Wir halten zusammen!

Die Ahr hat den Menschen in ihrer Umgebung fast alles genommen. Doch auf die Flutwelle folgte eine Welle der Solidarität - wie jetzt in Ernst.
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"300 zum Ersten, 300 zum Zweiten, 300 zum Dritten". Jubel ertönt. Die Besucher des Ernster Weinfestes haben sich in Stimmung gesteigert. Auf dem Festplatz an der Mosel dreht sich für eine Stunde alles um Ahrwein. Kein gewöhnlicher, sondern jener, der aus den Fluten in Dernau gerettet werden konnte. Die Flaschen stammen aus dem Fundus der Winzergenossenschaft Dagernova und werden nun für den guten Zweck versteigert. Sechserkartons wechseln im Fünf-Minuten-Takt die Besitzer. Die ersten noch für 80 oder 100 Euro. Später verdreifacht sich teilweise die Summe. Kurz überlegen, schnell handeln Die Aktion ist kurzfristig Teil des Weinfestprogramms geworden. So kurzfristig wie vieles, was in den vergangenen Wochen auf die Beine gestellt wurde, wenn es um die Hilfe für Menschen ging, die durch die Flut zum Teil alles verloren haben. Kurz überlegen, schnell handeln. Diese Marschrichtung hat die Initiative "Moselkrampen hilft Altenahr" eingeschlagen. Das Konzept geht auf. Wenige Stunden nach der Katastrophe genauso wie fünf Wochen später. Bereits zwei Tage nach der Flut standen freiwillige Helfer aus Ernst und Umgebung in Altenahr und grillten Würstchen. "Es waren die Ersten, die uns warmes Essen brachten", erinnert sich Stephan Knieps. Lange bevor offizielle Kräfte ihre Gulaschkanonen aufgebaut hätten. Der Wehrführer von Altenahr ist auf Einladung der Organisatoren für einen Abend Gast auf dem Ernster Weinfest. Er sagt: "Was an Hilfe geleistet wird, ist einfach der Wahnsinn." Damit meint er nicht nur die Moselaner, sondern all jene, die aus ganz Deutschland in seine Heimatgemeinde kamen, um zu retten, was zu retten war. Doch zu den Helfern aus dem Moselkrampen gibt es inzwischen eine besondere Beziehung. Er blickt kurz nach rechts. Neben ihm steht der Ernster Eric Andre. "Es sind Freundschaften entstanden in den vergangenen Wochen", sagt Knieps und sein Gegenüber nickt. Die Männer eint ein Erlebnis, wenn auch aus verschiedenen Perspektiven. Unbürokratische, schnelle Hilfe Am 14. Juli überraschte die Flut beide. Andre verbrachte mit Freunden seinen Urlaub an der Ahr und musste vor den Wassermassen fliehen. Knieps war früh an diesem Tag für die Feuerwehr im Einsatz. Als die Flutwelle auch seinen Garten und Keller überschwemmte, war er längst unterwegs, um anderen zu helfen. Auch in Ernst startet ein Einsatz. Eric Andre und seine Freunde finden schnell Mitstreiter, die bereit sind, an der Ahr zu helfen. Unter dem Dach des örtlichen Sportvereins nimmt die Mission an Fahrt auf. Das Grillen für die Helfer kurz nach der Katastrophe soll nur der Anfang sein. Unternehmer und Privatleute spenden und packen mit an. Trupps von der Mosel räumen Hochwasserschlamm aus Häusern, bringen Essen, Diesel oder schweres Gerät mit. Nach einigen Tagen rücken sie auch im Garten von Stephan Knieps an. "Er hat bei der Feuerwehr die ganze Zeit für die Gemeinschaft geradegestanden, hatte keine Zeit, sich um sein eigenes Grundstück zu kümmern", erklärt Andre. Da sei es selbstverständlich gewesen, auch ihm zu helfen. Und Knieps betont: "Wenn ich daran zurückdenke, bekomme ich noch heute Pipi in die Augen." Zwei Flussregionen stehen fest zueinander Während er das sagt, werden im Hintergrund weiter Gebote für die Flutweine abgegeben. "Höre ich 200?" Der Versteigerer erhält dabei charmante Hilfe von den Weinprinzessinnen an Ahr und Mosel. Mit dabei ist unter anderem Linda Trarbach, amtierende Gebietsweinprinzessin aus Dernau und selbst Betroffene. Dass sie neben ihrer Amtskollegin steht, hat für die Organisatoren Symbolkraft. "Es soll zeigen, dass zwei Flussregionen fest zueinanderstehen", so Andre. 2.100 Euro kommen an diesem Abend allein durch die Versteigerung zusammen. Das Geld soll unbürokratische Hilfe leisten. Die Initiative "Moselkrampen hilft Altenahr" hat hierfür unter anderem eine Box aufgehängt, in der Hochwasserbetroffene ihren dringenden Bedarf mitteilen können. Wo immer es geht, soll unterstützt werden – auch in Zukunft. "Die Bürger haben schon ein wenig Angst, dass irgendwann ein Loch kommt, in dem Hilfe fehlt, aber keine mehr kommt", weiß der Altenahrer Wehrführer aus Gesprächen. Soweit soll es nicht kommen. Selbst wenn irgendwann das finanzielle nicht mehr im Vordergrund stehen sollte, will die Moselinitiative Hilfe leisten, soziale etwa, durch Austausch und gegenseitige Besuche. Aus Überzeugung, aus Freundschaft und aus der Verbundenheit zweier Wein- und Flusslandschaften. Fotos: Hommes