Frederik Scholl

Isel Brzezinski plante 87 Jahre die Heimkehr nach Euskirchen

Euskirchen. Im Alter von drei Jahren floh Isel Brzezinski vor den Nationalsozialisten nach Palästina. Jetzt kehrte der 90-Jährige in seine Heimatstadt Euskirchen zurück.

»Willkommen zuhause« – so begrüßte Bürgermeister Sacha Reichelt Isel Brzezinski zurück in Euskirchen. Für den Gast war dies eine besondere Geste, denn Isel Brzezinski war gemeinsam mit seiner Familie 1938 im Alter von drei Jahren aus Euskirchen vertrieben worden. Seitdem hat er seine Heimatstadt nicht mehr wiedergesehen.
»Zu meinem 90. Geburtstag habe ich mir gewünscht, Euskirchen noch einmal zu besuchen«, sagte Brzezinski, der seinen Nachnamen nach der Flucht nach Palästina und später in die USA in Barr geändert hat.

Isel Brzezinski war aber nicht alleine gekommen, er hat seine vier Kinder mit Partnern sowie sieben seiner neun Enkelkinder – ebenfalls mit Partnern – mitgebracht. Insgesamt 17 Menschen umfasste die Reisegruppe, die aus verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten und aus Israel nach Euskirchen gekommen war.

Die erste Station war das Geburtshaus von Isel auf der Wilhelmstraße 33. Archivleiterin Sabine Dünnwald begrüßte die Familie dort und konnte ihnen die 2023 verlegten Stolpersteine zeigen, die daran erinnern, dass Familie Brzezinski von den Nationalsozialisten vertrieben wurde. Das Familienoberhaupt hatte selber noch Erinnerungen aus seiner Kindheit an das Haus.
»Ich weiß noch, dass der Veybach hinter dem Haus verlief und wir darauf immer Stöckchen schwimmen ließen«, erzählt der 90-Jährige in fließendem Deutsch. Auch an seinen Schäferhund Rex kann er sich noch erinnern. Ebenfalls hängen geblieben ist der Blick auf die Herz-Jesu-Kirche, die man von dem Haus auf der Wilhelmstraße sehen kann. Gemeinsam erkundeten die Gäste die Euskirchener Innenstadt und besuchten das Mahnmal an der Stelle der ehemaligen Synagoge.

Der Rundgang endete im Euskirchener Stadtmuseum, wo die Gäste eine Führung durch die Sonderausstellung »Neubeginn im Frieden« über das Kriegsende in Euskirchen von Museumsleiterin Dr. Heike Lützenkirchen bekamen – natürlich in Englisch.
Zum Abschluss hatte Bürgermeister Sacha Reichelt die Familie im Namen der Verwaltung zu einem gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Die gemeinsamen Gespräche waren für beide Seiten sehr emotional. Die Euskirchener Vertreter waren glücklich, dass die große Familie von weit her zum positiven Austausch angereist war und sich der Stadt Euskirchen immer noch – trotz aller schrecklichen Erlebnisse – verbunden fühlte.

»Der Besuch der Familie ist eine überragende menschliche Geste. Das war sicher einer der bewegendsten Momente, den ich als Bürgermeister bisher erleben durfte«, so Reichelt über den besonderen Termin mit einem besonderen Menschen.
»Ich bin sehr froh, dass wir der Familie einen so schönen Empfang in Euskirchen bereiten konnten«, betonte auch Sabine Dünnwald, die die Geschichte der Familie für die Verlegung der Stolpersteine recherchiert hatte und auch den Kontakt zu ihnen gepflegt hatte.
Im Gespräch zeigte sich, dass die Besucher eine große Wertschätzung dafür haben, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in würdigem Andenken gehalten wird.

»Deutschland ist einzigartig in seinem Umgang mit der historischen Schuld«, lobte die Familie die Erinnerungsarbeit in Euskirchen und in Deutschland insgesamt. Für den 90-jährigen Isel Brzezinski war die Reise ein ganz besonderes Erlebnis. »87 Jahre habe ich meine Heimkehr geplant«, sagt er. Denn eines betonte er mit Nachdruck: »Ich bin ein Euskirchener.«


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