Michael Nielen

Endstation Kommern – und ein neuer Anfang

»Meine Damen und Herren, bitte treten Sie von der Bahnsteigkante zurück. Es geht gleich los.« Mit diesem augenzwinkernden Satz beendete Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, ihre Rede beim Richtfest des historischen Bahnhofs Walporzheim im LVR-Freilichtmuseum Kommern.
Sie brachten mit einer Modenschau beim Richtfest Farbe ins Spiel.

Sie brachten mit einer Modenschau beim Richtfest Farbe ins Spiel.

Bild: Michael Nielen

Kommern (mn). Das passte. Denn was auf dem Marktplatz Rheinland entsteht, ist weit mehr als ein Bahnhofsgebäude. Es ist eine Zeitreise durch mehr als 100 Jahre Eisenbahngeschichte, ein Erinnerungsort an die Flutkatastrophe im Ahrtal und ein Symbol für den Wiederaufbau einer ganzen Region.

Bei hochsommerlichen Temperaturen waren viele Gäste nach Kommern gekommen, um den besonderen Moment mitzuerleben. Über dem Gebäude wehte der Richtkranz, während Zimmermann Edgar »Eddy« Lauterbach den traditionellen Richtspruch sprach. Darin erinnerte er an die bewegte Geschichte des Bauwerks: »Dann kam die Flut mit dunkler Macht, hat Leid und schwere Zeit gebracht. Der Bahnhof stand als letzter Hort, dahinter lag Zerstörung fort.« Heute steht das Gebäude an einem neuen Ort. »Nun steht er hier am neuen Ort, bewahrt Geschichte fort und fort«, rief Lauterbach den Gästen zu.

Begonnen hatte alles mit einem Anruf. Monika Lindener, damalige Fahrdienstleiterin in Walporzheim, hatte dem Museum berichtet, das Gebäude solle abgerissen werden. Für Museumsleiter Dr. Carsten Vorwig war sofort klar, dass dies eine einmalige Chance sei. »Ein Bahnhof war schon lange fester Bestandteil der musealen Konzeption, denn Bahnhöfe sind gerade im ländlichen Raum die Tore zur Welt«, erläuterte er. Sie seien weit mehr als bloße Verkehrsknotenpunkte: »Sie verbinden Orte miteinander, erschließen Märkte und Möglichkeiten und fördern Teilhabe wirtschaftlich und gesellschaftlich.«

Vorwig bezeichnete das Richtfest als »einen Moment des Innehaltens zwischen Idee und Verwirklichung, zwischen Plan und Vollendung«. Dass der Bahnhof heute originalgetreu in Kommern steht, verdankt das Museum der Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn und dem unermüdlichen Einsatz des museumseigenen Bauhofs. »Es ist unseren Museumshandwerkern zu verdanken, dass der historische Bahnhof mit seiner originalen Bausubstanz heute hier steht«, betonte er.

Gerettet wurde nicht nur die Bausubstanz, auch das Inventar – Kaffeetasse, Kugelschreiber, Schreibblock und vieles mehr. »Geschichte steckt nicht nur in großen Ereignissen, sondern vor allem im Alltag«, so Vorwig.

Die Verbindung zur Flutkatastrophe von 2021 zog sich wie ein roter Faden durch das Richtfest. Der Bahnhof Walporzheim war damals zur rettenden Insel geworden. »So steht die Bahn an der Ahr heute für zweierlei: für die Verletzlichkeit unserer Infrastruktur, aber auch für die Stärke einer Region, die sich nicht aufgibt«, sagte Vorwig.

Anne Henk-Hollstein würdigte den Bahnhof als Ort voller Geschichten: »Kaum ein anderer Ort vereint so viele Geschichten von Ankunft und Aufbruch, von Hoffnung und Wehmut, von Vorfreude oder auch von Verlust.« Das Besondere des Projekts sei das Konzept der verschiedenen Zeitschnitte – der Bahnhof zeigt gleichzeitig seinen Zustand von 2023, die Wartehalle der 1950er Jahre und ein Stellwerk aus der Erbauungszeit. »Dieser Bahnhof erzählt nicht nur von einer Zeit, sondern gleich von mehreren«, so die Vorsitzende. Die Versetzung des Gebäudes nannte sie eine »handwerkliche Meisterleistung« und ein »Zeichen des Wiederaufbaus und der Resilienz«.

Die Bauforscherin des Museums, Anne Karl, erläuterte die wissenschaftlichen Herausforderungen. Das hohe Fundament etwa habe seine Bedeutung: »Dieser Bahnhof stand auf einem Bahndamm, der sehr prägend war auch für das Bild des Bahnhofes.« Für die Rekonstruktion des Innenraums von 2023 wurde jedes Detail erfasst und gesichert: »Wir haben jeden Kuli, jeden Notizblock, alles wirklich aufgenommen, mitgenommen.« Besucher sollen das Gefühl haben, der Fahrdienstleiter sei gerade erst hinausgegangen und komme gleich wieder.

Als besonderen Glücksfall bezeichnete Karl die Nachricht, dass der originale Fahrkartenautomat aus Walporzheim doch noch ins Museum kommt. Lange hatte Restgeld im Gerät eine Übergabe blockiert – bis die Deutsche Bahn den Automaten kurzerhand selbst ausräumte. »Der Fahrkartenautomat ist jetzt leer. Wir bekommen doch den originalen Fahrkartenautomat«, freute sich Karl.

Für Farbe und Begeisterung sorgten Mitglieder des Freundeskreises historischer Eisenbahnuniformen im Rheinland mit einer Modenschau, die - passend für ein Museum - die Entwicklung der Bahnuniformen vom 19. Jahrhundert bis in die Neuzeit lebendig werden ließ.