Andrea Fischer

Luftschiffe, Bildermaschinen und die verlorene Heimat

Klüsserath/Brasilien. Eine Reise, die aus Neugier beginnt, wird zur Lebensaufgabe: Monika Traut-Bonato erzählt die Geschichte der Klüsserather Auswanderer – und entdeckt dabei nicht nur ein vergessenes Kapitel der Region, sondern auch ihre eigenen Wurzeln.

Als Monika Traut-Bonato nach Brasilien reist, rechnet sie mit vielem – aber nicht damit, plötzlich moselländisches Platt zu hören. Was sie dort entdeckt, verändert alles: ihre Sicht auf Geschichte, auf Heimat – und auf die eigene Familie.

Ein Satz, der alles verändert

Seid ehr joot opkomme, seid ehr met’m Luftschiff kumme?“ Es ist dieser eine Moment, der sich einbrennt. Am anderen Ende der Welt. In Brasilien. Und plötzlich klingt alles nach Mosel. „Erstmal war ich  total verblüfft“, sagt Monika Traut-Bonato. „Aber gleichzeitig fühlt es sich auch vertraut an.“

Was wie eine skurrile Anekdote beginnt, wird für die studierte Historikerin und langjährige Journalistin zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen Spurensuche – und schließlich zu einem Roman über ein nahezu vergessenes Kapitel der regionalen Geschichte.

 „Wenn ich das nicht festhalte, ist es weg“

Der entscheidende Moment kommt nicht vor Ort, sondern hoch über den Wolken. „Auf dem Rückflug habe ich gedacht: Wenn du das jetzt nicht festhältst, ist die Geschichte wieder vergessen.“

Was sie zu diesem Zeitpunkt bereits weiß: In Brasilien leben Nachfahren von Auswanderern aus Klüsserath – und sie wissen erstaunlich viel über ihre Herkunft. Mehr, als viele Menschen hier. „Die Deutschstämmigen dort wussten ganz viel über uns – und hier wusste fast keiner, dass es diese Menschen überhaupt gibt.“ Ein Ungleichgewicht, das sie nicht loslässt.

Fremd – und doch vertraut

Die Reise nach Brasilien wird für Monika Traut-Bonato zu einem Wendepunkt. Nicht wegen exotischer Eindrücke – sondern wegen der Menschen. „Man stellt sich Brasilien ganz anders vor“, sagt sie. „Und dann trifft man dort Leute, die sich kaum von uns unterscheiden.“Und die sprechen – Moselfränkisch. In einer Form, die hier längst verschwunden ist. „Für ein Flugzeug sagen sie ‚Luftschiff‘, für eine Kamera ‚Bildermaschine‘“, erzählt sie. „Das ist wie eine Zeitkapsel.“Noch erstaunlicher ist das Gefühl, das sich einstellt: Nähe. „Man ist in der Fremde, aber da ist nichts Fremdes dazwischen.“

Eine Verbindung, die man spürt

Noch bevor es Gewissheit gibt, ist da dieses Gefühl. „Ich habe zu einer Frau gesagt: Die sehen aus wie meine alten Tanten aus Klüsserath.“Später bestätigt sich: Monika Traut-Bonato ist tatsächlich mit mehreren Familien in Brasilien verwandt. „Man kann das kaum beschreiben, aber da war sofort eine Verbindung. “Eine Erfahrung, die alles verändert – auch ihren Blick auf die Geschichte der Auswanderung.

500 Menschen – und fast vergessen

Im Jahr 1827 verlassen rund 500 Menschen aus der Region Mosel und Hunsrück im November ihre Heimat. Insgesamt wanderten zwischen  1824 bis 1914 etwa 48.000 Deutsche nach Brasilien aus.  Ihr  Ziel: Brasilien. Ihre Hoffnung: ein besseres Leben. Was sie erwartet, ist oft das Gegenteil. „Es ist keine Familie so angekommen, wie sie hier weggegangen ist“, sagt Traut-Bonato. „Es gab Todesfälle, Krankheiten, völlig neue Lebensumstände. “Eine dramatische Geschichte – und doch kaum präsent im kollektiven Gedächtnis. Nicht einmal in der Chronik wurde darüber berichtet.“ Warum? Eine Frage, die sie bis heute beschäftigt.

Von der Recherche zur Geschichte

Die Spurensuche führt sie durch mehrere Länder, in Archive und zu Originaldokumenten. „Manchmal wartet man Wochen oder Monate auf eine neue Information.“ Und dann hält sie plötzlich Briefe in den Händen – geschrieben von Auswanderern, die über die Zustände auf den Schiffen klagen. „Das ist ein unglaublicher Moment.“ Auch andere Entdeckungen überraschen sie: etwa die bürokratischen Hürden der Auswanderung. „Ein Mann hat sein gesamtes Hab und Gut versteigert – notariell, mit Steuern. Das war ein riesiges Prozedere.“

Warum ein Roman?

Dabei hätte diese Geschichte auch ein Sachbuch werden können. Doch Monika Traut-Bonato entscheidet sich bewusst anders. „Als Sachbuch liest das kaum jemand“, sagt sie. „Ein Roman erreicht die Menschen eher. “Und vielleicht – so die leise Hoffnung – findet die Geschichte so sogar noch einen anderen Weg: „Das ist eigentlich ein Stoff, der gehört verfilmt.“ Im Mittelpunkt steht Wilhelm Winter – eine reale Figur, die zur erzählerischen Klammer wird.„Man muss eine Geschichte an einer Person festmachen.“

Was die Autorin besonders beschäftigt: die Parallelen zu heute.„Die Menschen wurden damals auch betrogen – falsche Versprechen, teure Überfahrten. Das ist gar nicht so weit weg von dem, was heute passiert.“ Auswanderung sei nie eine leichte Entscheidung gewesen. „Das war damals eine ‘Never-Come-Back’-Geschichte.“

Und Heimat? „Das ist der Ort, wo man sich ohne Wenn und Aber wohlfühlt.“

Brücken über den Atlantik

Heute melden sich regelmäßig Menschen aus Brasilien bei ihr. Nachfahren der Auswanderer, die mehr über ihre Wurzeln erfahren wollen. „Das Interesse ist riesig.“ Ihr Buch soll genau das ermöglichen – auch sprachlich. Eine portugiesische Ausgabe ist bereits in Arbeit. „Viele sprechen noch Dialekt, aber sie können kein Hochdeutsch lesen.“ Ein Projekt, das verbindet – über Generationen hinweg.

Mehr als nur Geschichte

Für Monika Traut-Bonato ist ihr Roman mehr als ein Buch. Es ist ein Stück Erinnerung – und ein Appell. „Das Leben war nie einfach“, sagt sie. „Aber die Menschen haben immer Wege gefunden.“ Vielleicht ist genau das die Botschaft, die bleibt: Dass selbst die größten Entfernungen nicht trennen müssen – wenn man die Geschichten dahinter kennt.

Text: Andrea Fischer