Julia Borsch

"Erinnerungen werden wieder wach"

Region. Christian Kling vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma im Gespräch über den Holocaust.

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Christian Kling ist im Vorstand des Landesverbandes (RLP) Deutscher Sinti und Roma. Foto: Edith Billigmann

Christian Kling ist im Vorstand des Landesverbandes (RLP) Deutscher Sinti und Roma. Foto: Edith Billigmann

Foto: Edith Billigmann

Christian Kling ist Nachfahre in zweiter Generation von Holocaust-Überlebenden. Der Schatten des Nationalsozialismus ist für seine Familie noch immer spürbar. Nun, mit dem Erstarken des Rechtsradikalismus, werden Erinnerungen wieder wach, kommen altbekannte Ängste hoch. "Und die sitzen tief", sagt Christian Kling, seit drei Jahren im Vorstand des rheinland-pälzischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma.

Sehen Sie hier ein kurzes Statement von Christian Kling im Videoformat.

WochenSpiegel: Herr Kling, wiederholt sich gerade die Gechichte?

Christian Kling: Ich hoffe nicht, aber Parallelen sind nicht zu übersehen. 2017 ist mit der AFD die erste rechte Partei in den Bundestag eingezogen. Die Entwicklung, die sie in der Ausrichtung, aber auch in der breiten Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung genommen hat, ist erschreckend. Würden Sie trotzdem sagen, dass darin auch eine Chance liegt? Nur, wenn die breite Masse die Gefahr erkennt und aktiv dagegen vorgeht. Leider hat man das Gefühl, dass Rechtspopulisten wieder hoffähig geworden sind. Aber man sollte sich in einer aufgeklärten Gesellschaft immer dessen bewusst sein: Man kann jetzt nicht mehr sagen: "Ich habe es nicht gewusst."

Was meinen Sie, worin die große und zunehmende Akzeptanz der rechtsradikalen Ideologie ihre Ursache hat?

Ganz genau an einer Sache festmachen kann man das glaube ich nicht. Eine große Rolle spielt aber sicherlich ein zunehmende politische Unzufriedenheit. Dabei scheinen viele sogenannte Protestwähler rechtsradikales Gedankengut ganz bewusst in Kauf zu nehmen.

Wie fühlen Sie sich als Nachfahre der Holocaust-Generation?

Wenn ich ehrlich bin: Als Kind waren es die Geschichten der Großeltern. Man hätte es nicht für möglich gehalten, dass das Thema Ausgrenzung und Deportation wieder brandaktuell wird. Manchmal fühlt man sich dann machtlos, aber es stimmt auch wieder positiv, wenn man sieht, dass man mit dem Kampf gegen Rechtextremismus nicht alleine ist, wie man auf beeindruckende Art am vergangenen Wochenende auch in Trier und vielen anderen Städten gesehen hat.

Ihr Großonkel hat vergangene Woche vor der UNO die Rede anlässlich des Holocaust-Gedenktages gehalten. Er ist dafür bekannt, dass er den Dialog schätzt.

Ja, das tut er, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Denn es geht nicht um Schuldzuweisung für Vergangenes, sondern um Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft. Er sieht in den jungen Menschen die Zukunft und will mit seinem Erfahrungsschatz dazu beitragen, dass Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Das ist eine Möglichkeit, Geschichte im Bewusstein zu halten.

Welche gibt es noch?

Zunächst möchte ich klar stellen, dass es nicht um Schuldvergabe geht, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, und um die Bereitschaft, sich mit der eigenen Geschichte zu identifizieren. Der Antiziganismus, dessen Ursprung bis ins Mittelalter reicht und im 3. Reich in seinem Höhepunkt gipfelte, endete nicht mit dessen Zerschlagung. Vielmehr hat er sich verändert und wurde viel zu lange ignoriert. Auch deshalb hat der Landesverband die Melde- und Informationsstelle für Antiziganismus in Rheinland-Pfalz gegründet.

Die Fragen stellte Edith Billigmann.

 


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