Michael Nielen

Applaus für die Taube - und dann wird sie allein gelassen

Satzvey. »Die weißen Tauben sind müde, sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind längst leer.« Hans Hartz sang das 1982 - als Friedenslied. Für die weiße Taube Angelika ist es schlicht die Wahrheit.

Es ist ein ganz normaler Arbeitstag für Yulia Timonina. Die gebürtige Ukrainerin ist in Kall unterwegs, verteilt Flyer für die »Putzteufel GmbH«, die sie gemeinsam mit ihrer Freundin und Mitbewohnerin Fritzi Wartell betreibt. Dann kommen zwei Kinder auf sie zu, aufgeregt, mit einem Stock in der Hand, mit dem sie gerade einen Greifvogel verscheucht hatten, der sich über eine weiße Taube hermachen wollte.

»Ich habe die Kinder zuerst gar nicht verstanden, die wohl nach einem Erwachsenen suchten. Dann habe ich verstanden, dass ich die gesuchte Erwachsene eigentlich bin«, schmunzelt Timonina. Also klingelt sie an einer fremden Tür. Die Familie öffnet, gibt ihr ohne Zögern eine Transportbox und Yulia Timonina macht sich auf den Weg ins heimische Satzvey - mit einer weißen Taube im Gepäck.

Fritzi Wartell, die zu Hause wartet, organisiert sofort alles Nötige: Futter, Wasser, einen großen Käfig. Und die beiden Frauen beginnen zu recherchieren. Was sie herausfinden, macht sie fassungslos. Die weiße Taube, die sie Angelika nennen, ist eine sogenannte Hochzeitstaube - gezüchtet für einen einzigen Auftritt, die Freilassung bei einer Trauungszeremonie.

»Wir haben herausgefunden, dass Hochzeitstauben schlimmste Tierquälerei sind«, sagt Fritzi Wartell. »Die weißen Tauben werden nur wegen ihres Aussehens gezüchtet, sie können teilweise gar nicht richtig fliegen, und viele verhungern nach der Freilassung.«

Der Überzüchtung verdanken diese Tiere den fehlenden Orientierungssinn - die Rückkehr in den Taubenschlag ist für viele von ihnen unmöglich. Yulia Timonina: »Diese Vögel haben keine Orientierung gelernt. Sie können gar nichts. Sie sind verloren und ganz allein. Dann fliegen sie irgendwo hin und kommen nie zurück - oder sterben irgendwo in einer Ecke.«

Angelika hatte Glück. Sie landete bei zwei Frauen, die sich kümmern. Fritzi Wartell hat in ihrem fast 3.000 Quadratmeter großen Garten schon Ringeltauben aufgezogen, Turmfalken gerettet, sich um alles Mögliche gekümmert, das dort hilflos auftauchte. »Man lässt ein Tier in Not ja nicht einfach sitzen«, sagt sie schlicht.

Eine Tierärztin aus Zülpich untersuchte Angelika und war, so Wartell, »schockiert über das groteske Ausmaß an Tierquälerei«. Verletzt ist die Taube zum Glück nicht. Doch die Ringe und das Glöckchen, die ihr schon als Küken angelegt wurden, müssen dringend entfernt werden. Werkzeug dafür hatte die Tierärztin nicht zur Hand, ein Feuerwehrmann soll nun helfen.

An Angelikas Beinen hängen zwei Kunststoffringe, ein verzierter Metallring und ein Glöckchen, das klingelt, wenn sie sich bewegt. »Dem Symbol ewiger Treue«, sagt Fritzi Wartell bitter, »wird ein Leben ohne Partner zugemutet.« Tauben sind lebenslang treu. Hochzeitstauben werden getrennt gehalten, haben nie einen Partner, existieren nur für einen Moment - den Applaus bei der Trauung.

Viele Kommunen haben den Einsatz von Hochzeitstauben bei Trauungen inzwischen verboten. Fritzi Wartell und Yulia Timonina möchten mit Angelikas Geschichte auf das Leid dieser Tauben aufmerksam machen.Für Angelika selbst suchen die beiden jetzt ein neues Zuhause.

Wer die weiße Taube aufnehmen möchte, artgerecht und ohne Hochzeitsauftritte, kann sich bei Fritzi Wartell unter Tel.: 0179/7540367 melden. »Sonst muss sie hierbleiben«, zuckt sie die Schulter.