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"Das ist Selbstmord auf Raten"

Ein Gläschen Wein zur Entspannung, eine Flasche Bier als Belohnung oder Seelentröster: In Zeiten von Corona mehrt sich der Griff zum Alkohol – auch im Kreis Ahrweiler. Doch die Folgen könnten sich erst in einigen Jahren bemerkbar machen.
"Stürzen ist keine Schande – nur das Liegenbleiben" macht Norbert Fischer Mut, sich der Sucht zu stellen.

"Stürzen ist keine Schande – nur das Liegenbleiben" macht Norbert Fischer Mut, sich der Sucht zu stellen.

Es sind erschreckende Zahlen: Bei einer Umfrage des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und dem Klinikum Nürnberg gab rund ein Drittel der 3.200 befragten Erwachsenen an, während des coronabedingten Lockdowns mehr Alkohol konsumiert zu haben. Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sind, so scheint die Tendenz doch klar: Krisen sind ein guter Nährboden für Süchte. Das kann auch Dr. Hubert Buschmann, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Median Klinik Tönisstein in Bad Neuenahr, bestätigen. "Coronabedingt wurde mehr Alkohol getrunken. Und das ist auch relativ einfach zu erklären: Die soziale Kontrolle hat gefehlt - man musste nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren, die Kollegen haben einen nicht gesehen, andere soziale Beziehungen und Treffen fielen ebenfalls weg - und dazu kamen dann noch Sorgen um den Arbeitsplatz, Kurzarbeit, Existenzängste und nicht selten auch häuslicher Stress", beschreibt der Facharzt, der seit 1976 in der Suchtarbeit tätig ist, den gefährlichen Mix. Gleichzeitig seien aber die Möglichkeiten, suchtkranken oder -gefährdeten Menschen zu helfen, eingeschränkt worden. Da die Beratungsstellen während der Hochphase der Pandemie schließen mussten, hätte es auch weniger Aufnahmen und somit Therapieangebote in der Klinik selbst gegeben. Bis es Klick macht, dauert es Jahre "Bevor ein Patient bei uns therapiert und entwöhnt werden kann, muss er eine Beratungsstelle aufsuchen und entgiftet sein. Denn die Bereitschaft, eine Therapie von sich aus zu beginnen, und wirklich abstinent zu bleiben, ist Voraussetzung für unsere Arbeit", sagt Buschmann. Kontrolliertes Trinken könne es bei Suchtkranken nicht geben. Mit den ersten messbaren Auswirkungen der Krise rechne er aber erst im Herbst, wenn alle Beratungsangebote wieder vollumfänglich genutzt werden könnten. "Die meisten Menschen brauchen Jahre, um ihre Sucht zu erkennen und sich ihr zu stellen. Das ganze Ausmaß erleben wir daher erst in ein paar Jahren." Eine Einschätzung, die auch Norbert Fischer, Vorsitzender der Kreuzbundgruppen für den Kreis Ahrweiler als Fachverband der Caritas, bestätigen kann: "Suchtkranke versuchen die Fassade so lange es geht aufrecht zu erhalten. Oft macht es erst Klick, wenn den Betroffenen auffällt, dass sie das Suchtmittel bereits morgens brauchen, um überhaupt in den Tag zu starten oder es aufgrund des Konsums zu einem Schlüsselerlebnis kommt, wie der Verlust des Führerscheins oder des Jobs. Eine Sucht ist eben ein sicherer Selbstmord auf Raten." Hilfe erhalten Suchtkranke oder Suchtgefährdete, aber auch ihre Angehörigen und Freunde, in den wöchentlichen Treffen der Kreuzbundgruppen. "Am Anfang steht immer die Offene Informations- und Orientierungsgruppe. Erst danach geht es in eine der fünf festen Gruppen. Hier sind im Schnitt zehn bis 20 trockene und weitestgehend stabile Suchtkranke sowie die Gruppenleitung. Und diese Treffen zeigen Erfolg. Man kann sagen, dass rund 80 Prozent derjenigen, die regelmäßig kommen, auch abstinent bleiben." Hilfe bekommt, wer Hilfe braucht Oberstes Gebot bei allen Gesprächen: Anonymität. "Wir behandeln einander mit Respekt, bieten Gelegenheit, für einen vertrauensvollen Austausch, hören einander zu und dabei ist es egal, wer vor uns sitzt. Hautfarbe, Konfession, Alter, Geschlecht und sozialer Status spielen keine Rolle", betont Fischer. Während der Corona-Krise hätte das Team um Fischer versucht, Betroffene zumindest über Telefonate zu erreichen. "Einige von ihnen waren ganz nah dran wieder zur Flasche zu greifen. Suchtkranke Menschen sollten immer achtsam mit sich umgehen, um die Abstinenz beizubehalten", so der Vorsitzende. Und noch etwas hätte sich in der Krise gezeigt: "Viele jüngere Menschen, die gerade einmal zwischen 25 und 35 Jahren alt sind, haben sich während der Krise bei uns gemeldet." Kontakt Sie oder ein Angehöriger benötigen Hilfe? Der Kreuzbund ist unter 0179/8778113, die Sucht-Hotline der Median Kliniken unter 01805/212099 zu erreichen.


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