

Manche Geschichten brauchen Zeit. Viel Zeit. Jahrzehnte sogar. Für Paul Schmit aus Temmels war dieser Moment erst im Ruhestand gekommen. Erst jetzt, sagt er, sei er bereit gewesen, das auszusprechen, was lange in ihm geschlummert hat. »Ich konnte es erst jetzt so erzählen, wie ich es erzählen wollte – ehrlich, ruhig und ohne Bitterkeit.«
Mit seinem Roman »Oskar – Auf der Suche nach dem kleinen Ich“» öffnet der Autor eine Tür in seine eigene Vergangenheit. Es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht – leise erzählt und gerade deshalb so eindringlich.
Ein Teddy als Schlüssel zur Erinnerung
Auslöser für das Buch ist ein Begleiter, der ihn seit seiner Geburt begleitet: ein Teddybär. Oskar. Noch heute liegt er bei Schmit im Schlafzimmer. Und irgendwann, so beschreibt er es selbst, »hat er mich wiedergefunden«.
Im Roman wird Oskar zum Schlüssel. Zurück auf den Speicher, zurück in die Kindheit, zurück zu Erinnerungen, die lange verdrängt waren. »Er steht für all das, was nie ganz verloren geht«, sagt der Vater von drei erwachsenen Kindern.
Die Hauptfigur Georg trägt dabei viele seiner eigenen Erfahrungen in sich. »Sehr viel von mir steckt in dieser Geschichte«, erklärt der Autor. Und doch sei es keine reine Biografie. »Ich habe Erlebnisse literarisch gestaltet, damit eine zusammenhängende Geschichte entsteht.«
Kindheit zwischen Schweigen und Selbstschutz
Was folgt, ist eine Reise in eine Kindheit, die von Verletzungen geprägt ist. Der gebürtige Luxemburger spricht offen über das, was er als Fünfjähriger erlebt hat: Missbrauch durch eine fremde Person. Ein Moment, der sein Leben verändert.
Er fand damals den Mut, seinen Eltern davon zu erzählen. Doch die Reaktion blieb aus. „Ich wurde nicht gesehen“, sagt er. Statt Fragen gab es Alltag. Kindergarten. Schweigen.
Buchpreis der Deutschen Botschaft in Luxemburg
„Von da an habe ich alles mit mir selbst ausgemacht.“ Schreiben wurde sein Ventil, sein Schutzraum.
Dass Sprache für ihn schon früh eine besondere Rolle spielte, zeigte sich bereits in jungen Jahren: Für seine Leistungen im deutschen Sprachunterricht wurde er 1982 mit einem Buchpreis der Deutschen Botschaft in Luxemburg ausgezeichnet – eine prägende Etappe, die ihn auf seinem Weg zum Schreiben bestärkte.
Die Botschaft seines Buches ist klar: „Du bist nicht allein. Und du bist nicht falsch.“
Viele Menschen, so Schmit, tragen ungelöste Kindheitserfahrungen in sich. „Als Kind denkt man: Ich habe etwas falsch gemacht. Aber das stimmt nicht.“ Sein Roman setzt genau hier an – behutsam und ohne Druck. „Vielleicht erkennt man sich ein Stück wieder.“ Viele Menschen, so ist er überzeugt, tragen Erfahrungen aus ihrer Kindheit in sich, die nie wirklich aufgearbeitet wurden. Gefühle von Schuld, die eigentlich nicht ihre sind. „Als Kind denkt man: Ich habe etwas falsch gemacht. Aber das stimmt nicht.“ Sein Roman will genau hier ansetzen. Behutsam. Ohne Druck. „Nicht alles muss sofort geheilt werden. Aber vielleicht erkennt man sich ein Stück wieder.“
Die Kraft einer Begegnung
Neben den schmerzhaften Erinnerungen gibt es auch Lichtblicke. Eine davon ist eine Lehrerin, die ihm zum ersten Mal das Gefühl gab, gesehen zu werden. „Sie hat mich einfach ankommen lassen“, erinnert sich Schmit. Keine Tests, keine Erwartungen. Nur Raum. Daraus entstand eine Verbindung, die über Jahre anhielt. Ein Satz dieser Frau begleitet ihn bis heute: „Ich weiß, dass ich bald sterben muss. Was kann ich noch für dich tun?“ „Manche Sätze bleiben für immer“, sagt Schmit leise.
Schreiben als Weg zur Versöhnung
Der Weg zurück in die eigene Vergangenheit war kein leichter. „Ich musste oft Pausen machen“, erzählt er. Zu intensiv waren die Erinnerungen, die beim Schreiben wieder hochkamen.
Und doch war es ein notwendiger Schritt. Nicht als Abrechnung, sondern als Verarbeitung. „Es ging mir nie darum, jemandem Vorwürfe zu machen.“
Während der Arbeit am Buch starb sein Vater. Eine zusätzliche emotionale Belastung. „Aber ich habe gelernt, dass Trauer und Klarheit nebeneinander existieren können.“ Heute sagt er: „Ich habe meinen Frieden gefunden.“
Zurück ins Leben – mit Unterstützung
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch sein Ehemann Justin. Im Buch wie im echten Leben. „Er holt mich immer wieder aus der Vergangenheit in die Gegenwart“, sagt Schmit. Ohne zu urteilen. Ohne zu bewerten. „Er stellt Fragen, die mich weiterbringen.“ Diese Haltung spiegelt sich auch im Roman wider – als leise, aber wichtige Gegenkraft zu den Erinnerungen.
Mut zur Öffentlichkeit
Lange hat Schmit gezögert, seine Geschichte zu veröffentlichen. Zu tief saßen alte Muster, Zweifel, Unsicherheiten. „Was werden andere sagen?“ – eine Frage, die ihn lange begleitet hat. Doch irgendwann war klar: „Ich muss das niederschreiben.“ Und es hat sich gelohnt. „Seitdem habe ich eine große innere Ruhe gefunden. Ich habe Frieden mit meiner Vergangenheit geschlossen.“
Lesungen als Begegnung
Heute sucht Schmit bewusst den Austausch. Er bietet kostenlose Lesungen an – in Schulen, Seniorenheimen, Vereinen. „Mir geht es darum, Menschen zu erreichen“, sagt er. „Literatur erlebbar zu machen und ins Gespräch zu kommen. “Die bisherigen Rückmeldungen waren sehr persönlich und berührend.“
Eine leise, starke Geschichte
„Oskar“ ist kein lautes Buch. Es ist ein stilles. Eines, das nachwirkt. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke. Denn manchmal reicht schon ein Satz, um etwas zu verändern. Oder ein Teddy, der einen ein Leben lang begleitet...




