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Gorbatschows Erben – neue Einblicke in den Osten

Der ehemalige Stern Fotoreporter Harald Schmitt machte zusammen mit seiner Frau Annette 2015 und 2016 zwei Reisen in den Osten Europas. In seiner aktuellen Ausstellung "Gorbatschows-Erben. Ost-Europa zwischen Blutrache und Weltkulturerbe" lässt er die Besucher mit seinen Fotos daran teilhaben und regt zu Gesprächen an.
Bilder

Sein ganzes Leben war Harald Schmitt in der Welt unterwegs. Beruflich zum Fotografieren und Festhalten wichtiger politischer Geschehnisse. Und diese Leidenschaft lässt ihn auch im Ruhestand nicht los: "Den Westen kennen viele, den Osten nur wenige!" Und mit diesem Gedanken ging es auf Richtung Osten. Seine Ehefrau und Begleiterin Annette, eine Restaurateurin, war ihm dabei aufgrund ihrer Geografie- und Russischkenntnisse eine große Hilfe. 

Die Idee

Schmitt war viele Male beruflich im Osten. Doch nun wollte er diesen Teil Europas festhalten, "wie es niemand kennt". Dazu gehörte es, die großen Städte zu meiden, die Länder über Gespräche mit der Bevölkerung kennen zu lernen und ungeahnte Mühen auf sich zu nehmen. Die Fotos sollen keine geschönte Wirklichkeit zeigen, sondern den Betrachter aufwecken und zum Nachdenken, Grübeln und Staunen anregen. Lebensfrohsinn trifft Apathie ebenso wie Hoffnung auf Resignation.

Geografie- und Gesellschaftskunde von Nord nach Süd

Wie sieht er nun aus, der "wilde Osten"? In den Masuren fanden sich jedenfalls keine kopftuchtragenden alten Damen. Und die Pferdestärken haben sich deutlich erhöht: Keine Panjewagen, sondern westeuropäische Autos fahren hier. Weiter südlich Einiges Neues: Wer weiß schon, dass Moldawien nun Republik Moldau heißt und das dortige russenfreundliche Transnistrien zwischen Ukraine und dem Fluss Dnistr gerne eigenständig wäre? Man dort mit transnistrischem Rubel zahlt, aber einen moldauischen Pass hat? Hier befindet sich sogar eine Lenin-Statue und Panzer überwachen Brücken, "als ob sie Sowjetunion spielen". In den Karpaten wiederum ist es wie in den Alpen, nur vor 40 Jahren. Nicht weit weg: das Weltkulturerbe Hermannstadt (Sibiu). Doch wer kennt dessen deutsche Vergangenheit heute noch? Wer weiß von dem Denkmal an die Untergrundbewegung in den 80er Jahren in Tschechien? Im slowenischen Ljubljana scheint es wie in Frankreich. Bosnien hingegen ist immer noch ein unruhiges, zerfetztes Land. Die vielen Friedhöfe erinnern an den Balkankonflikt und noch immer sind hier Vertreter der EU-Mission "LOT" (Liaison and Observation Team) stationiert.

Von der Suche nach Anerkennung und beschmierten Statuen

Ein Kuriosum: Eine Brücke über die Neretva verbindet zwei Stadtteile von Mostar. Doch vielmehr wird hier eine Grenze zwischen den Bosniaken im Osten und den bosnischen Kroaten im Westen deutlich. Der Einfachheit halber gibt es zwei Stadtverwaltungen, zwei Schulsysteme, zwei Unis, zwei Bahnhöfe. -Man fragt sich nach dem Sinn der Brücke. Und was sagt den meisten FYROM? Es meint die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien (Former Yugoslav Republic of Macedonia). Dort leben Mazedonier, Türken, Albaner, Griechen, Bosniaken, Roma, Aromunen und Meglenorumänen. Es ist von der EU anerkannt und versucht sich zu etablieren. Doch ob das mit deren Premier funktionieren wird? Er blockiert Wahlen, gibt immense Gelder aus der Staatskasse für pompöse Statuen und Monumente aus. Das Volk demonstriert und beschmiert diese jede Woche mit bunten Farben (Coloured Revolution). Der Kosovo sucht immer noch nach Anerkennung. In Albanien wiederum beten deutsche Nonnen mit Muslimen und der Chef des Bektashi Ordens predigt eine liberale Auslegung des Korans, bei dem Mann und Frau gleich sind und sich niemand verschleiern soll. Gleichzeitig gibt es hier das Problem der Blutrache.

Trennen und abgrenzen – Europas Zerfall?

Das Zusammenwachsen europäischer Länder scheint in einigen Teilen Osteuropas gestoppt. Man denke nur an die gegen die Flüchtlinge hochgezogenen Grenzen zwischen Ungarn und Serbien, Slowenien und Kroatien, Bulgarien und der Türkei. Der Osten macht dicht. Und gleichzeitig gibt es im Inneren dieser Länder noch eine Menge zu tun. Schmitt fragt sich: "Wie soll es ein wirklich vereintes Europa geben, wenn immer noch, tief im Inneren, diese Animositäten bestehen?" Die Folgen von Kriegen und politischen Wechseln, das Autonomiestreben einzelner Landstriche und das weite Auseinanderklaffen von Arm und Reich sorgen immer noch für Unruhe. Und gleichzeitig zeigten sich dem Ehepaar Schmitt freundliche und hilfsbereite Menschen. Menschen, die nach vorne schauen, unabhängig ihrer Religion und Ethnie friedlich miteinander leben. Was der Westen größtenteils kennt, sind die Medienberichte. Schmitt zeichnet allerdings mit seinen Bildern ein anderes, direkteres Bild dieser Länder. Mit allem Schönen und Unschönen. Ein "Bild" kann sich dabei jeder selbst machen.

Fazit

Nach zwei Jahren in den vielen Ländern des Ostens bringen Annette und Harald Schmitt ein Kaleidoskop von Eindrücken unterschiedlichster Ethnien, politischer Systemen und Landschaften mit. Das Bildmaterial ermöglicht eine lebendige Vorstellung von für uns unbekannten Regionen. Insgesamt haben Harald und Annette 21 Länder 2015 und 2016 besucht und dabei eine Strecke von über 24.000 Kilometer zurückgelegt. Die Schmitts sahen viel Schönes und Einiges, was noch in Ordnung gebracht werden muss. Besonders auffallend waren aber immer wieder die Einheimischen, die wenig Anteil an den politischen Undordnungen haben. Sie waren zumeist sehr gastfreundlich und offen. Und träumen von einer besseren Zukunft in der EU, die sie vor allem mit Frieden verbinden. Schmitt zieht ein Fazit: Die Bevölkerung Osteuropas ist zumeist begeistert von Deutschland, vor allem wegen der geringen Korruption und sieht die Möglichkeiten der EU. Aber: "Die Korruption, 'Neokommunismus', die Jugendarbeitslosigkeit, der Wunsch nach Deutschland oder ins Ausland zu gehen ist allgegenwärtig." Die EU stützt und schützt die meisten dieser Länder. Gorbatschows Erben haben aber noch einen weiten Weg vor sich.

Öffnungszeiten

Die Fotoausstellung in der ERA Trier ist noch bis zum 13. Januar 2017, immer montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 16 zu bestaunen. SF, Fotos: Friedrich


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