Andrea Fischer

Ein Brief, der erst in der Zukunft ankommt

Malborn/Region. Was wäre, wenn ein geliebter Mensch noch einmal schreiben könnte – Jahre nachdem er gegangen ist? Mit seinem Projekt »Brief in die Zukunft« möchte Enrico Gröbel genau das möglich machen. Der Malborner sammelt persönliche Briefe von Menschen, die Trost, Dank oder Abschiedsworte hinterlassen möchten – und verschickt sie erst zu einem späteren Zeitpunkt an die Empfänger.

Der Malborner Kinderpodcast-Autor Enrico Gröbel stellt sein neues Projekt »Brief in die Zukunft« vor.

Der Malborner Kinderpodcast-Autor Enrico Gröbel stellt sein neues Projekt »Brief in die Zukunft« vor.

Bild: Privat

Manchmal bleiben die wichtigsten Worte unausgesprochen. Nicht, weil sie unwichtig wären – sondern weil die Zeit fehlt, der Mut oder die Gelegenheit. Ein Vater möchte seiner Tochter noch sagen, wie stolz er auf sie ist. Eine Mutter möchte Trost spenden, wenn sie selbst längst nicht mehr da sein wird. Ein Mensch möchte sich entschuldigen, danken oder einfach noch einmal »Ich liebe dich« schreiben. Genau für diese Worte hat Enrico Gröbel aus Malborn im Hunsrück ein besonderes Projekt ins Leben gerufen: „Brief in die Zukunft“. Eine Idee, die berührt – und die Menschen die Möglichkeit gibt, Botschaften über den Tod hinaus weiterzugeben.

Das ehrenamtliche Projekt richtet sich dabei vor allem an ältere und schwerkranke Menschen, die das Bedürfnis haben, für ihre Angehörigen noch persönliche Worte, Erinnerungen oder Botschaften zu hinterlassen. Gerade in einer schweren Krankheitsphase oder am Lebensende entstehen oft Gedanken, die vielleicht erst später gelesen werden sollen – als Trost, als Erinnerung oder als letzter Gruß.

Ein Gedanke, der aus einem Verlust entstand

Die Idee zu diesem Projekt entstand aus einem sehr persönlichen Erlebnis. Eine Freundin der Tochter von Enrico Gröbel verlor ihre Mutter an Krebs – sie war erst 16 Jahre alt. Vier Jahre hatte die Familie gegen die Krankheit gekämpft. Am Ende blieb ein schmerzlicher Abschied – und viele Gedanken, die vielleicht noch hätten gesagt werden können.

Was wäre gewesen, wenn diese Mutter einen Brief hätte schreiben können – einen Brief, der vielleicht zwei Jahre später, zum 18. Geburtstag ihrer Tochter, angekommen wäre? Mit Worten wie: Ich bin zwar nicht mehr da, aber ich denke an dich. Ich bin stolz auf dich. Ich liebe dich. »Ein Brief in der Hand ist etwas anderes als ein Foto oder ein Video«, sagt Gröbel. »Er trägt vielleicht noch die Handschrift des Menschen. Vielleicht sogar seinen Geruch. Und man kann ihn immer wieder lesen.« Papier, glaubt er, bewahrt Erinnerungen auf eine Weise, die digitale Medien oft nicht können. Ein Brief kann Jahrzehnte überdauern – und immer wieder Trost spenden.

Angebot richtet sich vor allem an schwerkranke Menschen

Aus dieser Idee wurde Anfang des Jahres ein ehrenamtliches Projekt, das Gröbel mit viel persönlichem Engagement aufgebaut hat. Menschen können dabei einen persönlichen Brief schreiben, der erst zu einem späteren Zeitpunkt verschickt wird – etwa zu einem Geburtstag, zu Weihnachten oder an einem anderen wichtigen Tag im Leben eines geliebten Menschen.

Der Ablauf ist bewusst einfach gehalten: Der Briefschreiber legt seinen verschlossenen Brief zusammen mit einer Versandvereinbarung in einen Umschlag und schickt ihn an Enrico Gröbel. Dort wird er sicher aufbewahrt – mit einem besonderen Siegel versehen und zum festgelegten Zeitpunkt verschickt. In der Vereinbarung wird außerdem festgelegt, an wen der Brief später zugestellt werden soll und zu welchem Zeitpunkt er verschickt werden darf. Zusätzlich wird eine alternative Kontaktperson angegeben – für den Fall, dass der ursprüngliche Empfänger einmal verzogen oder nicht mehr erreichbar sein sollte. »Ich bin sozusagen ein Zwischenpostamt«, erklärt Gröbel mit einem verschmitzten Lächeln. Wichtig ist ihm dabei vor allem eines: absolute Vertraulichkeit. Die Briefe bleiben verschlossen. Niemand außer dem Empfänger erfährt, was darin steht.

Trost, Dank – oder Worte, die nie gesagt wurden

Was in diesen Briefen steht, entscheidet allein der Absender. Manche schreiben Erinnerungen auf, andere geben Ratschläge fürs Leben. Wieder andere wollen sich bedanken – oder um Verzeihung bitten. „Es kann alles sein“, sagt Gröbel. „Vielleicht möchte jemand sagen: Ich war nicht immer die beste Mutter, aber ich habe dich immer geliebt. Oder jemand möchte seinem Kind Mut fürs Leben mitgeben.“ Gerade für schwerkranke oder ältere Menschen kann das Schreiben eines solchen Briefes ein wichtiger Schritt sein. Eine Möglichkeit, Gedanken zu ordnen – und Dinge auszusprechen, die sonst vielleicht ungesagt bleiben würden.

Ehrenamtliche helfen beim Schreiben

Langfristig soll das Projekt auch Menschen unterstützen, die selbst keinen Brief mehr schreiben können – etwa in Hospizen oder auf Palliativstationen. Ehrenamtliche Helfer könnten dann die Worte der Betroffenen aufschreiben. Damit diese Begegnungen respektvoll und sensibel verlaufen, setzt Gröbel auf Vorbereitung: Wer sich engagieren möchte, soll einen sogenannten Letzte-Hilfe-Kurs absolvieren, der den Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen vermittelt. In diesen Kursen lernen die Teilnehmer unter anderem, wie man Menschen in der letzten Lebensphase begegnet und wie man in emotional schwierigen Situationen sensibel kommuniziert.

Zusätzlich hat Gröbel einen sogenannten „Würde-Kompass“ entwickelt – eine Orientierungshilfe für Gespräche mit schwerkranken Menschen. Er soll Ehrenamtlichen helfen, sensibel mit den Betroffenen umzugehen und zugleich sicherzustellen, dass Gespräche respektvoll und würdevoll verlaufen.

„Es ist wichtig, dass niemand unvorbereitet in so eine Situation geht“, sagt Gröbel. „Es muss für den Patienten und für die Ehrenamtlichen gleichermaßen würdevoll sein.“

Eine Idee, die wachsen soll

Noch steht das Projekt am Anfang. Die ersten Unterstützer haben sich bereits gemeldet, weitere Mitstreiter sind willkommen. Perspektivisch soll ein Verein gegründet werden, damit „Brief in die Zukunft“ langfristig bestehen kann.

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg steht bereits bevor: Am 10. und 11. April wird das Projekt erstmals auf der bundesweiten Messe „Leben und Tod“ in Bremen vorgestellt. Dort trifft Gröbel mit seiner Idee auf Vertreter aus Hospizarbeit, Palliativmedizin und Bestattungswesen – und hofft, neue Unterstützer für das Projekt zu gewinnen. Denn Gröbels Vision reicht weiter: Die Briefe sollen nicht nur regional verschickt werden können, sondern deutschlandweit – vielleicht eines Tages sogar europaweit. Und vielleicht wird dann irgendwann irgendwo ein junger Mensch einen Umschlag öffnen, den er nicht erwartet hat. Darin ein Brief. Geschrieben von jemandem, der längst nicht mehr da ist – und doch noch einmal zu ihm spricht. Ein paar handgeschriebene Seiten. Aber vielleicht genau die Worte, die in diesem Moment am meisten Trost spenden.

Das Projekt:

Das ehrenamtliche Projekt ermöglicht es Menschen, persönliche Briefe zu verfassen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt an einen Empfänger verschickt werden – etwa nach dem eigenen Tod oder zu einem besonderen Anlass.  Das Projekt sucht ehrenamtliche Helfer – etwa zur Unterstützung in Organisation, Öffentlichkeitsarbeit oder beim Schreiben von Briefen für Menschen, die dazu selbst nicht mehr in der Lage sind.  Am 10./11. April wird das Projekt auf der Messe »Leben und Tod« vorgestellt. 
Mehr Infos: www.briefindiezukunft.com