Ein Stückchen Hermeskeil für die Welt
Manchmal beginnt eine große literarische Geschichte mit einem Buch aus der eigenen Heimat. Für Shida Bazyar war es „Juden im Gaumusterdorf“ von Heinz Ganz-Ohlig. Als die in Hermeskeil geborene Autorin 2018 die lokalhistorische Recherche über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung während der NS-Zeit las, veränderte sich ihr Blick auf den Ort, an dem sie aufgewachsen war. Aus der Beschäftigung mit verdrängten Verbrechen, vergessenen Schicksalen und der Rolle der Nachbarn entwickelte sich ein Roman, der nun mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet wurde: „Die Lücken“.
Am Montagabend kehrte Shida Bazyar mit diesem Buch in ihre Geburtsstadt zurück. Rund 230 Gäste füllten das Johanneshaus, die von der Leiterin der Stadtbibliothek, Marion Adams, organisierte Veranstaltung mit Moderatorin Tamara Breitbach war seit Wochen ausverkauft. Es war ein besonderer Abend – nicht nur, weil eine der wichtigsten Auszeichnungen der deutschen Literaturszene an eine Autorin aus Hermeskeil gegangen ist. Sondern auch, weil die Geschichte hinter dem Roman hier ihren Anfang genommen hat.
„Wir brauchen Geschichten, um uns in der ganzen Welt zu finden“, sagte Marion Adams zur Begrüßung. Geschichten schenkten Orientierung, ließen Mitgefühl für Unbekanntes entstehen und ermöglichten es, andere Perspektiven einzunehmen. Dafür brauche es Menschen, die den Mut hätten, ihre Geschichten aufzuschreiben. Ein Gedanke, der den Abend treffend umrahmte: Denn Bazyars Roman erzählt nicht nur von vergangenen Zeiten, sondern davon, wie Geschichte in einer Gesellschaft weiterlebt.
Heinz Ganz-Ohlig saß im Publikum. Der Lokalhistoriker, dessen Buch Bazyar so nachhaltig beeindruckt hat, erlebte mit, wie aus seiner Recherche Literatur geworden ist und wie diese nun ein großes Publikum erreicht. „Das ist das Beste, was so ein Thema passieren kann, die Beschäftigung damit“, sagte er. Dass sich durch den Deutschen Buchpreis nun noch mehr Menschen mit der Geschichte auseinandersetzen könnten, freue ihn besonders. Bazyar sei eine Autorin, „die was zu sagen hat“, und der er ihren Erfolg „von ganzem Herzen gönne“.
Zugleich stellte Ganz-Ohlig klar, wem die literarische Leistung gebührt: „Sie hat da was ganz Tolles rausgemacht.“ Ihre Sprache, ihre Ideen und die Art, wie sie mit dem historischen Stoff umgehe, seien ihre eigene Leistung. Dass Bazyar ihn im Dankeswort ihres Buches erwähnt, empfinde er als große Auszeichnung.
Ein Ort, der beides in sich trägt
In „Die Lücken“ heißt Hermeskeil Heimesbach. Der fiktive Ort trägt fast hundert Jahre deutscher Geschichte in seinen Mauern und Biografien. Bazyar erzählt von jüdischen Familien, die verfolgt und ermordet wurden, von Menschen, die profitierten oder schwiegen, und von Familien, die Jahrzehnte später aus dem Iran fliehen und in Deutschland Schutz suchen. Ihre Geschichten verbinden sich zu einem Panorama über Ausgrenzung, Erinnerung und die schwierige Suche nach Heimat.
Was Bazyar an ihrem Geburtsort so aufgewühlt habe, sei gerade dieser Widerspruch: ein Ort, an dem Menschen Schutz gefunden hätten, und zugleich ein Ort, an dem andere Menschen nicht geschützt, sondern verfolgt und Gewalt ausgesetzt worden seien. „Dass beides an einem Ort möglich ist und ein Ort beides in sich trägt und speichert“, sei für sie eine zentrale Erkenntnis gewesen.
Die Vergangenheit, so macht der Roman deutlich, lässt sich nicht einfach hinter sich lassen. Sie lebt in Erzählungen weiter, in dem, was überliefert wird, und ebenso in dem, worüber geschwiegen wird. Die Autorin interessiert sich deshalb nicht nur für historische Täter und Opfer, sondern auch für die Frage, wie eine Gemeinschaft mit ihrer Geschichte umgeht – und wer darüber entscheidet, welche Geschichten erzählt werden.
Eine Chance für Hermeskeil
Stadtbürgermeister Christoph König sieht in Bazyars Erfolg deshalb weit mehr als einen Grund zum Stolz. Dass eine Autorin, die selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stammt, in Hermeskeil aufgewachsen ist und die Geschichte der Stadt literarisch verarbeitet, sei eine „unglaublich schöne Geschichte“. Zugleich eröffne das Buch eine besondere Gelegenheit, die eigene Vergangenheit neu in den Blick zu nehmen.
„Es ist auch für Hermeskeil eine super Chance, dass wir uns selbstbewusst mit der Geschichte endlich mal auseinandersetzen“, sagte König. Er erinnerte an frühere Initiativen wie die Verlegung von Stolpersteinen und betonte, dass die Stadt die Aufmerksamkeit nutzen müsse. „Wir müssen die Chance jetzt nutzen“, sagte er. Es gehe darum, die Geschichte mutig aufzugreifen und aufzuarbeiten.
Dass diese Aufarbeitung notwendig ist, zeigt auch der Blick auf die lokale Erinnerungskultur. Ganz-Ohligs Recherchen machten konkrete Schicksale sichtbar und widersprachen der Vorstellung, die jüdischen Familien seien nach den Novemberpogromen einfach ausgewandert. Bazyar überführte solche Erkenntnisse in eine literarische Form, die Menschen und ihre Entscheidungen über Generationen hinweg miteinander verbindet.
Demokratie ist mehr als Wählen
Für Shida Bazyar endet die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht bei der historischen Einordnung. Im Gespräch schlug sie den Bogen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, zu Rassismus und zur Frage, wie eine demokratische Gesellschaft zusammenlebt.
„Demokratie ist ja auch mehr, als wählen zu gehen“, sagte Bazyar. Es gehe ebenso darum, wie Menschen ihren Einfluss auf andere wahrnehmen, wie viel sie gemeinsam bewirken können und wie solidarisch sie miteinander umgehen. Sie erinnerte an die Willkommenskultur von 2015, als viele Menschen Geflüchteten halfen und Verantwortung übernahmen. Einen solchen gesellschaftlichen Aufbruch könne es ihrer Überzeugung nach wieder geben.
Dabei komme es auch darauf an, welche Erzählungen sich durchsetzen. Wie über Flucht, Migration und Geschichte gesprochen werde, beeinflusse, was Menschen für wahr hielten und weitergäben. Jeder sei daran beteiligt, welche Narrative in einer Gesellschaft Gewicht bekämen.
Dass ihr Roman diese Fragen aufwirft, zeigte sich auch in den Reaktionen des Publikums. Jutta Schönenberger, Deutschlehrerin am Gymnasium Hermeskeil, hatte „Die Lücken“ unmittelbar nach Erscheinen gekauft und regelrecht verschlungen. „Es ist hervorragend geschrieben und ich bin ganz begeistert“, sagte sie. Besonders fasziniert habe sie die Art des Erzählens. Für sie gehöre das Buch zu den besten, die sie in den vergangenen Jahren entdeckt habe.
Am Ende bleibt damit eine Botschaft, die weit über den fiktiven Ort Heimesbach hinausreicht: Wer sich mit einer Stadt und ihrer Vergangenheit beschäftigt, darf sich nicht darauf ausruhen, dass diese Vergangenheit vorbei ist. Rassistische Gewalt müsse auch als Teil der Gegenwart wahrgenommen werden, betonte Bazyar. Ihr Roman erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern ebenso aus den Entscheidungen ganz gewöhnlicher Menschen – aus Hilfe und Freundschaft, aus Wegsehen und Schweigen. Und aus der Frage, welche Verantwortung daraus für das Zusammenleben heute erwächst.

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