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Hoffnung ist schön

Zu Besuch bei einer professionellen Make-Up-Beratung für Frauen mit Krebs: 230.000 Frauen in Deutschland erhalten diese Diagnose jedes Jahr. Sie kämpfen nicht nur um ihr Leben, sondern auch mit ihrem Spiegelbild. Jeden Tag. Haarausfall, Verlust von Wimpern und Augenbrauen, Hautirritationen, Chemo- oder Strahlenbehandlungen führen zu drastischen Veränderungen ihres Aussehens.
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Donnerstagnachmittag in den Räumen der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz in Trier. Ein  schön sortierter Tisch, Schminkspiegel an jedem Platz, Kaffeetassen, Blumen. Acht Krebspatientinnen werden hier in einem zweistündigen, kostenlosen Kosmetikseminar lernen, wie sie ihre äußeren Veränderungen kaschieren können. Von der Pflege der beanspruchten Haut, dem Auftragen der Grundierung oder dem natürlichen Nachzeichnen der ausgefallenen Härchen bis hin zum Abdecken von Hautflecken.
Möglich machen das die Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz und die DKMS Life GmbH mit  ihrem »look good feel better«-Programm. Bundesweit sind für die gemeinnützige Tochtergesellschaft der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) mehr als 280 ehrenamtliche Kosmetik-Expertinnen im Einsatz. In Trier begrüßt Lydia Neumann die Teilnehmerinnen. »Ich habe höchsten Respekt vor der Krankheit Krebs und auch vor Ihnen« erklärt sie, während sie große Taschen mit allerlei Tuben, Tiegeln und Döschen verteilt.

Schicksal verbindet

Die Frauengruppe ist altersmäßig gemischt. Reifere, aber auch sehr junge Patientinnen sitzen am Tisch. Einige tragen Perücken, andere Mützen oder Tücher. Neugierig packen die Teilnehmerinnen ihre Taschen aus und staunen erst mal. Dank prominenter Partner aus der Kosmetikindustrie können die Seminare mit abgestimmten, hochwertigen »Schönmachern« veranstaltet werden. Prominente wie Barbara Schöneberger oder  Guido Maria Kretschmer unterstützen das Projekt.
Kosmetikerin Lydia Neumann erläutert die Vorteile von Mizellenwasser zur Reinigung, das sie während der Krebs-Therapie besonders empfiehlt. »Ganz wichtig ist auch ein hoher Sonnenschutz«, rät sie.  Das Eis ist schnell gebrochen, die Frauen kommen ins Gespräch.  Schicksal verbindet.  Die Referentin gibt Tipps, wie die Frauen mit ihrem jetzt blassen und sehr empfindlichen Teint besser umgehen können, beantwortet auch viele individuelle Fragen. Die Frauen nicken. Alle haben die physischen Belastungen des Medikamenten-Cocktails erfahren und dadurch viel von ihrem Selbstbewusstsein eingebüßt. Sie fühlen sich zusätzlich von der Krankheit  gezeichnet.

Perfekt ist unwichtig

Dementsprechend kritisch fallen auch die Blicke in die Spiegel aus. Aber auch erwartungsvoll.  »Auf ein perfektes Make up kommt es gar nicht an«, ermuntert die Kosmetikerin. »Eher darum, für den Alltag ein natürliches und frisches Aussehen zu erreichen und damit auch wieder ein Stück Normalität.« Foundation, Puder, Rouge, Lidschatten und Concealer: für einige am Tisch sind das ungewohnte Accessoires. »Vor der Erkrankung habe ich mich nur wenig geschminkt und noch nie einen Lippenstift benutzt«, sagt Margarete* (60), deren Haare gerade wieder nachwachsen. Sie lächelt. »Aber heute mache ich das, vor allem weil die Lippenstift-Marke so heißt wie meine Tochter: Marie.«
Sabine* (32) hat gerade Chemo-Halbzeit und hantiert ein  bisschen ungeübt mit einem Augenbrauenstift. »Das muss ich jetzt wohl lernen. In einigen Wochen werden alle meine Haare ausgefallen sein.« Beate* (28) hat »den Bogen« dagegen schon raus. Ihre gemalten, fein geschwungenen Linien nehmen dem Gesicht wie von Zauberhand den müden Ausdruck.  »Reine Übungssache«, meint  sie. »Leider.  Ich muss das ja schon seit Juli machen«. Die Frauen legen selbst Hand an, probieren verschiedene Farben und Techniken aus. Am Kopfende des Tisches laufen unterdessen fröhliche »Geschäfte«:  Tausche Lippenstift in meiner Lieblingsfarbe gegen Lidschatten-Palette. »Deal!« Dana* (25) und Magda*  (63) sind sich schnell einig. Magda ist geübt im Schminken, lernt aber trotzdem viel Neues. Zum Beispiel, dass weniger mehr sein kann. »Ich habe während der Krebstherapie durchgearbeitet. Ist die beste Medizin«, meint sie und zeigt stolz ein Foto ihrer beiden Töchter.
Längst geht es am Tisch  auch um andere Themen. »Ehe mein Mann aufsteht, muss meine Perücke sitzen. Ich fühle mich so hässlich ohne Haare …« Magda sagt das so, als ob sie übers Wetter redet. Sabine* wird emotionaler. »Meine Kinder möchten mich so auch nicht sehen …« Die zwei Stunden vergehen wie im Flug, viele Perücken sind gefallen, die Frauen strahlen. Für die Referentin gibt es Applaus. Kosmetik als Therapie? Dana bringt es auf den Punkt: »Ich bin dankbar für den wertschätzenden Umgang miteinander und die Zeit hier. Jetzt habe ich wieder den Mut, mich mit mir selbst zu befassen. Hoffnung  haben ist schön …«
(* Alle Namen geändert)


  • Die nächsten Seminare finden am 24. Oktober und 28. November in Trier sowie am 15. November in Wittlich statt.

  • Alle Infos online: www.dkms-life.de

Kostenfreie Hilfe für Krebspatienten

Jedes Jahr erkranken in Rheinland-Pfalz etwa 33.000 Menschen neu an Krebs. Ihr Unterstützungsbedarf ist groß: rund ein Drittel der Betroffenen benötigt psychoonkologische Begleitung.
Das Informations- und Beratungszentrum Psychoonkologie Trier ist eine von vier Beratungsstellen, die die Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz e.V. landesweit dafür unterhält. Derzeit sind 40 Außenstellen angegliedert. »Wir helfen Betroffenen und ihren Familien dabei, ihrem Leben eine neue Perspektive zu geben und bieten Ansprechpartner für Sorgen und Nöte rund um die Krankheit Krebs,« sagt Dipl.-Päd. Carlita Metzdorf-Klos, Leiterin der Beratungsstelle Trier. Dazu gehört zum Beispiel die psychoonkologische Beratung (Einzel-, Paar- und Familiengespräche, auch für Kinder und Jugendliche) in Trier und in den Regionen Wittlich, Bernkastel, Hermeskeil, Prüm, Daun, Bitburg, Saarburg und Idar-Oberstein.
Die Patienten können dabei in allen nicht medizinischen Belangen rund um die Krebserkrankung unterstützt werden – egal ob bei sozialrechtlichen Fragen, Wiedereingliederung in den Beruf oder Familienfreizeiten. Yoga, Tanzen, Malen oder Kosmetikseminare vervollständigen das Angebot. Die Kosmetik-Seminare stellen einen Baustein im Gesamtpaket der Krebsgesellschaft dar.  »Das ist ein bisschen wie Körper und Seele wieder zusammenführen,« sagt Carlita Metzdorf-Klos.

(Stephanie Baumann).