

Stephan Orth ist in Ecuador, als er sich in den Videocall mit dem WochenSpiegel schaltet. Noch wenige Tage bleibt er in dem südamerikanischen Land, dann geht es für ihn zurück nach Deutschland. Kurz nach Hause und anschließend weiter nach Prüm, wo er eine Lesung hält. In der Eifel war Orth bislang noch nicht, freut sich aber auf den Besuch.
Neue Orte zu entdecken und vor allem Menschen kennenzulernen hat der Journalist und Bestsellerautor zu seinem Beruf gemacht. Früher Redakteur bei Spiegel Online arbeitet Orth heute als selbständiger Autor und reist als Couchsurfer um die Welt. Statt in Hotels zu übernachten kommt er auf Sofas oder in Gästezimmern von Einheimischen unter. Dieser besondere Zugang hat ihn bereits in viele Länder geführt unter anderem in den Iran, nach Russland, China und Saudi Arabien. Seine Erfahrungen hält er in Büchern fest, zuletzt in "Couchsurfing in der Ukraine Meine Reise durch ein Land im Krieg".
"Couchsurfing gibt mir die Möglichkeit, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen und das Land auf eine authentische Weise zu erleben. Es geht darum, wirklich Teil des Lebens vor Ort zu werden", erklärt Orth. Dass dabei die Grenzen zwischen Journalist, Autor und Gast verschwimmen, sei für ihn gewollt.
"Oft fühlt es sich nach einigen Tagen wie eine gute Freundschaft an. Die Leute vergessen schnell, dass ich Journalist bin. Sie freuen sich, dass ich so interessiert bin und viele Fragen stelle. Aber manchmal muss ich sogar aufpassen, dass ich sie vor dem, was sie sagen, schütze", sagt er.
Während seines Aufenthalts in der Ukraine packte Orth auch selbst mit an, etwa bei der Initiative Repair Together, die Häuser in zerstörten Dörfern wiederaufbaut. "Es ist unglaublich, wie lange es dauert, auch nur ein einziges Haus wiederaufzubauen", sagt Orth. "Und wenn man bedenkt, wie viele Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht wurden, wird einem klar, dass das ein gigantisches Projekt ist."
Trotz der allgegenwärtigen Zerstörung habe er immer wieder Hoffnung erlebt. "Die Hoffnungsmomente sind die menschlichen Begegnungen, in denen man merkt, was für eine unfassbare Widerstandskraft Menschen in einer Existenz unter täglicher Lebensgefahr haben", sagt Orth. "Und doch machen sie weiter, tun jeden Tag wieder das, was getan werden muss, und geben sich nicht auf."
Doch nicht nur die Ukraine hat Orth geprägt. Auch seine Reisen nach Russland im Jahr 2016 hinterließen bleibende Eindrücke. "Russland war immer ein Land der Kontraste für mich", sagt er. "Ich habe sehr herzliche Gastgeber erlebt und ein Land mit einer hochinteressanten Vielfalt an Kulturen. Und gleichzeitig schon damals gesehen, welche Auswirkungen die dortige Propaganda auf das Weltbild der Menschen hat."
In seinem Buch mit dem provokanten Titel "Couchsurfing in Russland Wie ich fast zum Putin Versteher wurde" sei er deshalb der Politik kritisch, den Menschen aber sehr wohlwollend begegnet. Anfang 2022 habe er erneut Kontakt zu einigen früheren Gastgebern gehabt.
"Ich war schockiert, wie viele sich für den Krieg aussprachen und sich abfällig über Ukrainer äußerten. Und da ist bei mir auch persönlich etwas zerbrochen von der positiven Einstellung, die ich gegenüber Russland hatte."
Orth verfolgt den Krieg gegen die Ukraine seit Beginn intensiv. Am Sonntag, 18. Januar, spricht er in Prüm im Rahmen der Reihe "Brennpunkt Geschichte" über das Leben der Menschen, bei denen er zu Gast war, zwischen Krieg und Alltag. Dabei geht es auch um die Frage Was hat das alles mit uns zu tun?
Stephan Orth zu Gast in Prüm
Reihe: "Brennpunkt Geschichte" Geschichtsverein Prümer Land
Thema: Ukraine
Multimediavortrag: Lesung aus "Couchsurfing in der Ukraine"
Termin: Sonntag, 18. Januar
Uhrzeit: 19 Uhr
Ort: Prümer Konvikt
Eintritt: frei




