Michael Nielen

»Wir vergessen nie« – die Geschichte des Walenty Fabijański

Kall. 80 Jahre nach dem Tod des polnischen Zwangsarbeiters Walenty Fabijański empfing die Gemeinde Kall dessen Urenkel Marcin Korneluk zu einer bewegenden Feierstunde. Es war eine Begegnung, die Geschichte lebendig werden ließ – und ein stilles Zeichen der Versöhnung setzte.
Bürgermeister Emmanuel Kunz und der Urenkel Marcin Korneluk legten Blumen am Grab von  Walenty Fabijański in Mariawald nieder.

Bürgermeister Emmanuel Kunz und der Urenkel Marcin Korneluk legten Blumen am Grab von Walenty Fabijański in Mariawald nieder.

Bild: Alice Gempfer/Gemeinde Kall

Freitagmorgen, 9 Uhr, im Rathaus der Gemeinde Kall. Marcin Korneluk hat einen weiten Weg hinter sich. Aus Polen ist er angereist, begleitet von Katarzyna Wojtczak, um an einem Ort zu sein, den sein Urgroßvater Walenty Fabijański nie freiwillig betrat – und den er nie lebend verlassen hat. Was an diesem Tag in Kall geschah, war mehr als ein offizieller Empfang. Es war eine Begegnung mit der Geschichte – und eine späte, aber würdige Anerkennung eines Schicksals, das viel zu lange im Dunkeln lag.

Es gibt Momente, in denen die Geschichte aufhört, abstrakt zu sein. In denen aus Aktenvermerken plötzlich Menschen werden – mit Gesichtern, mit Familien, mit Träumen. Das war so ein Moment. Im Rathaus der Gemeinde Kall saß Marcin Korneluk, ein Mann aus Polen, und hielt Dokumente in den Händen, die das kurze Leben seines Großvaters auf deutschem Boden belegen. Briefe, Fotos, eine Sterbeurkunde. Und eine Geschichte, die er endlich vollständig erzählen kann.

Ein Erfinder, ein Fahrer, ein Zwangsarbeiter

Walenty Fabijański wurde am 14. Februar 1903 im polnischen Pilica geboren. Er war kein einfacher Mann. Als gelernter Maschinenschlosser hatte er sich mit Köpfchen und handwerklichem Geschick einen Namen gemacht – und stand in engem Austausch mit Fiat sowie mit Ford in den USA, mit dem er in Fragen seiner Erfindungen korrespondierte. Ein Tüftler, ein Macher, ein Mensch mit Weitblick. Dass sein Urenkel Marcin Korneluk nun ausgerechnet mit einem Ford in Kall ankam, um ihm die Ehre zu erweisen, ist einer jener stillen Zufälle, die das Leben schreibt.

Als polnischer Unteroffizier geriet Walenty zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in deutsche Gefangenschaft und wurde schließlich als Zwangsarbeiter zum Kaller Unternehmen Schumacher geschickt, wo er als Kraftfahrer arbeitete. Während er in der Eifel hinter Stacheldraht lebte, entging seine Familie in Polen nur knapp der Deportation nach Sibirien – gerettet nur durch einen Akt unerwarteter Menschlichkeit eines sowjetischen Soldaten, der der Familie dringend riet, sich zu verstecken. Seinem Vorgesetzten sagte er, er habe das Haus leer vorgefunden.

Die ersten 18 Monate verbrachte Walenty in quälender Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie. In seinem ersten erhaltenen Brief vom 15. Februar 1941 schilderte er seine tiefe Einsamkeit. »Es schien mir in dieser langen Zeit, dass mich alle verlassen haben, dass ich niemanden mehr auf der Welt habe. Ich dachte deshalb in den ersten Monaten, dass niemand von euch mehr am Leben ist«, zitiert Marcin Korneluk aus dem Brief, der sich in Familienbesitz befindet.

Trotz der harten Arbeit, die oft von früh bis spät dauerte, versuchten die polnischen Arbeiter in Kall, sich ein Stückchen Normalität zu bewahren. Ein anonymer Mitbewohner Walentys schrieb hoffnungsvoll an die Familie in Polen: »Heute haben wir zusammen Mandoline gespielt und den ganzen Abend gesungen. Ihr Mann erwähnt jeden Tag die Kinder und Sie.« Walenty selbst verlor nie den Glauben an eine Heimkehr. Noch im Mai 1944 schrieb er auf die Rückseite einer Zahlungsanweisung: »Man arbeitet von morgens bis nachts und so vergehen die Tage langsam. Was soll man machen? Vielleicht kommt dieser freudige Tag wie ein Traum.«

Der Traum von der Rückkehr erfüllte sich nicht.

»Ein Sonntag des Schreckens«

Im Winter 1944/45, als die Alliierten schwere Luftangriffe auf die Region flogen, wurde Walenty Fabijański durch einen Bombensplitter  vor dem Haus »Hörnchen« an der Trierer Straße am Kopf getroffen. Er starb am 7. Januar 1945 – im Alter von nur 41 Jahren. Die Sterbeurkunde des Standesamts Kall, ausgestellt unter der Nummer 39/1950, hält fest: Todeszeit 11.30 Uhr, Todesursache »bei Bombenangriff gefallen«.

Was jener Sonntag im Jahr 1945 für Kall bedeutete, hat Lokalhistoriker Andreas Züll durch ein besonderes Dokument belegt: das Tagebuch von Wilhelm Müller, das vollständig in der Chronik von Hubert Büth abgedruckt ist. Für den 7. Januar 1945 notierte dieser: »Es war ein Sonntag des Schreckens.« An diesem Tag starben in Kall insgesamt 21 Menschen – unter ihnen Walenty Fabijański.

Für Züll ist die Verbindung zu diesem Schicksal eine ganz persönliche.  Seine Urgroßvater Wilhelm war zu dieser Zeit Leitungsmeister auf dem Bahnhof und wohnte in unmittelbarer Nähe des Hauses Hörnchen. Jeden Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, passiert er den Ort. »Jeden Morgen stehe ich auf dem Weg zur Arbeit am Busbahnhof in der Trierer Straße und schaue auf das Haus Hörnchen«, sagt Züll. »Und ich frage mich, ob sich die beiden Männer je in diesen letzten Kriegsmonaten begegnen sind?« Jedenfalls denkt er an diesem Ort oft an jene Menschen, die dort im Krieg ihr Leben ließen.

Die mühsame Suche nach der Wahrheit

Begraben wurde Walenty Fabijański zunächst auf dem katholischen Pfarrfriedhof von St. Nikolaus in Kall. Ein alter Friedhofsplan belegt dies. Für Züll ist selbst diese Tatsache bemerkenswert: »Vom slawischen Untermenschen (so die Diktion der Nazis) wurde er offenbar wieder ein christlicher Mitbruder – denn er wurde zunächst in Kall auf dem katholischen Pfarrfriedhof beigesetzt.« Im April 1960 wurden seine Gebeine auf die Kriegsgräberstätte Mariawald umgebettet – Reihe 1, Grab 442.

Doch die Nachforschungen deckten auch auf, wie systematisch das Schicksal der Zwangsarbeiter nach dem Krieg zunächst verwischt wurde. Erst 1950 wurde Walentys Sterbefall offiziell beurkundet – und seine Identität als Zwangsarbeiter dabei verschleiert. Er wurde lediglich als »Arbeiter« geführt, der bei einem Bombenangriff gefallen sei, »so als hätte es sich um einen deutschen Zivilisten oder sogar einen Soldaten gehandelt«, wie Züll erläutert. Nur der Hinweis auf seine polnische Herkunft und die Angabe »Eltern unbekannt« ließen das wahre Schicksal erahnen.

Ein Massenphänomen – und ein jahrelanges Schweigen

Was Walenty Fabijański erlebte, war kein Einzelfall. Das machte Regionalhistoriker und Buchautor Franz Albert Heinen in seiner Einordnung bei der Feierstunde unmissverständlich deutlich. Heinen, der das Werk »Abgang durch Tod. Zwangsarbeit im Kreis Euskirchen 1939–1945« verfasst hat, betonte, dass der »einmalige Wert dieses einen Opfers nicht dadurch geschmälert wird, dass ich feststelle, dass das ein Massenphänomen war«. Allein im ehemaligen Kreisgebiet Schleiden sind 2.804 zivile Zwangsarbeiter namentlich bekannt – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Auf die Gemeinde Kall heruntergebrochen verzeichnet die Forschung 218 Zwangsarbeiter, darunter allein 131 Polen.

Heinen scheute auch vor klaren Worten zur Terminologie nicht zurück: »Sklavenarbeit – das trifft eigentlich das, was da angesagt war, sehr viel deutlicher« als der Begriff Zwangsarbeit. Und er erinnerte daran, dass dieses Kapitel nach 1945 jahrzehntelang totgeschwiegen wurde: »Die Zwangsarbeit gehörte jahrzehntelang zu den am besten verschwiegenen Verbrechen.« Diese Opfergruppe sei in einen »Erinnerungsschatten« verschwunden, aus dem sie erst langsam herausgeführt werde.

Zwei Familien, eine gemeinsame Geschichte

Auch die Nachkommen des damaligen Arbeitgebers waren gekommen. Ralf Schumacher, Enkel des Michael Schumacher, bei dem Walenty als Fahrer beschäftigt gewesen war, nahm an der Feierstunde teil. Er zeigte sich tief bewegt und räumte ein, dass in seiner Familie wenig über das Thema Zwangsarbeit gesprochen worden war.

Die Verbindung zwischen beiden Familien reicht jedoch weit zurück. Es war der Sohn von Michael Schumacher, der ehemalige Kaller Bürgermeister Werner Schumacher, der Walentys Witwe Helena in Polen schließlich die Nachricht von seinem Tod überbrachte – und damit eine zehnjährige Zeit der Ungewissheit beendete. Walentys Frau Helena, Marcins Großmutter, konnte den Verlust lange nicht verwinden. Jedes Jahr am 17. August, dem Jahrestag seiner Abreise, stand sie symbolisch am Fenster und wartete auf ihren Mann. Erst der berühmte Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe von 1965 – »Wir vergeben und bitten um Vergebung« – eröffnete ihr den Weg zum inneren Frieden. Es folgte eine jahrzehntelange Korrespondenz mit Lilo Schumacher, Frau von Werner Schumacher.

Neben Andreas Züll und F.A. Heinen trugen Nicole Gutmann vom Interkommunalen Archiv, Kreisarchivarin Heike Pütz sowie Johanna May vom Kloster Steinfeld wesentlich zur Aufklärung des Schicksals von Walenty bei.

»Ein Zeichen des Erinnerns und der Versöhnung«

Bürgermeister Emmanuel Kunz hatte die Gäste mit Worten empfangen, die zum Nachdenken anregten. »Hinter diesen wenigen Daten steht das Leben eines Menschen – eines Sohnes, eines Familienmitglieds, eines Landsmannes«, sagte Kunz. »Zu oft wurden die Schicksale von Zwangsarbeitern nach dem Krieg auf Aktenvermerke und Registereinträge reduziert. Umso wichtiger ist es, dass wir heute nicht nur über Geschichte sprechen, sondern die Chance haben, einem konkreten Menschen und seiner Familie zu begegnen.«

Marcin Korneluk übergab der Gemeinde Kopien der Briefe und Fotos seines Großvaters. Er sieht die Geschichte Walentys nicht als isoliertes Schicksal, sondern als Mahnung: »Die Geschichte meines Großvaters ist ein integraler Teil der Geschichte Ihrer Gemeinschaft«, betonte er bei der Übergabe. Und er fügte hinzu: »Ich möchte, dass wir gemeinsam diese Aufzeichnungen vor dem Vergessen retten.«

Zum Abschluss trug sich Korneluk in das Goldene Buch der Gemeinde Kall ein. Was er auf Polnisch schrieb, fasst das Anliegen dieses Tages in wenigen Worten zusammen: »Wir vergeben, aber wir vergessen nie. Wir verändern die Vergangenheit nicht, aber die Zukunft gehört uns.«

An den Orten der Geschichte

Nach der Feierstunde im Rathaus führte eine Gedenkfahrt zu den historischen Stätten. Erste Station war das Haus »Hörnchen« an der Trierer Straße 5–7, der Ort, an dem Walenty Fabijański verwundet wurde und starb. Dann die Gebäude an der Trierer Straße 16 sowie 18/19, wo die Familie Schumacher lebte und arbeitete. Ein Halt am ehemaligen Friedhof Kall, wo Walenty zunächst begraben lag. Den Abschluss bildete der Soldatenfriedhof Mariawald – die endgültige Ruhestätte. Marcin Korneluk entzündete dort eine Kerze. »Heute entzünde ich eine Kerze im Gedenken an einen Mann, der vielleicht die Welt der Motorisierung hätte verändern können«, sagte er. »Seine Geschichte lebt durch diese Briefe weiter.«

Andreas Züll fasste zusammen, was dieser Tag bedeutet – und was er über das Einzelschicksal hinaus fordert: »Wenn überhaupt lässt sich das alles nur gemeinsam überwinden in der Begegnung, der Verständigung, des Aufeinanderzugehens – wieder und wieder sich die Hände reichen.« Zum Abschluss zitierte er den polnischen Dichter Adam Zagajewski: »Besinge die verstümmelte Welt und das sanfte Licht, das umherschwebt und verschwindet und wiederkehrt.«

Ein Stolperstein – und ein Mahnmal für alle?

Die Kaller Pressesprecherin Alice Gempfer gab einen Ausblick auf das, was folgen könnte: Die Gemeinde Kall denkt darüber nach, an einem der historischen Orte einen Stolperstein für Walenty Fabijański verlegen zu lassen – jene kleinen Messingtafeln des Künstlers Gunter Demnig, die im Bürgersteig vor Häusern eingelassen werden, in denen Opfer des Nationalsozialismus zuletzt lebten. Franz Albert Heinen begrüßte dies als »folgerichtigen weiteren Schritt«, regte aber zugleich mehr an: Er appellierte an die Gemeinde Kall, in eine Diskussion über ein neues Mahnmal oder eine Erinnerungstafel für die gesamte Opfergruppe der Zwangsarbeiter einzutreten – damit sich nach den Opfern des Holocaust nun auch den »übrigen bisher verdrängten Opfergruppen« zugewendet werde.

Es wäre ein dauerhaftes Zeichen – für Walenty Fabijański, den Erfinder und Maschinenschlosser aus Pilica, den Mann, der mit Ford in den USA korrespondierte, der in Kall als Fahrer arbeitete, der im Dezember 1944 durch einen Bombensplitter tödlich getroffen wurde. Und den sein Enkel, 80 Jahre später, in einem Ford an seinem Grab besucht hat.