Katja Hommes

Cochem erhält erste Stolpersteine

Stadt gedenkt ermordeter und vertriebener Juden

Cochem. In Cochem sind am Donnerstagmorgen acht Stolpersteine verlegt werden. Die Gedenksteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern nun erstmals auch in der Kreisstadt an ermordete Juden. Die Verlegung war in vielerlei Hinsicht Auftakt für Erinnerungsarbeit.

Es waren Momente der Erinnerung und Begegnung, die Cochem am Donnerstagmorgen erlebt hat. Viertklässler der Cochemer Grundschule gedachten beispielsweise der Familie Leopold Hein. Im Vorfeld hatten sie sich mit dem Thema und der Familiengeschichte beschäftigt. Rührend trugen sie einzelne Gedanken zu den Verbrechen der Nazis vor. 

 

WochenSpiegel-Redaktionsleiter Mario Zender erinnerte in seiner Rede an die Geschäftsfrau Adelheid Hein.Sie entschloss sich mit 72 Jahren ihre Heimat zu verlassen. "Adelheid Hein hat die „Zeichen der Zeit“ damals offenbar schnell erkannt. Sie ahnte wohl, was auf sie und viele andere zukommen würde. Dem Naziterror konnte sie dennoch nicht entkommen. Der Stolperstein soll an sie erinnern und hoffentlich für manchen Betrachter Stein des Anstoßes sein - für einen Blick in die Vergangenheit und auf die Gegenwart." 

Besonders bewegend waren jedoch die Schilderungen von Varda Getzow, der Enkelin von Paul Götzhoff, dem letzten jüdischen Kantors von Cochem. Sie verlas dessen Erinnerungen an jene Nacht, als die Gestapo ihn abholte und er seiner Familie auf unbestimmte Zeit auf Wiedersehen sahen musste. Nicht nur bei seiner Enkelin sorgte der Bericht für Emotionen. Auch Zeitzeugen, die die Familie noch kannte, nahm Anteil an der Geschichte, an die nun mit Stolpersteinen erinnernt wird.

Fotos: Hommes

Bericht folgt!

Die Geschichten hinter den Cochemer Stolpersteinen

Leopold Hein (Stolperstein in der Endertstraße, Cochem, *1867)

Leopold Hein war ein Cochemer Händler, der mit seiner Frau Johanna und seinen beiden Töchtern in der Endertstraße lebte. Er floh im Juni 1939 vor dem Naziterror aus Cochem Richtung Amsterdam. Nazis griffen sie dort jedoch auf und deportierten sie nach Auschwitz. Dort wurden sie 1944 ermordet.

Johanna Hein, geb. Haas (Stolperstein in der Endertstraße, Cochem, *1866)

Johanna Hein war die Frau des Cochemer Häutehändlers Leopold Hein. Genau wie er wurde sie in Ausschwitz ermordet. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Gertrude und Anni. Tochter Gertrude heiratete den Cochemer Erwin Haimann. Dem Ehepaar gelang mit ihrem damals fünfjährigen Sohn Kurt die Flucht in die USA. Tochter Anni Hein, später verheiratete Hart, überlebte Auschwitz, obwohl sie in die grausamen Hände von Dr. Josef Mengele kam, der sie zu medizinischen Versuchen missbrauchte.

Josefine de Leeuw geb. Hein (Stolperstein in der Endertstraße, Cochem, *1875)

Josefine de Leeuw war die jüngere Schwester von Leopold und Adelheid Hein. Sie wurde, genauso wie ihre Geschwister, in Auschwitz ermordet.

 

Adelheid Hein (Stolperstein in der Luisenstraße, Cochem, *1860)

Adelheid Hein war wohl das, was man heute eine moderne Geschäftsfrau nennen würde. Sie betrieb in Cochem ein Lebensmittel- und Porzellangeschäft. Als das Naziregime auch in ihrer Heimatstadt die Herrschaft übernahm, war ihr die Tragweite der Ereignisse offenbar bewusst. Adelheid Hein, Jahrgang 1860, entschloss sich mit 72 Jahren ihre Heimat zu verlassen. Die Cochemerin hätte alles Recht gehabt, ihren Lebensabend an der Mosel zu genießen. Stattdessen wurde sie zu einer Vertriebenen. Die Nazis ließen ihr keine andere Wahl.

Sie starb mit 82 Jahren, nicht friedlich und zufrieden in ihrer Heimat. Sie wurde am 1. Februar 1944 von Rotterdam nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

Paul Götzoff (Stolperstein in der Oberbachstraße, Cochem, *1897)

Paul Götzoff war der letzte Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde Cochem. Seine Eltern wurden 1901 bei einem Pogrom ermordet. Mit vier Jahren wird Paul Götzoff zum Waisenkind.

Seit 1923 war er, neben seiner Anstellung als Oberstudienrat am jüdischen Gymnasium in Köln, Kantor, Prediger und Religionslehrer in Cochem. Direkt neben der Synagoge stand das Haus der Familie Götzoff. Pinkas Götzoff lebte dort mit seiner Frau Rosa und den Kindern Senta und Arko. In der Reichspogromnacht zerstörten Nazis die Cochemer Synagoge und auch die Bibliothek des Kantors, nahmen den Familienvater fest und brachten ihn nach Dachau. Er konnte das Lager verlassen unter der Maßgabe, binnen 24 Stunden auszureisen. Im Januar 1940 reist der Cochemer nach Haifa ein – ohne seine Familie. Seine Frau und seine Tochter sterben in Lodz, seinem Sohn gelingt die Flucht. Der Cochemer Lehrer stirb 1960 verarmt und gebrochen in Israel.

Rosa Götzoff (Stolperstein in der Oberbachstraße, Cochem, *1891)

Rosa Götzoff war die Frau von Paul Götzoff und die Mutter von Arko und Senta. Ohne Vater Paul muss sich die Familie nach der Pogromnacht 1938 durchkämpfen. Nazis haben den Kantor der jüdischen Gemeinde nach Dachau deportiert und zur Ausreise gezwungen. Rosa Götzoff gelingt die Flucht nicht mehr. Sie wird 1941 mit ihrer Tochter Senta nach Lodz deportiert und dort ermordet.

Arko Götzoff (Stolperstein in der Oberbachstraße, Cochem, *1923)

Arko Götzoff gelingt mit 15 Jahren die Flucht aus Nazi-Deutschland. Er kämpft sich 1939 alleine durch, muss jedoch seine Familie, Mutter und Schwester, sowie seine Freunde und Heimat zurücklassen. Er lebte später in Israel, war verheiratet und hat zwei Töchter.

Senta Götzoff (Stolperstein in der Oberbachstraße, Cochem, *1929)

Senta Götzoff ist vier Jahre alt, als sich ihre Kindheit unwiderruflich ändert. Mit der Machtergreifung der Nazis marschieren auch in ihrem Heimatort Cochem Ausgrenzung, Rassismus und Intoleranz ein. Die Tochter des Kantors der jüdischen Gemeinde und ihre Familie leben ab diesem Zeitpunkt in Angst. 1938 verwüsten Nazis die Cochemer Synagoge direkt  neben ihrem Elternhaus. 1941 wird die junge Cochemerin mit ihrer Mutter nach Lodz deportiert und dort ermordet. Senta Götzoff stirbt mit zwölf Jahren.

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