

Es fing eigentlich ganz harmlos an. Ralf Kramp schrieb einzelne Kurzgeschichten für Anthologien, die sich mit England beschäftigten. Dafür brauchte er einen passenden Ermittler. »Da habe ich gedacht, ich erfinde mal so einen klassischen englischen Privatdetektiv – versnobt, verfressen, neunmalklug und großmäulig«, erzählt Kramp und lacht. Die Figur machte ihm so viel Spaß, dass aus einzelnen Geschichten schließlich eine ganze Reihe wurde. Inzwischen erscheint mit »Schon wieder ein Mord, Mylord« bereits der dritte Band.
Kramp lässt Lord Merridew dabei nicht allein ermitteln. An seiner Seite ist Nigel Bates, der gleichzeitig als Ich-Erzähler fungiert. Er chauffiert seine Lordschaft in einem feuerroten Nash-Healey durchs Land und dient ihm als Gesprächspartner bei seinen Ermittlungen. »Es ist im Grunde genommen das klassische Detektivgespann: Der geniale Ermittler und sein Gehilfe«, beschreibt Kramp die beiden.
Ganz bewusst verbeugt sich der Eifeler Autor damit vor den großen britischen Kriminalgeschichten. Seine Fälle siedelt der Autor in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren an. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Mordermittlungen funktionieren noch ganz ohne moderne Technik. Dafür dürfen die Geschichten umso britischer sein. Es geht nach Stonehenge, in die Cotswolds und nach Dorset, mitten hinein in Cottagegärten und schließlich sogar an den Hof von Queen Elizabeth II.
Die Ideen gehen Kramp dabei offenbar nicht aus. »Im Grunde genommen sammle ich immer so über den Zeitraum von zwei, drei Jahren wieder ein paar Ideen«, erzählt er. Im Handy schlummere bereits eine ganze Liste mit Themen für mögliche neue Fälle.
Dass ausgerechnet England zur Bühne für seine Geschichten wurde, kommt nicht von ungefähr. Die Liebe zur Insel reicht bis weit in Kramps Kindheit zurück. Einen gehörigen Anteil daran hatte die britische Kinderbuchautorin Enid Blyton. »Als Kind habe ich Enid Blyton gelesen, natürlich die ‚Fünf Freunde‘«, erinnert er sich. Die Bücher zogen ihn in ihren Bann. Obwohl Namen und Orte in den Ausgaben eingedeutscht waren, habe er gespürt: »Das ist England, was da drin beschrieben wird.«
Dann kamen die Miss-Marple-Filme mit Margaret Rutherford. »Da war ich am Haken«, sagt Kramp. Fachwerk, alte Gemäuer und die besondere Atmosphäre faszinierten ihn. Die Verbindung zur Eifel liegt für ihn durchaus nahe. Beide Landschaften hätten eine gewisse Verwandtschaft, meint er – fügt aber schmunzelnd hinzu, der Erklärungsversuch könne auch »Küchenpsychologie« sein.
1977 wurde aus der literarischen Sehnsucht schließlich Wirklichkeit. Bei einem Jugendaustausch aus Bad Münstereifel reiste Kramp erstmals auf die Insel. »Ich weiß noch, als ich damals zum ersten Mal von der Fähre runterging, habe ich meinen rechten Fuß fotografiert, der zum ersten Mal englischen Boden betreten hat«, erinnert sich der Autor.
Momentan versucht er sogar herauszufinden, an welchem Tag die Reise damals genau begann. Der Grund: 2027 könnte er das 50-jährige Jubiläum seines ersten Englandbesuchs feiern – natürlich möglichst mit einer Reise auf die Insel.
Die unternimmt er ohnehin regelmäßig gemeinsam mit seiner Frau Monika. Ein- bis zweimal im Jahr geht es nach England, und dabei entstehen ganz nebenbei neue Kriminalfälle. »Ich komme ganz oft an Stellen, wo ich denke: Ja, hier, da musst du jetzt einfach eine Geschichte spielen lassen.« So erging es ihm in Dorset, wo Kramp die Landschaft aus den Geschichten Enid Blytons wiederzuerkennen glaubt.
Das hat im neuen Band Spuren hinterlassen. In der Geschichte »Das Geheimnis des grünen Mannes« treten junge Leute an Lord Merridew heran. Kramp: »Da kommen zwei junge Leute zu Merridew und sagen: Wir waren früher fünf Freunde, also drei Geschwister und eine Cousine, und einen Hund hatten wir auch dabei. Und unsere Cousine ist jetzt verschwunden.« Seine Lordschaft macht sich natürlich auf die Suche ...
Solche Anspielungen versteckt Kramp mit Vorliebe in seinen Geschichten. Er nennt sie »Easter Eggs«, kleine Ostereier für Leser, die seine Begeisterung für britische Literatur, Filme und Fernsehserien teilen. Es mache einfach Spaß, wenn die Leute sagen: »Ach, guck mal, wie hat er den da reingebaut?«
Lord Merridew dürfte also noch eine ganze Weile durch England reisen. Schließlich wartet in Ralf Kramps Handy bereits eine Liste mit neuen Ideen – und damit vermutlich auch der eine oder andere Mord ...
»Schon wieder ein Mord, Mylord« von Ralf Kramp ist im KBV-Verlag erschienen, ISBN 978-3-95441-769-8. Das Taschenbuch umfasst 344 Seiten und kostet 15 Euro.




