

Melanie Wooßmann aus Euskirchen hat ein Eifellied geschrieben. Ein Lied, das Menschen auf eine Weise berührt, die sie selbst überrascht hat.
Es war kurz vor Weihnachten, ein stiller Abend, der Mann noch im Spätdienst. Melanie Wooßmann, Sängerin und freiberufliche Dozentin, auch an der VHS, ließ Gedanken schweifen. An den Sommerurlaub in der Vulkaneifel, an die Ausflüge ins Hohe Venn, an die Narzissenfelder im Frühling. »Ich habe nachgedacht, was ich der Eifel sagen würde, wenn ich ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würde. Quasi von altem Mädchen zu altem Mädchen, unter vier Augen.«
Was dabei entstand, ist kein kitschiges Heimatlied, sondern ein ehrliches, warmherziges Porträt einer Landschaft mit Charakter. »Rau und schön. Du altes Mädchen, du weites wildes Land« – so lautet der Refrain, und er trifft etwas, das viele kennen, aber selten in Worte fassen: dieses tiefe Gefühl der Angekommenheit, das die Eifel bei denen auslöst, die ihr erst fremd waren.
Melanie Wooßmann ist vor 20 Jahren von Bonn nach Euskirchen gezogen. Was bei der Suche nach einem bezahlbaren Haus als nüchterne Entscheidung begann, ist längst zu echter Heimat geworden. »Wir wohnen dort, wo andere Urlaub machen. Das ist ein Geschenk.«
Dieses Geschenk wollte sie weitergeben – an ihre Englischkursteilnehmer bei der VHS, die sie seit Jahren begleiten. »Die beschenken mich zu Weihnachten immer so großzügig. Ich wollte mich revanchieren.« Also schrieb sie in einer Nacht den Text, setzte sich morgens ans Klavier, fand die Melodie – »nach etwa neun Stunden war das Lied fertig.«
Da sie derzeit keine Band hat, nutzte sie die KI-App Suno für das Arrangement. »Es ist meine Melodie und mein Text, aber nicht meine Stimme. Zu hören ist eine computeranimierte Imitation«, gibt sie Einblick in die Entstehung des Songs. »Ich will auf keinen Fall den Verdacht aufkommen lassen, ich würde hier faken.« Sie setzte sich hin, spielte und sang ihr Lied vor, und die App arrangierte nach ihren Vorgaben den Song. »Das wurde tatsächlich eins zu eins so umgesetzt, wie ich es haben wollte.«
Die Kursteilnehmer jedenfalls waren von dem Lied sofort begeistert. »Da kam eine Welle zurück von wegen: super, super.« Wooßmann stellte es kurz in ihren WhatsApp-Status – und dann rollte etwas los, das sie so nicht erwartet hatte. Eine Kursteilnehmerin, die vor Jahren von Potsdam in die Eifel gezogen war und dafür immer auf Unverständnis gestoßen war, schrieb ihr: Das Lied habe sie mit dieser Lebensentscheidung versöhnt. »Das war für mich erstaunlich, habe ich mich gefreut drüber. Schön, wenn ein Lied das kann.«
Die Eifel als alte Dame – für Melanie Wooßmann eine bildhafte Entscheidung: »Ich habe überlegt: Wenn ich ein Foto machen würde von der Eifel, wen würde ich da reinstellen? Keine junge, sexy Blondine wie für ein Karibikposter – sondern eine ältere Dame mit Lebenserfahrung.« Die Eifel habe Ecken und Kanten, eine lange Geschichte, sei nicht mehr neu – und gerade deshalb so reich. »Ein fröhlicher, mütterlicher Typ. Mit Armen, die weit ausgebreitet sind.«
Als Kulturwissenschaftlerin blickt Wooßmann eh anders. »Ich schaue auch mit einem wissenschaftlichen Auge hin. Du siehst die ganze Kulturgeschichte des Rheinlands, wenn du durch die Eifel fährst.« Diese Landschaft sei kein Abziehbild. »Wenn du in die Eifel fährst, hast du echte Natur.Das geht richtig tief in die Seele.«
Das Lied hat auch in ihr selbst etwas geöffnet. Jahrelang hat sie Jazz gesungen, immer auf Englisch, oft das American Songbook. »Ich hatte immer das Gefühl, bei mir reimt sich auf Deutsch doch Herz immer nur auf Schmerz.« Das Eifellied hat ihr gezeigt: Das stimmt nicht. »Es war ein Türöffner. Ich kann auf jeden Fall auch auf Deutsch schreiben.«
Kommerziell verwerten möchte sie das Lied nicht. »Ich schenke das den Leuten.« Neugierig geworden? Dann hier reinhören: https://suno.com/@melcoco
Es war eine Kolumne im WochenSpiegel, die gleich zwei Erinnerungen wachrief. Als Irmgard Umnik die »Also neulich«-Glosse über die »Eifelhymne« las, musste sie nicht lange überlegen. »Ich habe das Lied immer sehr, sehr gern gesungen«, sagt sie. Das Lied heißt schlicht »Eifelland« – und beginnt mit den Worten: »Eifelland, du bist mein Heimatland.«
Gesungen hat Irmgard Umnick dieses Lied im MGV Gemischter Chor »Eintracht« Mülheim-Wichterich, dem sie mehr als 35 Jahre lang die Treue hielt. »Das Lied wurde vom Publikum oft gewünscht«, erinnert sich Irmgard Umnik. Kein Wunder: Die Melodie ist schön – und als sie das Lied mit bemerkenswerter Stimme vorsingt, entfaltet sie sofort ihre Wirkung.
»Wir haben überall gesungen«, erzählt sie über die Auftritte des Chores, der um die 30 Sängerinnen und Sänger zählte. Noch heute besitzt Irmgard Umnik das Originalnotenblatt. Darauf vermerkt: Rolf Jost, der Dirigent des MGV, arrangierte den mehrstimmigen Chorsatz. Wer Text und Melodie ursprünglich verfasste, weiß Irmgard Umnik auch nicht. Wahrscheinlich handelt es sich um ein regionales Volkslied, dessen Herkunft im Dunkeln liegt. Sie wurde im September 1999 vom Kreissängerbund Euskirchen für 25 Jahre aktives Singen geehrt. »Ich habe noch mindestens zehn Jahre länger gesungen«, schmunzelt sie.
Auch Claudia Sitta, Tochter des verstorbenen Otto Kersting, meldete sich. Ihr Vater war eine prägende Persönlichkeit in Schleiden: Der gebürtige Ruhrpottler kam 1969 als Lehrer und Sonderpädagoge in die Eifel – und blieb bis zu seinem Tod 1998. Er leitete die Astrid-Lindgren-Schule, engagierte sich für die Versöhnung mit den überlebenden Schleidener Juden und war als erster Vorsitzender des Bürger- und Verkehrsvereins ein kreativer Ideengeber für seine Wahlheimat. Zudem war er Künstler skizzierte viele Gebäude Schleidens in Federzeichnungen. Und er komponierte und textete: Sein »Eifellied« endet mit den Worten »Du, Eifelland, mein Heimatland: Gott behüt dich mir!« – auch das eine Hymne an die Eifel.
Also neulich wurde auf dem Neujahrsempfang der Stadt Bad Münstereifel die »Eifel-Hymne« von Hanns Kleinertz gesungen. Ich hörte zu – und merkte: Die kenne ich gar nicht. Andere Gegenden haben ihre Lieder, etwa im Westerwald, wo der Wind so kalt pfeift. Gibt es überhaupt ein Eifellied? Mir fällt der Song »Eifel« von Brings ein, aber ob der zur Hymne taugt? Für mich ist es »Eefel« von Wibbelstetz. Das Lied beginnt mit den Zeilen: »Wer dich kennt, meeng Eefel, der weeß, wat er an dir hätt.« Und ihr so?
Ihr Michael Nielen
mnielen@weiss-verlag.de



