

Es sind kleine Messingtafeln im Gehweg. Ein Name, ein Geburtsdatum, ein Schicksal. Wer an ihnen vorbeigeht, muss vielleicht nur einen kurzen Moment innehalten – und genau das ist gewollt. Stolpersteine sollen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Stolpern bringen: mit den Augen, mit den Gedanken und mit der Erinnerung.
Am Mittwoch sind in Hermeskeil zu den bereits vorhandenen drei Stolpersteinen elf weitere dieser Gedenksteine verlegt worden. Sie erinnern an Mitglieder der jüdischen Familien Ackermann und Samuel und damit an Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Drei Stolpersteine gab es bereits. Nun ist das dezentrale Mahnmal in Hermeskeil deutlich gewachsen.
Hinter der Initiative stehen unter anderem eine Projektgruppe, die sich mit jüdischem Leben in Hermeskeil beschäftigt, und Ronni Steiner-Wilhelmi, Lehrerin am Gymnasium Birkenfeld. Für sie ist das Thema nicht nur historische Bildungsarbeit. Es gibt eine persönliche Verbindung zu einem der Orte, an denen nun Stolpersteine liegen.
In der Trierer Straße 23 befindet sich heute das Geschäft Sport Fuchs. Einst gehörte das Haus der jüdischen Familie Samuel. „Die Familie Samuel hat dieses Haus an die Stadt verkaufen müssen und die Großeltern meines Mannes haben es erworben“, erzählt Steiner-Wilhelmi. Der Zwangsverkauf macht deutlich, wie die Entrechtung jüdischer Menschen nicht abstrakt irgendwo stattfand, sondern mitten im Alltag – auch in Hermeskeil.
Steiner-Wilhelmi ist seit mehreren Jahren Teil einer Arbeitsgemeinschaft am Gymnasium Birkenfeld, die sich mit jüdischer Geschichte und dem Nationalsozialismus beschäftigt. Seit 2012 setzen sich Schülerinnen und Schüler dort regelmäßig mit regionaler Geschichte auseinander. Rund 20 Jugendliche gehören jeweils zu der AG.
Dass aus der schulischen Arbeit schließlich die Stolperstein-Verlegung in Hermeskeil entstand, war zunächst nicht geplant. „Ich wusste, dass das Geschäftshaus meines Mannes damals von seinen Großeltern erworben wurde“, berichtet die Lehrerin. Irgendwann sei im Gespräch der Gedanke aufgekommen: „Da müssten auch Stolpersteine hin.“
Aus der Idee entwickelte sich ein mehrjähriges Projekt. Etwa zwei Jahre dauerte die Vorbereitung. Quellen mussten gefunden, Informationen recherchiert und Schicksale rekonstruiert werden. Dazu kamen Absprachen mit der Stiftung von Gunter Demnig, die die Stolpersteine verlegt.
„Man kann einen guten Jahresvorlauf für eine Stolpersteinverlegung einplanen“, sagt Hans-Georg Heck, der ebenfalls an dem Schulprojekt beteiligt ist. Auch für die Jugendlichen bedeutete das Projekt viel Arbeit: recherchieren, lesen, historische Dokumente auswerten und die Lebensgeschichten der Menschen nachvollziehen.
Die Arbeit wurde unter den Schülerinnen aufgeteilt. Jede übernahm die Recherche zu einer Person. „Wir haben die Arbeit aufgeteilt und jeder hat eine Person übernommen“, erzählt Abiturientin Mona. Neben dem Material aus der Hermeskeiler Projektgruppe habe man auch im Internet zahlreiche Informationen gefunden. „Wir hatten über jedes Familienmitglied sehr viele Infos.“
Besonders wichtig war dabei die Verbindung zwischen Birkenfeld und Hermeskeil. Die Recherche führte die Schüler zur Familie Ackermann. Frieda Ackermann, geborene Löw, stammte aus Birkenfeld. Damit bekam das Hermeskeiler Projekt auch für die Birkenfelder Jugendlichen einen unmittelbaren Bezug zur eigenen Region.
„Wir haben gesagt, dann nehmen wir die Familie Ackermann mit in unser Projekt auf, damit wir die Verbindung zwischen den beiden Orten herstellen“, erzählt Steiner-Wilhelmi.
Für die Jugendlichen war die Recherche weit mehr als eine historische Fleißarbeit. Eine der Schülerinnen beschreibt, dass sie das Thema Nationalsozialismus aus dem Geschichtsunterricht zwar kannte, die Beschäftigung mit einer konkreten Familie aber etwas völlig anderes sei: „Sonst hört man immer nur, es gab so viele Opfer, aber man weiß nie, wie war es wirklich für diese Opfer.“
Durch die Recherche sei deutlich geworden, wie Familien auseinandergerissen wurden. Ein Bruder der Familie floh nach Brasilien. Ob und wie der Kontakt zu den Angehörigen aufrechterhalten werden konnte, blieb teilweise offen. „Das geht einem schon auch danach“, sagt die Schülerin.
Auch Finja hat die Recherche nachhaltig beeindruckt. „Für zukünftige Generationen ist das so wichtig, dass sowas nicht in Vergessenheit gerät“, sagt sie. Die Arbeit habe ihr das Gefühl gegeben, „man tut das für was Gutes“. Es sei ihr wichtig gewesen, den Opfern „nochmal Bildfläche“ zu geben und die Menschen nicht als Teil einer anonymen Zahl von Millionen Opfern verschwinden zu lassen.
Maya, die später zur Projektgruppe stieß und sich unter anderem um die Vorbereitung der Verlegung und die Plakate kümmerte, beschreibt die Auseinandersetzung mit den einzelnen Schicksalen als „sehr bewegende Geschichte“. Je intensiver man sich damit beschäftige, desto schwerer sei es zu begreifen, „wie das gewesen sein muss“. Und auch heute könne man kaum fassen, „wie rücksichtslos Menschen handeln“.
Eine solche Stolperstein-Verlegung ist deshalb mehr als das Einlassen von Messingtafeln in einen Gehweg. Die Schüler haben sich intensiv mit den Menschen beschäftigt, deren Namen nun dort zu lesen sind. Bei der Verlegung waren sie dabei und lasen die Lebensgeschichten der Opfer vor.
Für einen besonders persönlichen Moment sorgte die Anwesenheit von Diana Koch, der Nichte von Cäcilia Ackermann. Gemeinsam mit ihrem Mann war sie eigens aus England nach Hermeskeil gekommen, um bei der Verlegung dabei zu sein. Für sie ist der Stolperstein eine bleibende Erinnerung an ihre Tante. Sie bezeichnete es als eine „großartige Sache“, dass so immer an Cäcilia Ackermann gedacht werde.
Damit wurde bei der Verlegung unmittelbar spürbar, dass hinter den Namen auf den Messingtafeln keine abstrakten historischen Figuren stehen, sondern Menschen mit Familien, Angehörigen und Nachkommen. Die Schüler hatten deren Lebensgeschichten recherchiert – und Angehörige wie Diana Koch tragen die Erinnerung an sie bis heute weiter.
Gerade darin liegt für die Initiatoren die Bedeutung der Stolpersteine. Die Messingtafeln informieren an den Orten, an denen die Menschen einst lebten. Sie holen die Erinnerung aus Museen und Archiven mitten in den Alltag. Wer über einen solchen Stein geht, wird mit einem konkreten Schicksal konfrontiert.
Wie brutal die Verfolgung jüdischer Menschen verlief, zeigt das Schicksal von Otto und Frieda Ackermann. Das Ehepaar aus Hermeskeil lebte 1939 in Trier in einem der sogenannten Ghettohäuser. Seine Wohnung in der Brotstraße musste die Familie aufgeben. Die Zwangsunterkünfte waren Teil der systematischen Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung.
Für viele der Menschen, die dort untergebracht wurden, war dies eine der letzten Stationen vor der Deportation. Auch Otto und Frieda Ackermann wurden schließlich deportiert und ermordet.
Ihre Geschichte steht exemplarisch für das, was die Stolpersteine sichtbar machen sollen: Hinter jedem Namen steht ein Mensch, dessen Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde.
Der erkrankte Gunter Demnig konnte bei der Verlegung in Hermeskeil nicht selbst dabei sein. Sein Assistent Frank-Matthias Mann setzte die elf neuen Steine in den Gehweg ein. Damit wächst das weltweit größte dezentrale Mahnmal weiter.
Nach Angaben der Stiftung wurden inzwischen rund 126.000 Stolpersteine in 32 Ländern verlegt. Jeder einzelne erinnert an einen Menschen. Und jeder einzelne braucht Menschen, die seine Geschichte erzählen.
In Hermeskeil übernehmen diese Aufgabe nun auch die Schülerinnen und Schüler aus Birkenfeld. Für sie ist die AG längst mehr als ein gewöhnliches Schulprojekt. Sie haben recherchiert, gelesen, Namen und Lebenswege zusammengetragen und schließlich vor Ort die Geschichten der Opfer vorgelesen.
Die elf neuen Steine liegen nun im Hermeskeiler Gehweg. Klein sind sie tatsächlich. Die Geschichten, die sie erzählen, sind es nicht.




