

Im August 2015 prägte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel das Zitat: »Wir schaffen das!« als Reaktion auf den starken Anstieg von Schutzsuchenden aus Krisengebieten. Damit meinte sie primär die Anstrengungen für Länder und Kommunen um eine sozial gerechte Abwicklung der einstigen Lage zu erreichen. Genau in dieser Zeit sind auch Elias, Fereydoun, Amir und Abdullah im Hunsrück eingetroffen. Sie hatten genug von Krieg, Freiheitsentzug und dem permanenten Gefühl in Angst zu leben. »Wir schaffen das« wurde Zielsetzung und zugleich Motivation. Es war kein leichter Start als Analphabeten in einem Land ohne Freunde und eigene Familie klar zu kommen.
Die Aktion »Neuland« der Kreisverwaltung des Rhein-Hunsrück-Kreises brachte 2015 den jungen Männern nach deren riskanter Einreise die erste Unterstützung. Im Rahmen dieser Aktion konnten sich Hunsrücker als Unterstützer melden. Keine leichte Aufgabe und sicherlich auch Überwindung für viele Interessierte. Doch beispielhaft ist die Auffassung von Gabriele Brager: »Unsere Familie und sogar unsere Hunde liegen gemütlich vorm warmen Ofen. Ich sah und hörte von Menschen die keine Bleibe haben, daher musste ich was tun.« Ihre Familie lernte Elias kennen. Beide Seiten hatten direkt Sympathien zueinander und so begann die Entwicklung des damals 17-jährigen. Die anderen landeten zunächst in der Obhut des Schmiedels bevor sie über das Kennenlernen zu Familien gekommen sind.
Elias, Fereydoun, Amir und Abdullah haben das Vertrauen ihrer Förderer zurückgezahlt indem sie sich auf beeindruckende Art und Weise entwickelt haben. Fluggerätewart, Altenpfleger, Anlagenmechaniker und Azubi in der Krankenpflege. In den Berufen wird viel abverlangt, die fachliche Praxis gleichermaßen wie die theoretischen Kenntnisse. Die Fachbücher richtig zu verstehen ist nach dem eigentlichen Erlernen der Sprache eine weitere Herausforderung. Wie Abdullah berichtet, haben auch seine deutschen Kollegen mitunter Schwierigkeiten, die Prüfungsfragen richtig zu verstehen.
Vergleichen möchte sich keiner von ihnen, jedoch sind es die Vergleiche der Deutschen, die manchmal etwas nerven können. Wenn beispielsweise ein Patient ein Klischee der fehlenden Integration beklagt, gehen die Neu-Hunsrücker in den Dialog – Aufklärung statt Streitgespräch. Der Vergleich gibt ihnen Recht. Im Bericht des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Ausgabe 17/2025) ist eine durchaus positive Bilanz zu lesen. Die Beschäftigungsquote der 2015 nach Deutschland zugezogenen Schutzsuchenden beläuft sich neun Jahre nach dem Zuzug auf 64 Prozent, im Vergleich zu 70 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Regional gibt es natürlich Unterschiede. Auf Nachfrage des Wochenspiegels sind dem Rhein-Hunsrück-Kreis seit 2015 laut Kreisverwaltung insgesamt 2 806 Asylbewerber zugewiesen worden, davon 440 Afghanen.
Gleichwohl gibt es auch sichtbare Negativbeispiele. Exemplarisch dafür sind die Ansammlungen von Flüchtlingen in Innenstädten oder an Bushaltestellen. Arbeitsloser Zeitvertreib, Müllablagerungen und dazu noch schamlose Rufe treffen auch bei den vier Afghanen auf Unverständnis. Wenn Elias seine Landsmänner sieht und hört, spricht er sie auf deren Verhalten an. Er fragt auch, warum sie nicht arbeiten wollen und was deren Verhalten soll? Eine genaue Antwort erhält er nicht, jedoch vermutet er Neid für das, was er sich erarbeitet hat. Verweise auf Beratungs- und Bildungsstellen stoßen häufig auf Ablehnung.
Elias, Fereydoun, Amir und Abdullah fühlen sich im Hunsrück sehr wohl. Die Freiheiten, die Natur und vor allem die vielen netten Menschen die sie unterstützt haben, dafür sind alle mehr als dankbar. Sie wissen, dass es viel Zeit und Geduld mit einem Fremden erfordert.
Eine Sehnsucht bleibt jedoch, denn die eigene Familie bleibt zurück. Doch auch wenn die älteren Familienangehörigen Verständnis zeigen und nicht selbst nach Deutschland kommen wollen, versuchten die vier bereits mehrfach ihre Ehefrauen nach Deutschland zu holen. Die Frauen arbeiten zielstrebig an der angestrebten Integration. Zeitlich ist keine Prognose über die Einreise zu treffen, denn aktuell sind die Bemühungen der Bundesregierung zur Einreise von Flüchtlingen aus Afghanistan in einem laufenden Prüfungsverfahren. Wie lange das dauert, weiß keiner. Daher bleiben die vier Männer weiter geduldig, zielstrebig und hoffnungsvoll im Hinblick auf die Zukunft.




