Claudia Neumann

Singend auf dem Weg ins Glück – eine Triererin und die Musik

Trier. Wer Julia Reidenbach zum ersten Mal begegnet, für den bekommt das Wort „Dynamik“ eine neue Dimension.

Denn das blondgelockte Energiebündel mit dem kräftigen Händedruck und dem herzlichen Lächeln bringt morgens um 9 Uhr auch die letzte noch leicht verschlafene Reporterin unverzüglich in den Wachzustand.
Mit genau dieser bemerkenswerten Energie gelingt es der Trierer Musikerin heute regelmäßig, hunderte von Menschen bei ihren Public Singing-Events zu begeistern und emotional zu berühren.
2019 entwickelte die 43jährige das lockere Mitsingformat namens „Just SING“, bei dem Menschen ohne Vorkenntnisse gemeinsam bekannte Songs singen. Seit 2023 gibt es „Just SING“ auch speziell für Kinder und für Senior*innen.
Nach dem Motto „Ein Abend – ein Song – Viele Stimmen“ wird ein bekannter Titel gemeinsam unter der Anleitung von Julia Reidenbach einstudiert und schließlich in Begleitung professioneller Musiker gesungen.
Treffpunkt ist meist die TUFA, aber auch der Brunnenhof an der Porta Nigra dient im Sommer als Open-Air-Location.
Ein unvergessliches Erlebnis, wie zahlreichen Kommentare im Netz belegen.

Von der Erzieherin zur Musikerin

Doch wie kam es zu dieser Idee, die heute so viele begeistert?
Geboren und aufgewachsen in Trier mit vielen musikbegeisterten Geschwistern, ausgestattet mit einer schönen Stimme, gehörte Musik von klein auf zu ihrem Alltag.
Zu einem ihrer schönsten Erlebnisse zählt sie Auftritte bei der Hänsel und Gretel-Aufführung im Stadttheater Trier im Alter von sieben Jahren, bei der sie bereits als Solistin auf der Bühne stand.
Dennoch schlug die junge Julia zunächst einen anderen Weg ein und erlernte den Beruf der Erzieherin. Schnell war sie auch dort wieder bei ihrer Leidenschaft und gab den Kindern Musikunterricht.
Schließlich gelang es ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, die Brücke zu schlagen. Mit dem Kinderchor „Über Brücken“, ein Gemeinschaftsprojekt, in dem Kinder aus dem Trierer Stadtteil „Ost“ gemeinsam mit Kindern aus Trier-West singen, gelang ihr etwas Einzigartiges.
Danach steht für sie fest: Es geht zurück zur Musik. Sie verlässt ein gesichertes, unbefristetes Arbeitsverhältnis als Erzieherin und macht sich mit ihrer Firma „musiconnects“ selbständig.

Talent, Mut und Teamgeist

Rückblickend auf ihren beruflichen Werdegang stellt Reidenbach klar: „es war nichts vorgezeichnet, alles hat sich irgendwie ergeben. Ich bin nie auf ein bestimmtes Ziel zugesteuert.“
Talentierte Menschen haben es oft einfacher bei der beruflichen Orientierung, so sieht es auch die Musikerin: „Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses musikalische Talent mitbekommen habe. Das empfinde ich als großes Privileg.“
Doch Talent allein führt noch lange nicht zum Erfolg, wie man in der Musik an vielen traurigen Beispielen sieht, wenn hochtalentierte Künstler finanziell betrogen werden.
Bei Julia Reidenbach ist das anders. Mut, Tatkraft und ein gutes Bauchgefühl gesellen sich zu ihrer Leidenschaft für die Musik, die sie nach eigenen Worten „stark macht und mich durchs Leben trägt“.
Das Wichtigste ist für sie jedoch das Miteinander, das gemeinsame Erleben mit den Menschen.
In Trier nennt man sie mittlerweile „die Chorkönigin“. Auf die Frage, wie sie das findet, sagt sie schmunzelnd: „Natürlich schmeichelt mir das, aber es stimmt ja nicht. Eine Königin herrscht alleine, hinter mir aber steht ein Team, ohne das mein Job gar nicht funktionieren würde. Ich leite „Just SING“ an, aber die Musiker auf der Bühne, die Teilnehmer und ich, wir sind zusammen ein großes Ganzes. Dasselbe gilt für den Chor „Über Brücken. Ohne mein Team und die vielen ehrenamtlichen Helfer*innen würde das alles nicht funktionieren.

Zwischen Lampenfieber und Leistungsdruck

Schnell entsteht der Eindruck: Diese Frau kann einfach alles. Dem widerspricht sie energisch. „Ich hasse Technik, ich bin in unserer digitalen Welt in vielen Bereichen ein komplett analoger Mensch geblieben.“
Auch das Abgrenzen, Neinsagen und weniger arbeiten fällt ihr manchmal nicht leicht, sagt sie.
Und natürlich gibt es auch schwierige Momente in einem Musikerleben. Reidenbach nennt hier den Druck, krank zu spielen. Damit ist nicht etwa gemeint, eine Krankheit zu simulieren, sondern es geht um den Imperativ der Unterhaltungsbranche: The show must go on – die Show muss weitergehen.
„Egal, wie krank man ist, man trägt Verantwortung für die Kolleginnen, für die Zuschauerinnen, die Eintritt gezahlt haben und man geht auf die Bühne, koste es, was es wolle“ schildert die Musikerin dieses Phänomen.
Glücklicherweise habe man es ihr meistens nicht angemerkt, wenn sie krank auf der Bühne stand, erzählt sie, aber es seien harte Momente gewesen.

Warum Singen glücklich macht

Aber zurück zum Singen. Obwohl altersmäßig nicht wirklich ein Kind der 1980iger Jahre, bestätigt auch Reidenbach das Mantra der Baby-Boomer: „die Musik der 80iger war die Beste.“
„Dieses Jahrzehnt hat die Musikwelt geprägt mit Ohrwürmern und Evergreens“ schwärmt Reidenbach, „wo hört man in der heutigen Musik noch ein gutes Gitarren- oder Saxofonsolo?

Musik lieben ist das Eine, dazu zu singen das Andere. Was sagt Julia Reidenbach Menschen, die sich nicht trauen zu singen, weil sie meinen, sie könnten es nicht?

„Ich verstehe, dass Menschen denken, ihre Stimme sei nicht gut genug und sie könnten nicht singen. Es ist nur so, dass das bei 99% aller Menschen einfach nicht stimmt. Aber Singen ist etwas Intimes und erfordert Loslassen. Das muß man erstmal schaffen.“
Singen verbindet und tut gut.

„Zu 'Just SING' kommen auch manche, denen es gerade nicht so gut geht, die durch schwierige Lebensphasen gehen“, erzählt Reidenbach. „Ich hoffe, dass die Menschen, die meine Veranstaltungen besuchen, ein bisschen glücklicher nach Hause gehen, als sie gekommen sind.“

Heimat bleibt Trier

In relativ jungem Alter hat Julia Reidenbach viel erreicht. Was hat sie noch vor? Wo sieht sie sich in zehn Jahren?
Weniger arbeiten nennt sie als ein Ziel. Ihren Kindern vom Zuschauerraum aus zuzusehen, denn auch sie seien Bühnenmenschen. Überhaupt der jungen Generation Raum und Bühne geben.

Eins steht nicht zur Debatte: ihre Heimatstadt Trier verlassen. „Ich bin hier so zuhause, das ist meine Stadt, meine Heimat, ein Ort an dem ich immer gute Gespräche habe.“

Und wie wünscht sich die Chorkönigin die nahe Zukunft?
„Mit meiner Familie und Freunden das Leben feiern, neue Menschen kennenlernen, gut essen, im Hier und Jetzt leben. Singen.“

Text: Elke Specht