Claudia Neumann

Trierer Freundinnen erhalten XY-Preis für Zivilcourage

Trier. Valeria Lizenberger und Edanur Karademir erkannten am Trierer Hauptbahnhof den stillen Hilferuf einer bedrängten Jugendlichen. Mit ihrem Eingreifen verhinderten sie Schlimmeres.

Edanur Karademir, Valeria Lizenberger, Rudi Cerne

Edanur Karademir, Valeria Lizenberger, Rudi Cerne

Bild: Jens Gyarmaty

Ein ungutes Bauchgefühl, ein kaum sichtbares Handzeichen und zwei junge Frauen, die nicht wegschauten: Valeria Lizenberger und Edanur Karademir haben am Trierer Hauptbahnhof einer 14-Jährigen geholfen, die von einem etwa 30 Jahre alten Mann bedrängt wurde. Für ihren Einsatz erhalten die beiden den XY-Preis „Gemeinsam gegen das Verbrechen“ 2026.

Die Preisverleihung fand am Montag, 19. Oktober, um 19 Uhr im ZDF-Hauptstadtstudio statt. Die Preisträgerinnen und Preisträger werden am Mittwoch, 4. November, ab 20.15 Uhr in der Livesendung „Aktenzeichen XY … Ungelöst“ vorgestellt.

Freundinnen erkennen den stillen Hilferuf

Valeria und Edanur waren am Trierer Hauptbahnhof unterwegs. Weil es dort an diesem Tag sehr voll war, setzten sie sich in eine Seitenstraße abseits des Bahnhofsplatzes. Wenige Meter entfernt bemerkten sie einen Mann und ein etwa 14-jähriges Mädchen. Der Mann hatte das Mädchen zuvor angesprochen und nach einem Feuerzeug gefragt. Anschließend ließ er es nicht mehr in Ruhe, bedrängte es und versuchte mehrfach, es zu küssen und anzufassen.

Zunächst vermuteten die Freundinnen, dass die beiden ein Paar sein könnten. Der Altersunterschied und das Verhalten des Mädchens machten sie jedoch misstrauisch. Es wirkte auf sie ängstlich und lächelte nicht. Valeria und Edanur behielten die Situation deshalb im Blick.

Wenige Minuten später ging der Mann an den beiden vorbei und zog das Mädchen mit sich. Edanur beobachtete die Jugendliche genau. Als diese hinter ihrem Rücken das internationale Handzeichen „Signal for Help“ zeigte, reagierten die Freundinnen sofort.

Edanur forderte den Mann auf, sofort zu gehen, und kündigte an, die Polizei zu rufen. Daraufhin ließ er von dem Mädchen ab und flüchtete.

Eine kümmert sich um das Mädchen, die andere ruft die Polizei

Die beiden jungen Frauen teilten sich spontan auf, ohne sich lange abzusprechen. Valeria blieb bei der panischen Jugendlichen, beruhigte sie und bot ihr etwas zu trinken an. Edanur verständigte die Polizei und folgte dem Mann zunächst, um sich sein Aussehen und die Fluchtrichtung zu merken. Sie hielt dabei Abstand und brach die Verfolgung ab, als sie die Situation nicht mehr sicher einschätzen konnte. Anschließend kehrte sie zu Valeria und dem Mädchen zurück. Gemeinsam warteten sie auf die Polizei.

Edanur kannte das internationale Handzeichen aus dem Jugendrotkreuz. Auch ohne das Signal hätte sie die Jugendliche vermutlich angesprochen, weil sie sich bereits Sorgen gemacht hatte.

Dank der genauen Personenbeschreibung und der Angaben zur Fluchtrichtung konnte die Polizei den Mann fassen und festnehmen. Später wurde er wegen sexueller Belästigung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

„Lieber einmal mehr nachfragen“

Die Laudatio auf die beiden Preisträgerinnen hielt die Schauspielerin Stella Hinrichs. Sie hob hervor, dass Valeria und Edanur die verdächtige Situation aufmerksam beobachtet und nach dem Erkennen des Handzeichens unmittelbar gehandelt hätten. Während Valeria der Jugendlichen Sicherheit gab, habe Edanur besonnen reagiert und sich bewusst gegen eine weitere Verfolgung entschieden, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Das Verhalten der beiden zeige, dass Menschen durch Aufmerksamkeit und entschlossenes Handeln Straftaten verhindern können.

Im Interview berichten die Freundinnen, dass sie sich bei ihrem Eingreifen kaum absprechen mussten. Sie hätten instinktiv gehandelt. Im Nachhinein sei ihnen bewusst geworden, dass die Situation auch anders hätte ausgehen können.

Anderen Menschen raten sie, nicht wegzuschauen, aber auch die eigene Sicherheit im Blick zu behalten. Wer eine bedrohliche Situation beobachtet, könne andere darauf aufmerksam machen, die Polizei verständigen und bei der betroffenen Person bleiben. Besonders in abgelegenen Bereichen sei es wichtig, genauer hinzusehen. „Lieber einmal mehr nachfragen, ob alles okay ist, als gar nicht nachzufragen“, sagt Edanur.

Das „Signal for Help“ bekannter machen

Das internationale Handzeichen soll signalisieren, dass sich eine Person in einer Notsituation befindet und Hilfe benötigt. Edanur hatte es bereits in der Grundschule kennengelernt; später wurde es im Jugendrotkreuz erneut aufgegriffen. Sie hat jedoch den Eindruck, dass das Wissen um das Zeichen zurückgegangen ist. Sie wünscht sich, dass es wieder stärker vermittelt wird, damit mehr Menschen es erkennen.

Auch Valeria betont, wie wichtig es sei, auf das eigene Bauchgefühl zu hören und die Umgebung aufmerksam wahrzunehmen. Seit dem Vorfall achtet sie stärker auf ihr Umfeld. Edanur versucht nach eigenen Angaben, unterwegs weniger auf das Handy zu schauen und stattdessen bewusster wahrzunehmen, was um sie herum geschieht.

Beide sind sich einig: Wer den Eindruck hat, dass etwas nicht stimmt oder jemand Hilfe braucht, sollte nicht einfach wegsehen. Gleichzeitig sollte niemand unüberlegt handeln oder sich selbst gefährden.

Sendetermin und weitere Informationen

Die Preisverleihung des XY-Preises „Gemeinsam gegen das Verbrechen“ 2026 wurde am Montag, 19. Oktober, im ZDF-Hauptstadtstudio aufgezeichnet. Die Preisträgerinnen und Preisträger sind am Mittwoch, 4. November, ab 20.15 Uhr in der Livesendung „Aktenzeichen XY … Ungelöst“ zu sehen.

Weitere Informationen zum internationalen Handzeichen „Signal for Help“ gibt es bei der Polizei-Beratung: Stiller Hilferuf per Handzeichen.