

Mit der neuen Kinderfibel »Tom und Ada und das Glückskästchen« bekommt der Opferschutz der Verkehrspolizei im Kreis Euskirchen ein neues Hilfsmittel an die Hand. Die Broschüre richtet sich an Kinder ab vier Jahren, die belastende Erlebnisse im Straßenverkehr verarbeiten müssen. Eingesetzt werden soll sie von den vier Opferschützern der Verkehrspolizei der Kreispolizeibehörde Euskirchen, die Familien nach schweren Unfällen unterstützen.
Bislang, so schildert Christiane Fährmann, habe es für diesen Bereich kaum geeignetes Material gegeben. Die ehemalige Leiterin des Verkehrskommissariats der Kreispolizeibehörde Euskirchen, die heute als Dozentin tätig ist, sagt: »Wir hatten Kuscheltiere, die wir weitergeben konnten. Aber wir hatten nichts, was wir den Kindern wirklich an die Hand geben konnten.« Gerade bei Einsätzen im Verkehrsunfall-Opferschutz habe sie immer wieder erlebt, dass nicht nur Erwachsene betroffen sind. »Oft sind auch Kinder dabei, die mit dem Verlust oder mit dem Geschehen umgehen müssen.«
Genau dort setzt die Fibel an. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ada, deren Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Sie vertraut sich ihrem Freund Tom an, der zunächst ratlos ist. Diese Sprachlosigkeit sei typisch, so Fährmann. Die Botschaft der Geschichte lautet deshalb: Trauer darf angesprochen werden. Kinder und auch Erwachsene im Umfeld sollen ermutigt werden, das Gespräch zu suchen.
Zugleich soll die Fibel konkrete Hilfen bieten. Ein zentrales Element ist ein »Glückskästchen«, das Kinder basteln, gestalten und füllen können – etwa mit Erinnerungen, Gedanken oder kleinen Trostspendern. Ergänzt wird das Angebot durch Malvorlagen, ein Lied sowie Bastelanleitungen. So entstehen Anlässe, gemeinsam über das Erlebte zu sprechen. Die Fibel richtet sich dabei nicht nur an Familien, sondern auch an Kindertagesstätten sowie Grund- und Förderschulen, wenn dort Kinder mit schweren Verkehrsunfällen konfrontiert wurden.
Entstanden ist die Idee aus der praktischen Polizeiarbeit heraus. Christiane Fährmann hatte über Jahre das Gefühl, dass im Opferschutz für Kinder ein wichtiges Angebot fehlt. Mit der Fibel soll diese Lücke nun geschlossen werden. Auch fachliche Aspekte wurden berücksichtigt: Die Texte wurden gemeinsam mit einer Logopädin überarbeitet, um sie möglichst verständlich zu gestalten. Zudem wurde geprüft, ob die Auseinandersetzung mit dem Thema Kinder zusätzlich belasten könnte. Die Rückmeldung fiel eindeutig aus. »Das Problem ist nicht die Trauer der Kinder, sondern die Angst davor, sie anzusprechen«, fasst Fährmann die Einschätzung eines Kinderpsychiaters zusammen.
Die Illustrationen stammen von Janina Keßeler von der Polizei Euskirchen. Sie setzte die Geschichte mit viel Feingefühl in kindgerechte Bilder um. »Ich fand die Geschichte von Anfang an sehr berührend«, sagt sie. Ziel sei es gewesen, die Figuren und Szenen so liebevoll zu gestalten, dass Kinder einen Zugang zu dem schwierigen Thema finden.
Aktuell wird die Fibel im Kreis Euskirchen pilotiert. Rund 400 Exemplare wurden gedruckt und werden an Kindertagesstätten, Grund- und Förderschulen verteilt. Parallel läuft eine wissenschaftliche Evaluation durch eine zentrale Stelle beim Landeskriminalamt. Diese Auswertung soll klären, wie gut die Kinderfibel für die Arbeit im Opferschutz geeignet ist.
Langfristig könnte das Projekt ausgeweitet werden. »Das wäre mein Wunsch, dass die Fibel allen Opferschützerinnen und Opferschützern in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt wird«, so Fährmann. Auch eine bundesweite Nutzung sei denkbar.
Die Fibel ist nicht im Handel erhältlich. Sie wird gezielt im Rahmen des polizeilichen Opferschutzes eingesetzt – als Gesprächsanlass, als Unterstützung für Familien und als Hilfe für Kinder, die mit Verlust und Trauer umgehen müssen. Denn klar ist, sagt Christiane Fährmann: »Auch wenn die Trauer immer noch da ist, die kleinen Glücksmomente dürfen wieder ins Leben kommen.«




