konnten, zeigte sich jedoch ein anderes Bild: „Man hat gemerkt, dass er eigentlich den Kontakt gesucht hat – aber gleichzeitig große Angst hatte.“ Auf einer Pflegestelle fasste Manni langsam Vertrauen. Heute lebt er entspannt als Hauskater. „Da sieht man, was Menschen aus einem Tier machen können – im Guten wie im Schlechten“, darin sind sich Lisa, Sabine und Nicole einig.

Wenn Kitten Kitten bekommen
Besonders belastend sind Einsätze, bei denen die Tiere selbst noch kaum erwachsen sind – und bereits Nachwuchs bekommen. Nicole erinnert sich an einen Fall im März: Sechs Jungkatzen im Alter von sieben bis neun Monaten konnten gesichert werden – alle hochträchtig. Die sogenannten „Teeniemütter“ wurden auf Pflegestellen untergebracht und bis zur Geburt betreut. Doch keiner der Fälle nahm ein gutes Ende. „Alle Kitten sind gestorben“, berichtet sie. Einige kamen bereits tot zur Welt, andere überlebten nur wenige Stunden. Hauptursache war die Mangelernährung der viel zu jungen Muttertiere.
In einem Fall kam es zu schweren Komplikationen – nur durch eine Notoperation konnte zumindest das Leben der Katze gerettet werden.
Für die Ehrenamtlichen sind solche Einsätze kaum zu verkraften – und dennoch keine Ausnahme. „Das ist das, was wir immer wieder erleben: Kitten bekommen Kitten“, sagt Nicole traurig. Ein Kreislauf, der sich ohne konsequente Kastration fortsetzt.

Zwischen Gleichgültigkeit und Verantwortung
Neben solchen Einzelschicksalen berichten die Helfer auch von schockierenden Situationen: angefahrene Tiere, die tagelang liegen gelassen werden, oder Katzen, die ausgesetzt werden, wenn sie „stören“. „Manche lassen ihre Tiere unkastriert raus, andere setzen sie vor die Tür, wenn sie rollig werden – und wundern sich dann über Nachwuchs“, schildert Nicole die aktuelle Situation in der Verbandsgemeinde Hermeskeil. .
Für Lisa Kuhn ist klar: „Wir bekämpfen oft nur die Folgen.“ Der Schlüssel liege darin, die Ursachen anzugehen – vor allem durch Kastration, Kennzeichnung und Registrierung von Freigängerkatzen.

Hoffnung auf klare Regeln
Eine Katzenschutzverordnung wäre aus Sicht des Vereins ein entscheidender Schritt. Sie würde Halter verpflichten, ihre Tiere kastrieren zu lassen – und gleichzeitig den Tierschützern rechtliche Sicherheit geben. „Aktuell bewegen wir uns oft in einer Grauzone“, erklären die Helfer. Mit einer Verordnung könnten sie schneller und gezielter handeln. Gespräche mit der Politik laufen bereits, Daten werden gesammelt, ein Antrag vorbereitet. Ziel ist es, das Problem nachhaltig in den Griff zu bekommen.Eine Katzenschutzverordnung wäre aus Sicht des Vereins ein entscheidender Schritt. Sie würde Halter verpflichten, ihre Tiere kastrieren zu lassen – und den Tierschützern mehr Handlungssicherheit geben.

Doch auf kommunaler Ebene wird das Thema bislang zurückhaltend bewertet. Wie Verbandsgemeindebürgermeister Stefan Ding mitteilt, haben sich die Gremien der Verbandsgemeinde Hermeskeil bereits mit einer möglichen Verordnung befasst – sich jedoch zunächst dagegen entschieden. Stattdessen setzt die Verwaltung aktuell auf gezielte Einzelmaßnahmen und eine genauere Datenerhebung, um das tatsächliche Ausmaß besser bewerten zu können.

Gleichzeitig sei die Zahl gemeldeter Fälle zuletzt gestiegen, sodass eine erneute Beratung künftig nicht ausgeschlossen wird. Ding betont zudem, dass eine Verordnung allein das Problem nicht lösen werde: Entscheidend sei das Zusammenspiel von Behörden, Tierschutz und Gesellschaft – und ein verantwortungsvoller Umgang mit Haustieren.

Ein Appell an alle
Tierschutz beginnt vor der eigenen Haustür. Jeder kann helfen – durch verantwortungsvolle Haltung und Aufmerksamkeit.
Für die „Schattenpfoten“ bedeutet das: weitermachen. Helfen, retten, vermitteln. Und hoffen, dass sich langfristig etwas ändert – vielleicht irgendwann so sehr, dass es ihren Einsatz nicht mehr braucht.