Julia Borsch

"Ist das Kunst oder Pornografie?" Andreas Goral hält die Debatte für überholt

Ammeldingen bei Neuerburg (bor). Was wäre, wenn das biblische Paradies in der Südeifel gelegen hätte? Der Künstler Andreas "Andi" Goral verlegt Adam und Eva nach Ammeldingen, dreht den biblischen Mythos um und stellt eine Frage, die für ihn längst überholt ist: Warum diskutieren wir im Jahr 2026 noch darüber, ob die Darstellung nackter Körper Kunst oder Pornografie ist?

Die Südeifel, sagt Goral, verbinde man mit ländlichen Szenen, Streuobstwiesen und Äpfeln. Für ihn war damit die Verbindung zu Adam und Eva schnell hergestellt. "Hätte die Geschichte von Eva und Adam, der Schlange und dem Apfel nicht in Ammeldingen spielen können?", fragt der Künstler. Noch bis 25. Oktober ist seine Ausstellung "evas + adams" in der Janik Gallery in Ammeldingen bei Neuerburg zu sehen.

Doch der gebürtige Münchener erzählt die Geschichte nicht so, wie sie über Jahrhunderte überliefert wurde. "Ich habe die Geschichte bewusst umgedreht", sagt er. In seinen Bildern ist es Adam, der den Apfel vom Baum der Erkenntnis isst – nicht Eva. Aus der vermeintlichen Verführerin wird eine Figur, die sich dem göttlichen Gebot nicht aus Verführung oder Unwissenheit widersetzt, sondern sich bewusst für die Erkenntnis und Freiheit entscheidet.

Diese Umkehrung findet sich auch in seinen Bildern. Eva ist bewusst größer dargestellt als Adam. Sie nimmt Raum ein, sie handelt, sie entscheidet. Aus der vermeintlichen Sünderin der christlichen Erzählung wird bei Goral eine selbstbestimmte Figur. "Adam und Eva ist für mich einer der wirkmächtigsten Mythen, die die Welt eigentlich kennt", sagt er. Im Kern gehe es um eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren habe: "Wo kommen wir eigentlich her?"


Alter Mythos – neuer Blick

Vielleicht passt die Suche nach einem neuen Blick auf einen alten Mythos auch deshalb zu Goral. Der 62-Jährige hat München und Köln hinter sich gelassen und ist in die Südeifel gezogen. "Ich suche immer etwas Neues", erzählt er im Gespräch. 2025 gründete er sein Atelier in Neuheilenbach. Die Landschaft wurde zum Ausgangspunkt für seine Beschäftigung mit dem wohl bekanntesten Paar der Menschheitsgeschichte.

Doch Adam und Eva sind für Goral nicht nur eine Geschichte über Erkenntnis, Freiheit und Schuld. Sie sind auch nackt. Und damit landet der Künstler bei einer Frage, die ihn ebenso beschäftigt wie der Mythos vom Paradies: "Wieso debattieren wir 2026 noch über Kunst oder Pornografie, wenn Pornografie allgegenwärtig ist?"


"Ist das Kunst oder Pornografie?"

Teil der Ausstellung in Ammeldingen ist die Serie "18+". Ausgangspunkt dafür ist Gustave Couberts "Der Ursprung der Welt" – das 1866 entstandene Gemälde, das einen weiblichen, nackten Unterkörper zeigt und bis heute für Diskussionen sorgt. Couberts Gemälde entfacht nach wie vor dieselbe Frage: "Ist das Kunst oder Pornografie?"

Dass diese Frage mehr als 150 Jahre nach Couberts Werk noch immer gestellt wird, zeigt sich auch an den Auseinandersetzungen um das Werk in jüngerer Zeit. 2014 setzte sich die luxemburgische Performance-Künstlerin Deborah de Robertis im Musée d’Orsay in Paris vor das Original und entblößte ihren Körper in einer Pose, die das Gemälde spiegelte. Der Saal wurde geräumt, die Polizei verständigt. Zehn Jahre später sorgte Robertis erneut für Aufmerksamkeit: Bei einer Performance im Centre Pompidou-Metz schrieb sie "Me Too" auf die Glasscheibe vor Courbets Gemälde – Als Verweis auf die gleichnamige Bewegung gegen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch. Für Goral sind solche Auseinandersetzungen ein Beleg dafür, dass die Frage nach der Grenze zwischen Kunst und Pornografie längst aus der Zeit gefallen ist. "Dass wir im Jahr 2026 immer noch über die Frage Ist das Kunst oder Pornografie? diskutieren, ist absurd", sagt er.

Nacktheit sei längst allgegenwärtig – in der Werbung, in sozialen Medien und vor allem im Internet. Pornografie sei jederzeit verfügbar: "Ein Click auf den 18+ Button und schon ist Mensch auf einer Pornoplattform." Gerade deshalb erscheint ihm die Vorstellung, man könne ein Bild allein aufgrund der Darstellung eines nackten Körpers eindeutig der Kunst oder Pornografie zuordnen, überholt. "Wir können 2026 nicht mehr über Kunst oder Pornografie debattieren, wenn Pornografie allgegenwärtig ist", so der Künstler. Für ihn liegt der Unterschied ohnehin nicht allein in dem, was auf einem Bild zu sehen ist. Entscheidend ist die Absicht dahinter, die Zweckbindung: "Ein pornografisches Bild male ich natürlich anders als Kunst."

Vielleicht ist das der eigentliche Reiz seiner "evas + adams"-Ausstellung: Goral nimmt eine Geschichte, die seit Jahrtausenden erzählt wird – und dreht sie um. Er nimmt ein Bild, das seit fast 160 Jahren Diskussionen über Nacktheit sowie Kunst auslöst und stellt die Frage nach dessen Bedeutung neu. Und irgendwo dazwischen liegt sein Paradies – vielleicht nicht im biblischen Garten Eden, sondern zwischen den Apfelbäumen der Südeifel.