Mit fünf Jahren zum Opfer geworden

Kreis Euskirchen. Rund 14.000 Kinder werden in Deutschland jährlich Opfer von sexuellem Missbrauch. In der Statistik von 1972 ist auch der damals fünfjährige Markus Diegmann aufgeführt. »Mit neun Jahren wollte ich das erste Mal sterben«, erzählt der heute 51-Jährige. Mittlerweile bezeichnet er sich als »Überlebender«, mit dem Ziel vor Augen, eine Million Unterschriften zur Abschaffung der Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch zu sammeln.

Seit wenigen Tagen ist Markus Diegmann, der in Wipperfürth geboren ist, mit seinem Wohnmobil auf Tour und in den Städten Deutschlands auf Unterschriftenjagd - so auch in Euskirchen. Immer mit dabei: sein Australian Shepherd »Herr Picasso«. »Mein Hund und mein Wohnmobil sind meine Therapie. Herr Picasso ist ausgebildeter Rettungshund und wenn ich es an einem Ort nicht mehr aushalte, fahre ich wieder«, erklärt Diegmann.

Acht Geschwister

In Euskirchen parkt er mit einem besonders mulmigen Gefühl auf dem Gardebrunnenplatz und legt seine Unterschriftenliste zur Abschaffung der Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch aus. Er erklärt: »Einer der Täter von früher wohnt in Euskirchen«. Unterstützung erhält er daher von zweien seiner acht Geschwistern. Seine Schwester wohnt in Euskirchen. »Bis zu meinem fünften Lebensjahr hatte ich eine unbeschwerte Kindheit. Mit neun Kindern im Haus konnten wir tun und lassen was wir wollten. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester und war sehr engagiert und mein Vater jobbedingt viel unterwegs«, erinnert er sich. Dennoch wünscht er sich rückblickend, behüteter aufgezogen worden zu sein.

Schläge statt Mitgefühl

»Ich frage mich, ob niemand bemerkt hat, dass ich missbraucht wurde«. Als Fünfjähriger habe er zwar gewusst, dass sich das, was geschehen war, nicht richtig angefühlt hat, dennoch war ihm so jung nicht klar, dass er Missbrauchsopfer geworden ist. Die Folge war, dass er sich mit sechs Jahren wieder in die Hosen gemacht hat. »Mein Vater bestrafte mich dafür mit Schlägen und ich musste meine Kleidung in einem Eimer selbst reinigen«, erinnert er sich mit Tränen in den Augen. Mit neun Jahren, nachdem sich nur wenige Zeit später ein weiterer Mann an ihm vergriffen hat, wollte er sich das erste Mal umbringen. »Ich hatte das Gefühl, ‚Mit mir kann man es machen‘ auf der Stirn stehen zu haben. Es war wie eine Verschwörung«. Mit 15 Jahren und nachdem ein Freund seines Vaters ebenfalls seine Vorliebe für kleine Jungs offen kundgetan hat, war dann Schluss. Doch geschwiegen hat Markus Diegmann nach wie vor. »Ich habe mich geschämt, auch wenn man eigentlich weiß, dass man selbst keine Schuld trägt«.

Motivation

Anfang der 90er Jahre öffnete er sich der Polizei, wollte Anzeige erstatten - vergebens. »Man sagte mir, die Verjährungsfrist von zehn Jahren sei abgelaufen«. Heute ist dieser Rückschlag seine Motivation für seine »Tour 41« - 41, weil durchschnittlich 41 Kinder am Tag in Deutschland missbraucht werden.  

Seine Mission

»Wenn ich alle Unterschriften zusammen habe, fahre ich damit persönlich zu Familienministerin Manuela Schwesig und fordere die Politik auf, endlich zu handeln«, ist Markus Diegmann fest entschlossen. Neben seiner Unterschriftenliste steht außerdem eine Sammelbüchse. »Mit dem Geld möchte ich die Klara Feldhoff Stiftung gründen, benannt nach meiner Mutter. Sie soll Opfern in einem sicheren Haus direkte Hilfe bieten«, erzählt Diegmann von seinen Plänen.

Hilfe für Opfer

»Die Erfahrung zeigt, dass es Opfern von Straftaten oft schwer fällt, mit anderen Menschen über die erlittene Tat zu sprechen«, so Rudi Esch, Außenstellenleiter Weisser Ring Euskirchen. Der Weisse Ring bietet Kriminalitätsopfern persönliche Beratung sowie Hilfestellung im Umgang mit Behörden. Die Außenstelle ist in der Unitasstraße 152, Euskirchen, zu finden. Tel. 02251-7775870.

@ Mehr dazu im Netz:

www.tour41.net

www.weisser-ring.de

 

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