Julia Borsch

Wenn Telefonieren zur Belastung wird: Danny Thiel hilft bei schwierigen Anrufen

Binsfeld/Region (bor). Ein kurzer Anruf – was für viele Menschen zum Alltag gehört, kann für andere zur echten Belastung werden. Danny Thiel (26) aus Binsfeld möchte mit seinem Projekt "erledigbar" Menschen genau diese Hürde abnehmen. Ein Psychologie-Experte ordnet Chancen und Risiken des Angebots ein.

Das Telefon klingelt, der Hörer wird abgenommen, das Gespräch beginnt – und plötzlich ist da Stille. Eine Leere im Kopf, die ein einfaches Gespräch unmöglich erscheinen lässt. Für Menschen, die Telefonate als belastend empfinden, können selbst alltägliche organisatorische Anrufe zur Herausforderung werden.


Aus Alltagsbeobachtungen zur Geschäftsidee

Hinter "erledigbar" steht der 26-jährige Danny Thiel, gebürtig aus Binsfeld in der Eifel, der heute in Trier lebt. Der Sport- und Gesundheitstrainer befindet sich mit seinem Projekt noch in der Aufbauphase. Die Idee entstand durch Erfahrungen im privaten und beruflichen Umfeld. Für Freunde, seine Partnerin und Bekannte übernahm Thiel bereits häufiger Telefonate. Auch als Fitnesstrainer begegnete er Menschen, die Unterstützung bei organisatorischen Angelegenheiten benötigten. Den entscheidenden Anstoß gab ein Freund, der sich bei einer Bewerbungsstelle melden sollte, nach Angaben Thiels jedoch nicht einmal mehr die Telefonnummer wählen konnte.

Seit Mai arbeitet Thiel an seinem Angebot. Die häufigsten Anfragen betreffen aufgeschobene Arzttermine oder organisatorische Angelegenheiten rund um Ausbildung und Studium. Nach seinen Angaben sind die meisten Kundinnen und Kunden zwischen 20 und 40 Jahre alt.


Unterstützung bei organisatorischen Hürden

Seine Rolle sieht Thiel klar abgegrenzt: "Ich bin kein Psychiater. Ich bin kein Seelsorger und auch kein Therapeut. Ich übernehme einen Anruf auf Stellvertreterbasis", sagt er. Sein Angebot versteht er als praktische Alltagshilfe, nicht als psychologische Beratung. Aus psychologischer Sicht tritt die Angst vor Telefonaten häufig im Zusammenhang mit sozialer Angst auf. "Im Vordergrund steht dabei die Angst bewertet zu werden und sich in der Situation zu blamieren", erklärt Prof. Dr. Gregor Domes, Professor für Biologische und Klinische Psychologie an der Universität Trier.

Betroffene unterschätzten oft ihre eigenen Bewältigungsmöglichkeiten und überschätzten mögliche negative Folgen von Fehlern. Allerdings erfülle nicht jede Person mit Telefonierangst automatisch die Kriterien einer sozialen Angststörung. Entscheidend seien Ausmaß, Vermeidungsverhalten und die tatsächlichen Einschränkungen im Alltag.


Entlastung mit Risiken?

Die Frage, ob ein solcher Service Vermeidungsverhalten fördern könnte, beantwortet Thiel differenziert: "Die Entlastung ist sofort da: der Anruf, den jemand seit Wochen vor sich herschiebt, ist von der Liste. Natürlich kann man fragen, ob das Vermeidung fördert. Ich sehe mich da als Brücke, statt als Dauerlösung: Ich nehme den einen Anruf ab, damit der Kopf wieder frei wird"

Auch Prof. Dr. Domes sieht hier Chancen und Risiken: "Verhaltenstherapeutisch betrachtet werden irrationale Ängste vor allem durch die Vermeidung der angstauslösenden Situationen aufrechterhalten", erklärt Domes auf WochenSpiegel-Nachfrage. Das Delegieren eines Telefonats könne daher als Vermeidung verstanden werden und Ängste langfristig stabilisieren. Gleichzeitig könne eine solche Unterstützung hilfreich sein, wenn sie zeitlich begrenzt eingesetzt werde oder Teil eines schrittweisen Trainings sei. "Aus Sicht der kognitiven Verhaltenstherapie wäre die zentrale Frage also nicht, ob jemand Hilfe beim Telefonieren erhält, sondern ob die Hilfe die Annäherung an die Situation fördert oder die Vermeidung dauerhaft bleibt", erklärt der Professor.

Thiel betont, dass er sich seiner Rolle bewusst sei: "Ich arbeite ausschließlich im Auftrag der Menschen, die sich an mich wenden." Mit "erledigbar" möchte er Menschen bei organisatorischen Hürden des Alltags unterstützen und Aufgaben übernehmen, die für sie mit besonderen Belastungen verbunden sind.

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