Thomas Förster

Gemeinsam lernen, innovativ handeln, sicher leben

Mützenich. Beim Mützenicher EU-Bürgerdialog ging es um Chancen für Bildung, Wirtschaft und Lebensqualität
In verschiedenen Gruppen diskutierten Experten und Bürger, Politiker und Schüler über die Chancen Europas für eine Grenzregion.

In verschiedenen Gruppen diskutierten Experten und Bürger, Politiker und Schüler über die Chancen Europas für eine Grenzregion.

Bild: Thomas Förster

Mützenich (Fö). Wo die Grenze buchstäblich durch das Dorf verläuft, sind offene Grenzen und europäische Zusammenarbeit keine abstrakten politischen Begriffe, sondern gelebter Alltag. Unter dem Leitgedanken »Europa 2.0« fand jetzt der vierte Mützenicher EU-Bürgerdialog statt. Im Mittelpunkt standen Bildung, Innovation und Lebensqualität, aber auch Krisenmanagement, Katastrophenschutz und die wirtschaftlichen Chancen einer Grenzregion. Mit dabei waren auch Schüler des Inda-Gymnasiums aus Aachen-Kornelimünster.

»Europa findet hier statt, direkt an der Grenze«, brachte Jaqueline Huppertz, Ortsvorsteherin von Mützenich und Initiatorin des Bürgerdialogs, die Idee der Veranstaltung auf den Punkt. Jeden Tag würden Grenzen ganz selbstverständlich überquert, Menschen arbeiteten, lebten und feierten miteinander. Dieses Miteinander müsse angesichts aktueller geopolitischer und regionaler Herausforderungen weiter gestärkt werden.

Dabei setzte Huppertz drei Schwerpunkte. Bei der Bildung gehe es darum, den europäischen Gedanken bereits in Kitas und Schulen zu vermitteln, Mehrsprachigkeit zu fördern und grenzüberschreitende Austauschprogramme auszubauen. Im Bereich Innovation dürfe die Grenzregion nicht als Randgebiet verstanden werden. Vielmehr könne sie durch digitale Vernetzung sowie die Zusammenarbeit von Handwerk, Wirtschaft, Forschung und Start-ups zum Vorreiter werden. Zur Lebensqualität zählte Huppertz unter anderem einen besser verknüpften Nahverkehr, eine gesicherte Gesundheitsversorgung und Antworten auf den demografischen Wandel.

Ein besonderer Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf dem grenzüberschreitenden Krisenmanagement. Wie wichtig ein unkompliziertes Zusammenwirken über Landes- und Staatsgrenzen hinweg sei, habe zuletzt der Großbrand im Hohen Venn gezeigt. Feuerwehren und Helfer aus mehreren Ländern arbeiteten dabei zusammen, während zeitweise auch Orte auf deutscher Seite bedroht waren. Gefahren machten an Grenzen keinen Halt, Hilfe ebenso wenig, betonte Huppertz. Solche Strukturen müssten deshalb weiter ausgebaut werden.

Dr. Stefan Lock, Leiter der Regionalvertretung der Europäischen Kommission in Bonn, hatte die Region nach dem Brand gemeinsam mit EU-Kommissarin Hadja Lahbib besucht. Die großen europäischen Hilfsmechanismen hätten gut funktioniert. Schwieriger werde es mitunter bei der unmittelbaren Zusammenarbeit vor Ort, weil Rettungs- und Einsatzsysteme dies- und jenseits der Grenze unterschiedlich organisiert seien. Gerade in Krisensituationen werde sichtbar, wo trotz enger persönlicher Kontakte noch praktische Hürden bestehen.

Auch das Statement der verhinderten Sabine Verheyen, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, nahm den Katastrophenschutz in den Blick. Nach dem belgischen Hilfeersuchen wurde im August der EU-Katastrophenschutzmechanismus aktiviert. Zwei Löschflugzeuge aus Schweden, sechs Hubschrauber aus den Niederlanden, Norwegen und Deutschland sowie Satellitenkarten des Copernicus-Programms unterstützten den Einsatz. Die Ereignisse im Hohen Venn und im Hürtgenwald zeigten zugleich, dass Waldbrände längst nicht mehr nur ein Problem Südeuropas seien.

Nur gemeinsam Zukunft gestalten

Karl-Heinz Lambertz, ehemaliger Präsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens, erinnerte daran, dass europäische Errungenschaften nicht selbstverständlich seien. Prägend für sein eigenes politisches Engagement sei bereits als Jugendlicher ein internationales Treffen im Jahr 1968 gewesen, bei dem die Nachricht vom Einmarsch in Prag die Teilnehmer erreichte. Heute könnten Herausforderungen wie Frieden, Klimawandel, künstliche Intelligenz, soziale Gerechtigkeit oder demografischer Wandel nach seiner Überzeugung nur gemeinsam in einem integrierten Europa bewältigt werden.

Für Markus Terodde aus dem Dezernat Bildung, Jugend und Strukturentwicklung der StädteRegion Aachen beginnt Europa ebenfalls möglichst früh. Kinder und Jugendliche müssten erleben können, welchen Mehrwert es habe, über die Grenze zu gehen, Menschen kennenzulernen und andere Sprachen praktisch anzuwenden. Gerade die Grenzregion biete dafür besondere Möglichkeiten.

Terodde verwies zugleich auf das große wirtschaftliche und wissenschaftliche Potenzial der Euregio. Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Unternehmen der Hochtechnologie und Projekte wie das Einstein-Teleskop könnten dazu beitragen, die Region stärker als europäischen Innovationsraum zu profilieren. Damit verband sich beim Bürgerdialog auch die Frage, welche Chancen, Fördermöglichkeiten und Herausforderungen die Grenzlage für Handwerk, Handel und den Strukturwandel bietet.

Nach den Impulsen wurde an drei Thementischen weiterdiskutiert: über grenzüberschreitende Bildungsangebote, Innovation und wirtschaftliche Zukunftsprojekte sowie über Lebensqualität, Mobilität, Gesundheitsversorgung und Katastrophenschutz. Damit blieb der vierte Mützenicher EU-Bürgerdialog seinem Ansatz treu: Europa nicht nur zu besprechen, sondern dort konkret weiterzuentwickeln, wo es längst Alltag ist – direkt an der Grenze.