Jutta Kruft

Zwischen Triumph und Tragödie

Ahrweiler. Dokumentarfilmer Uli Weidenbach mit einem einfühlsamen Porträt über Deutschlands "Bomber der Nation".

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Uli Weidenbach, Dokumentarfilmer und freier Journalist aus Ahrweiler, ist es gelungen, Gerd Müllers Ehefrau Uschi zum ersten Mal für ein Filmprojekt über ihren verstorbenen Mann zu gewinnen.

Uli Weidenbach, Dokumentarfilmer und freier Journalist aus Ahrweiler, ist es gelungen, Gerd Müllers Ehefrau Uschi zum ersten Mal für ein Filmprojekt über ihren verstorbenen Mann zu gewinnen.

Foto: Edith Billigmann

Mehr als 50 Dokumentarfilme hat Uli Weidenbach, Regisseur und freier Journalist aus Ahrweiler, bereits gedreht, sein jüngster über Deutschlands berühmteste "Tormaschine" Gerd Müller wird am 13. November im Vorfeld der Fußball-WM im ZDF ausgestrahlt. Dabei ist es ihm gelungen, neben bekannten Weggefährten zum ersten Mal auch die Witwe Uschi Müller für das Filmprojekt über ihren verstorbenen Mann zu gewinnen. Das Porträt zeichnet Gerd Müllers kometenhaften Aufstieg vom "Kicker aus der Provinz" zum "Bomber der Nation" nach, nimmt die Zuschauer mit auf den Weg zwischen Triumph und Tragödie eines in sich zerrissenen Stars. Weidenbachs Anspruch ist es, möglichst objektiv und wertungsfrei zu dokumentieren - ein Markenzeichen, das er sich selbst erarbeitet hat und das ihm einen Vertrauensvorschuss der Gesprächspartner entgegenbringt. Denn ihnen bleibt es selbst überlassen, sich vor der Kamera zu öffnen. Und sie tun es freiwillig. Neben Paul Breitner, Sepp Maier, Hermann Gerald und Biograf Dr. Hans Woller hat sich auch Ehefrau Uschi bereit erklärt, Einblicke in das Leben an der Seite ihres Mannes zu geben. Eine sensible Angelegenheit, spricht sie doch zum ersten Mal über schwere Zeiten - Müllers Alkoholsucht, die Ehekrise und schließlich die Alzheimer-Erkrankung, mit der er sich am 15. August 2021 langsam aus dem Leben geschlichen hat. Zwei Jahre musste Uli Weidenbach warten, bis er den Film realisieren konnte, zu sensibel war die Zeit, in der Gerd Müller erkrankt war, zu sensibel aber auch die erste Zeit danach.

Fußball ist die treibende Kraft

Warum es dem Journalisten aus dem Ahrtal immer wieder gelingt, berühmte nationale Persönlichkeiten vor die Kamera zu ziehen, zeigt ein Blick auf seine Historie. Denn sein Lebensweg war alles andere als linear, "eher Serpentinen", wirft er ein und erzählt seine Geschichte, in der Fußball der treibende Motor war und ist. Fußball hat er schon von Kindesbeinen an gespielt, zuerst in Ahrweiler, dann in Mayen, Sinzig und während des Studiums in Trier - überall dort, wo er auch gelebt hat. Was er nach dem Abi machen sollte, wusste er nicht so richtig. "Ich wollte immer nur Fußballspielen", erzählt er rückblickend. "Nur das war mir wichtig." Er entscheidet sich deshalb für eine kaufmännische Ausbildung bei der Deutschen Bank. Doch ein Leben am Schreibtisch ist seines nicht. Erste Zweifel an der richtigen Jobwahl kommen in ihm hoch, als er während des BWL-Studiums für die Lokalzeitung in Sinzig arbeitet und er merkt, dass er sich dort besser entfalten kann. Er nimmt eine Auszeit und zwingt sich so zum ersten Mal, sich mit sich selbst zu beschäftigen. "Was will ich überhaupt?", ist die Frage, die ihn leitet. Er packt seinen Rucksack und begibt sich auf Touren durch Australien, Neuseeland und den Süd-Pazifik, reist durch die Anden, Amazonien und die Antarktis - nur einmal unterbrochen, um bei der US-Nachrichtenagentur AP in Frankfurt zu arbeiten. Seine Erlebnisse hält er in Reisereportagen fest. Und dann kehrt er wieder nach Hause zurück. Da ist er 33. Ohne berufliche Option, aber mit vielen Fragezeichen und dem Gefühl einer ungewissen Zukunft zieht er wieder bei den Eltern ein und muss feststellen: "Weggehen ist einfach, Wiederkommen nicht." Da ist das Angebot aus Japan, Auswahltrainer in der Präfektur Kitayushu bei Nagasaki zu werden, der rettende Strohhalm, der ihm schließlich die Türen eines neuen Berufsfeldes öffnen wird. Während seiner einjährigen Trainertätigkeit in Japan bewirbt er sich für eine Hauptrolle im "Wunder von Bern". Der Einladung folgt er aber dann wegen der großen Entfernung doch nicht. Aber die Dreharbeiten verschieben sich und gesucht werden jetzt Fußballtrainer und erfahrene Spieler. Filmregisseur Sönke Wortmann kommt auf ihn zu, Weidenbach erhält den Zuschlag und entwickelt die Choreografie für fünf Szenen des legendären Endspiels von 1954 Deutschland gegen Ungarn. Damit ist die Tür zum Dokumentarfilmgeschäft geöffnet, denn seine Detailkenntnis und sein akribisches Arbeiten haben sich bei den Öffentlich-Rechtlichen längst herumgesprochen. Seit dieser Zeit ist Uli Weidenbach als Autor und Regisseur zeitgeschichtlicher TV-Dokumentationen für ARD und ZDF unterwegs.

Hintergrund

Gerd Müller - Der "Bomber der Nation": In den 70-er Jahren wird Gerd Müller zum umjubelten Weltstar. Der Mittelstürmer bricht sämtliche Torrekorde der Fußballbundesliga, schießt seinen FC Bayern München von Titel zu Titel - und macht Deutschland 1974 zum Weltmeister. Doch der rasante Aufstieg hat auch Schattenseiten. Der Film von Uli Weidenbach zeigt die Karriere eines Mannes, der für manche nur ein erfolgreicher Stürmer war, doch für Fußballdeutschland einfach der "Bomber der Nation" bleibt. Zu sehen in ZDF-History am Sonntag, 13. November, 23.40 Uhr, und ab Samstag, 12. November, 23.40 Uhr, fünf Jahre lang in der Mediathek.


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