Julia Borsch

Goldschmiede in Beaufort: Wo Schmuck Geschichten erzählt

Beaufort/Region (leu). In der Goldschmiede von Jutta Reusch im luxemburgischen Beaufort entstehen keine Schmuckstücke von der Stange. Zwischen altem Handwerk, persönlichen Geschichten und der Suche nach Nachwuchs bewahrt ein kleines Team einen besonderen Beruf.

Text: Nikolas Leube

Hammer, Feilen und zahlreiche kleine Werkzeuge liegen auf der großen Werkbank in der Mitte des Raumes. An den Arbeitsplätzen stehen die typischen Feilnägel, an denen die Goldschmiedinnen ihre Stücke bearbeiten. Unter den Arbeitsflächen sammeln sammeln Lederschürzen selbst feinste Rückstände. Denn was hier bearbeitet wird, ist ein besonderes Material.

Eingeschmolzen wirkt das Edelmetall zunächst unscheinbar. Erst durch viele einzelne Arbeitsschritte, durch Feilen, Schmieden und Formen, entsteht daraus ein Schmuckstück – entweder als individuelle Neuanfertigung oder aus Gold, das bereits eine Geschichte mitbringt.

Denn die Menschen, die in die Goldschmiede im luxemburgischen Beaufort kommen, bringen oft mehr mit als einen Auftrag. Da ist der Ring der Mutter, eine geerbte Kette oder ein Schmuckstück, das an einen besonderen Moment erinnert. Bevor die Arbeit beginnt, steht deshalb das Gespräch. "Wir hören uns zunächst die Geschichte an und lernen den Menschen kennen", erzählt Jutta Reusch. "Daraus entsteht dann die Idee und die Skizze für das Stück."


Aus einer Ausbildung wird Freundschaft

Dass Jutta Reusch einmal Goldschmiedin werden würde, war nicht von Anfang an geplant. Die aus Gerolstein stammende Goldschmiedemeisterin wusste nach dem Abitur vor allem eines: Sie wollte mit den eigenen Händen etwas erschaffen.
Angefangen hat alles mit Fimo – einer formbaren Masse, aus der sie ihre ersten Schmuckstücke herstellte. Die kleinen Arbeiten kamen gut an. Bald trugen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gerolsteiner Krankenhauses von ihr gefertigte Namensbroschen. "Es machte einfach Spaß", erinnert sich die 55-Jährige.

Ein Praktikum in einer Goldschmiede bestätigte schließlich ihren Wunsch, diesen kreativen Weg einzuschlagen. Eine Ausbildungsstelle zu finden, war allerdings schon damals nicht einfach. Jutta Reusch bekam ihre Chance in Trier. 1991 lernte sie dort Martina Mully (55) und Nicole Schoenewolf (44) kennen – zwei Frauen, die sie bis heute begleiten. Nach ihrer Ausbildung zog es Reusch zunächst ins Ausland. Unter anderem in Benin und auf Martinique lernte sie traditionelle Techniken der Schmuckherstellung kennen – Erfahrungen, die ihre Arbeit prägen.

Im Jahr 2000 führte Jutta Reuschs Weg nach Beaufort. Ihr Mann übernahm dort die örtliche Schreinerei, sie baute ihre eigene Goldschmiede auf. Heute arbeiten die drei Goldschmiedemeisterinnen gemeinsam in der Werkstatt. Sie sitzen den ganzen Tag eng zusammen. Vieles geschieht gemeinsam, manches ganz selbstverständlich nach all den Jahren. "Das ist kein Arbeitsverhältnis, sondern Familie", sagt Jutta Reusch.


Wenn Gold Erinnerungen trägt

Mit ruhiger Hand und viel Konzentration arbeiten Jutta Reusch und ihr Team an einem Werkstoff, der in Zahlen gemessen einen sehr hohen Wert besitzt – aber oft einen noch größeren persönlichen Wert für die Menschen, die damit verbunden sind. Besonders nahe gehen dem Team Aufträge, die mit dem Verlust eines Menschen verbunden sind. Manchmal entstehen aus den Ringen verstorbener Angehöriger neue Schmuckstücke. Auch Erinnerungsstücke für verstorbene Kinder gehören zu ihrer Arbeit. "Uns war am Anfang der Ausbildung nicht bewusst, wie persönlich das Ganze ist", sagt Reusch.

Für sie liegt genau darin eine Besonderheit des Handwerks: Schmuck wird direkt am Körper getragen, am Finger oder um den Hals. Manche Stücke begleiten einen Menschen über Jahrzehnte – und später eine weitere Generation.
Der Standort Luxemburg bringt dabei einen besonderen Vorteil mit sich: Gold hat hier traditionell einen hohen Stellenwert. Viele Kinder bekommen zur Geburt oder Taufe ein Schmuckstück oder Gold geschenkt. Für die Goldschmiede bedeutet das, dass Schmuck hier einen festen Platz im Leben vieler Menschen hat.


Zwischen Tradition und Zukunft

Doch während Schmuck oft über Generationen weitergegeben wird, ist die Weitergabe des Handwerks schwieriger geworden. Goldschmiedewerkstätten sind seltener geworden, Ausbildungsplätze und Bewerber rar. Wo früher nahezu jeder Juwelier eine eigene Goldschmiede hatte, bilden heute nur noch wenige Betriebe aus.

Für Jutta Reusch steht trotzdem fest: Der Beruf hat Zukunft. Gerade weil sich vieles ins Internet verlagert hat, sieht sie eine Stärke in dem, was sich nicht digitalisieren lässt – dem persönlichen Kontakt. Die Kunden kommen mit ihrem Gold, ihren Vorstellungen und ihrer Geschichte in die Werkstatt. Die Goldschmiedinnen begleiten den Weg vom ersten Gespräch bis zur Übergabe des fertigen Schmuckstücks. Gerade diesen Moment erlebt Reusch als besonderen Teil ihres Berufs: zu sehen, wie glücklich die Kunden die Werkstatt verlassen. "Schmuck lässt sich im Internet bestellen. Aber wenn jemand mit eigenen Vorstellungen oder einem besonderen Schmuckstück zu uns kommt und daraus etwas Persönliches entstehen soll, braucht es den direkten Austausch", sagt sie.

In der Werkstatt wird dieses Wissen inzwischen an die nächste Generation weitergegeben. Lily Joosen ist die erste Auszubildende der Goldschmiede. Die 22-Jährige hat sich bewusst gegen ein Studium und für einen handwerklichen Beruf entschieden. Nach zwei Jahren Vollzeitunterricht in Pforzheim arbeitet sie inzwischen wieder in Beaufort; im kommenden Jahr steht ihr Abschlussstück an. Was sie an dem Beruf fasziniert, ist vor allem seine persönliche Seite. "Klar, man kann auch Möbelstücke machen, die etwas Persönliches haben. Aber Schmuck hat einen höheren emotionalen Wert. Und es geht nicht nur darum, dass er schön ist", sagt die Auszubildende.

Dass Lily heute mit am Tisch sitzt, ist auch für Reusch ein Zeichen dafür, dass das Handwerk weiterleben kann. Die junge Generation bringe neue Ideen mit, sagt sie – und genau das sei auch für ein so altes Handwerk wichtig.


Was Gold wert ist

Wer die Werkstatt in Beaufort betritt, begegnet einem Handwerk, dessen grundlegende Arbeitsschritte sich trotz moderner Technik kaum verändert haben. Feilen, Sägen, Schmieden und Schmelzen gehören noch immer zum Alltag.

"Manchmal sitzen wir hier und sagen, wir dürfen jetzt nicht darüber nachdenken, welchen Wert wir in den Händen halten – sei es emotionaler oder materieller Natur", erzählt Jutta Reusch. Auch Lily hat Respekt vor dem wertvollen Material. Gleichzeitig hat sie während ihrer Ausbildung gelernt, dass Gold Fehler verzeiht. Wenn etwas nicht gelingt, kann es wieder eingeschmolzen werden. Dann allerdings beginnt die Arbeit von vorn.

So lässt sich Gold immer wieder neu formen. Sein materieller Wert lässt sich in Zahlen ausdrücken. Doch für die Menschen, die es in die Werkstatt bringen, steckt darin oft schon ein ganz anderer Wert: Erinnerungen, Geschichten und die Verbindung zu einem Menschen. Durch die Arbeit der Goldschmiedinnen bekommt das Gold schließlich eine neue Form – und mit ihr entsteht eine neue Geschichte und ein neuer persönlicher Wert.


Weitere Informationen zur Goldschmiede in Beaufort finden Interessierte hier.

Der Artikel ist erstmals in der 15. Ausgabe unseres Kultur- und Lifestylemagazins "eff." erschienen. Das E-Paper des Magazins finden Interessierte hier.